Zeit 12.08.2026
07:44 Uhr

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Wieviel Erfahrung schadet in der Politik?


Im französischen Präsidentschaftswahlkampf tummeln sich erstaunlich viele, die schon einmal regiert haben. Sogar François Hollande überlegt, ob er noch einmal antritt.

Präsidentschaftswahl in Frankreich: Wieviel Erfahrung schadet in der Politik?
Wer in ein Flugzeug steigt, hofft, dass der Pilot oder die Pilotin nicht zum ersten Mal im Cockpit sitzt. Schön wäre es, wenn er oder sie schon ein paar Starts gemacht hätten – und auch Landungen. Ähnlich ist es beim Arzt. Wer lässt sich schon gerne von einem Anfänger operieren? Erfahrung schafft Vertrauen. Aber gilt das auch in der Politik? Wie viel zählt die Erfahrung noch in einer Zeit, in der so vieles neu ist? Die Frage führt mitten hinein in den französischen Präsidentschaftswahlkampf . Im kommenden Frühjahr wird in Frankreich ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Emmanuel Macron darf nach zwei Amtszeiten nicht noch einmal antreten. Die Entscheidung, wer nach ihm in den Élysée einziehen wird, hat Folgen, nicht nur für Frankreich, sondern auch für Deutschland und ganz Europa. Viele Alte und Ehemalige kokettieren mit einer Kandidatur Das Feld der Bewerberinnen und Bewerber ist noch etwas unübersichtlich. Zwei bis drei Dutzend Namen zirkulieren. Einige haben bereits angekündigt, dass sie antreten werden. Andere halten sich die Entscheidung noch offen. Dabei fällt auf: Unter denen, die gehandelt werden, sind erstaunlich viele Alte und Ehemalige. Has beens , die sich vor allem auf eine Qualität berufen – ihre Erfahrung. Der Bekannteste unter ihnen ist François Hollande . Der Sozialist, der schon einmal Präsident war, ist vor zwei Jahren als Abgeordneter ins Parlament zurückgekehrt . Seitdem sondiert der 71-Jährige unverdrossen seine Chancen. Hollandes Präsidentschaft verlief unglücklich. Am Ende seiner ersten Amtszeit, 2017, war er so unbeliebt, dass er auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Doch mittlerweile sehen viele Franzosen ihn in einem milderen Licht. Und Hollande selbst hofft, dass er in den kommenden Monaten einen Trumpf ausspielen kann, den er allein für sich hat: Er war schon einmal Präsident. Er weiß, wie das Flugzeug fliegt. Ob Hollande wirklich antreten wird, ist noch offen. Vor ein paar Monaten ließ er wissen, er bereite sich auf eine mögliche Kandidatur vor. Andere Ehemalige sind schon einen Schritt weiter. Bernard Cazeneuve, Édouard Philippe und Gabriel Attal haben zweierlei gemeinsam: Alle drei waren schon einmal Premierminister; nun wollen alle drei Präsident werden. Manche Bewerber wiederum scheinen so aus der Zeit gefallen zu sein, dass man eine Fußnote mit biografischen Hinweisen an ihren Namen machen muss, nicht nur für die jüngeren Wähler. Zu ihnen zählt der Konservative Dominique de Villepin . Auch er war einmal Regierungschef, vor fast zwanzig Jahren. Noch davor hatte er als Außenminister einen weltweit beachteten Auftritt. Im Februar 2003 hielt der Franzose im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen ein flammendes (und vergebliches) Plädoyer gegen einen Angriff der USA auf den Irak. De Villepin ist mittlerweile 72, seit Monaten tourt er durchs Land und kokettiert mit einer Kandidatur. Ebenfalls lange her ist es, dass Ségolene Royale ihren bislang einzigen Präsidentschaftswahlkampf bestritt. Damals, 2007, wäre sie fast die erste Präsidentin Frankreichs geworden. Doch in der Stichwahl