Zeit 14.08.2026
10:09 Uhr

»Die wilden Hühner«: Noch einmal am Marmeladenglas schnuppern


Cornelia Funke bringt ihre beliebten Jugendbücher als TV-Serie zurück: jetzt über Frauen in ihren Dreißigern. Warum wir »Die wilden Hühner« heute noch brauchen.

»Die wilden Hühner«: Noch einmal am Marmeladenglas schnuppern
In einem Marmeladenglas können 200 Milliliter zermanschte Erdbeeren verschraubt werden. Oder Erinnerungen. So wünscht es sich Frieda aus der Buchreihe Die wilden Hühner von Cornelia Funke: »Wisst ihr, was ich mir manchmal vorstelle? Dass man so eine schöne Zeit einfach in ein Marmeladenglas stecken könnte. Und wenn man unglücklich ist, dreht man einfach den Deckel auf und schnuppert ein bisschen dran.« Mehr als 30 Jahre nach Erscheinen des ersten Buchs und 20 Jahre nach dem ersten Film soll nun eine Serie über Die wilden Hühner in ihren Dreißigern produziert werden. Die Hühner als freilaufende Erwachsene. Fans von früher sind begeistert – lange bevor überhaupt eine Besetzung feststeht, geschweige denn Dreharbeiten begonnen haben. Sie wollen nach all der Zeit das Marmeladenglas ihrer Kindheit aufdrehen und an der Welt der Hühner schnuppern. Doch wonach genau sehnt man sich zurück, wenn die Figuren der Kindheit in der Gegenwart angekommen sind? Lange fand sich keine Produktionsfirma, die die Serie nach Drehbüchern von Cornelia Funke umsetzen wollte. »Die Jungs« in der Filmbranche würden die Hühner einfach »nicht checken«, posteten Funke und die Journalistin Mona Ameziane auf Instagram – und suchten öffentlich nach Produzentinnen und Produzenten. Das Video ging viral, und die Zielgruppe für die Serie versammelte sich in den Kommentaren darunter. Vier Wochen später hatte Funke Produzentinnen gefunden , die es »checkten«. Zunächst wollen diese noch anonym bleiben, vermutlich um sich vor Initiativbewerbungen von Hühner-Darstellerinnen zu schützen. In Die wilden Hühner geht es um die Freundinnen Sprotte, Frieda, Wilma, Trude und Melanie. Im dritten Buch und ersten Film finden sie in einem Wohnwagen im Grünen ihr Refugium, ihr Bandenquartier. Dort liegen sie in der Sonne, essen Kuchen und füttern ihre Hühner, die sie vor der schlachtenden Oma von Sprotte gerettet haben. Sie verbünden sich gegen die Welt da draußen und vor allem gegen die wesentlich uncoolere Jungsbande namens Pygmäen. Doch trotz aller Marmeladenglasmomente ist die Welt in den Büchern und Filmen nicht heil: Der Vater einer der Pygmäen ist gewalttätig, Melanies Vater ständig arbeitslos, Trudes Eltern sind getrennt, Sprottes Mutter ist entweder unglücklich single oder Sprotte unglücklich mit der Partnerwahl ihrer Mutter. Aber bei all ihren kleinen und großen Unglücken haben die Mädchen immer noch ihren Wohnwagen, zu dem Jungs nur in Ausnahmefällen Zutritt erhalten. Sie haben ihre Hühner und vor allem haben sie einander. Sie sind Komplizinnen, eine sisterhood , wie man heute sagen würde. Bullerbü für Mädchenbanden 23 Jahre nach dem fünften und letzten von ihr selbst geschriebenen Band, so viel hat Cornelia Funke bereits verraten, sind die Hühner in der Serienadaption immer noch Freundinnen. Sprotte arbeitet für eine Naturschutzorganisation in Papua-Neuguinea. Frieda unterrichtet als Grundschullehrerin. Wilma ist TV-Star, aber genervt vom deutschen Fernsehen. Melanie hat mit 17 ein Kind bekommen und führt in Buxtehude den Klempnerbetrieb ihres Onkels. Trude eröffnet nach einer Konditorausbildung in Frankreich ihr eigenes Café – und bringt damit die Bande nach Jahren wieder zusammen. Zum Glück für die Fans hat Funke das literarische Geburtsdatum ihrer Figuren ignoriert, denn Sprotte und Co. müssten eigentlich inzwischen Anfang 40 sein. Im ersten Band aus dem Jahr 1993 waren sie etwa neun Jahre alt. Doch Hühner kurz vor der Prämenopause wären nicht zielgruppengerecht. Es waren schließlich vor allem die Filme aus den Jahren 2006 bis 2009, die die Kinder dieser Jahre prägten, Kinder, die heute Anfang 20 bis Mitte 30 sind. Auf Social Media nutzen sie das Hashtag #marmeladenglasmomente, unterlegen Videos von Treffen mit Freundinnen mit der Titelmelodie des ersten Filmes und ästhetisieren damit eine Art Bullerbü für Mädchenbanden. Die Serie über die Hühner in ihren Dreißigern dürfte auf ein Publikum abzielen, das sich gerade selbst in dieser Phase befindet – oder dem sie unmittelbar bevorsteht. Es ist ein Lebensabschnitt, der einem in Zeiten von Krieg und Klimakrise herausfordernder erscheint als in den 1990er- oder 2010er-Jahren, aus denen die Romane und Filme stammen. Funke selbst hat das in einem Interview mit dem Spiegel gesagt. Weswegen die Hühner als Identifikationsfiguren, als Gruß aus der Kindheit, heute umso mehr gebraucht werden. Kein Fan der Wilden Hühner wird sich mit der neuen Serie in eine heile Welt flüchten wollen; auch die Welt der Figuren war schließlich keine solche. Doch das Publikum dürfte sich nach Geschichten über Freundinnen sehnen, die in einer angeknacksten Welt zueinanderstehen – und für die der Sommer noch immer nach Limonade und Kuchen schmeckt und nach Gras und auch ein bisschen nach Hühnerstall riecht. Was man halt so schnuppert, wenn man die alten Marmeladengläser noch einmal aufschraubt.