verlor sie gegen Nicolas Sarkozy. Nun hat die 72-Jährige angekündigt, sie wolle an einer Vorwahl der Sozialisten teilnehmen. Alter und Erfahrung sind nicht Dasselbe Ob Hollande oder de Villepin, Cazeneuve oder Philippe, sie alle verbinden mit ihren persönlichen Ambitionen ein Versprechen: dass sie wissen, wie es geht. Dass sie regieren können, weil sie schon einmal regiert haben. Ihr Alter spielt dabei eine nebensächliche Rolle. Attal zum Beispiel, einer der ehemaligen Premierminister, ist erst 37 und damit noch zwei Jahre jünger, als es Macron zu Beginn seiner ersten Amtszeit war. Lebensjahre und politische Erfahrung sind nicht dasselbe. Jedenfalls ist das eine nicht notwendigerweise an das andere gebunden. Friedrich Merz zum Beispiel war, als er ins Amt kam, 69 Jahre alt. Nur Konrad Adenauer war zum Beginn der Kanzlerschaft noch älter. In seiner Amtsführung wirkt Merz dennoch gelegentlich noch immer etwas ungestüm und welpenhaft. Ein Mangel an Erfahrung? In der Tat hatte er noch nie regiert, nicht als Minister oder als Ministerpräsident, bevor er Kanzler wurde. Andererseits – kann man nicht auch zu viel Erfahrung haben? Die Frage würde man wahrscheinlich nicht an einen Arzt oder an eine Pilotin richten. Aber Angela Merkel zum Beispiel, die so oft gewählt wurde, bis sie selbst und ihre Kanzlerschaft in Erfahrung erstarrten? Im Rückblick sieht man schärfer, wie trügerisch die Stabilität war, die ihre Erfahrung versprach. Oder Olaf Scholz. Der hatte als Bürgermeister und Minister schon so lange regiert, bevor er Kanzler wurde, dass ihm – jenseits von einer erzwungenen Zeitenwende – nur noch wenig Fantasie übrigblieb, um etwas neu zu bewegen. Erfahrung und Routine sind in der Politik gefährliche Geschwister. Zumal in einer Zeit, die so umstürzend daherkommt wie die gegenwärtige. Ob Frankreichs Wählerinnen und Wähler also tatsächlich die Erfahrung suchen, die Hollande und andere ihnen versprechen? Die beiden bislang aussichtsreichsten Kandidaten, die sich in Frankreich um das Präsidentschaftsamt bewerben, sind Marine Le Pen und Jean-Luc Mélenchon. Die eine vertritt den rechtsnationalen Rassemblement National (RN); der andere hat die radikal linke Bewegung La France Insoumise (LFI) gegründet. Le Pen ist gerade 58 Jahre alt geworden, Mélenchon feiert in ein paar Tagen seinen 75. Geburtstag. Beide sind nicht mehr jung, beide haben bereits drei Mal für das Amt des Präsidenten kandidiert – und verkörpern damit ein interessantes Paradox. Le Pen und Mélenchon sind erfahrene Politiker und vertraute Gesichter, sie mischen seit Jahrzehnten mit. Trotzdem versprechen sie einen Bruch mit dem Bestehenden – und profitieren offensichtlich davon, dass ihnen genau die Erfahrung fehlt, die Hollande und andere für sich reklamieren. Weder der RN noch LFI haben bislang in Frankreich regiert. (Mélenchon war einmal kurz Staatssekretär, zu Beginn der 2000er-Jahre, damals noch als Mitglied der Sozialistischen Partei.) Der Wahlforscher Fréderic Dabi beschreibt den vermeintlichen Widerspruch so: Einerseits erwarteten die Franzosen von ihrem künftigen Präsidenten eine gewisse Erfahrung, »eine Garantie dafür, vor den Gefahren und der Komplexität der Welt beschützt zu werden. Andererseits schließt das den Wunsch nach einem Bruch mit der Ära Macron nicht aus.« Le Pen und Mélenchon versuchen nun beides zugleich zu verkörpern: Sie sind erfahren und unverbraucht zugleich. Und sie versprechen einen Bruch. Ganz anders als die erfahrenen Hollande und de Villepin.