Zeit 04.10.2026
06:37 Uhr

Präsidentschaftswahl in Brasilien: Der alte Mann und das Nepo-Baby


Brasilien wählt. Es treten an: Flávio Bolsonaro, Sohn des verurteilten Ex-Präsidenten, rechter Hardliner. Und Amtsinhaber Lula, der auf Insta seine Fitness beweisen will.

Präsidentschaftswahl in Brasilien: Der alte Mann und das Nepo-Baby
Der Mann, der Brasiliens Präsident werden will, wischt Tränen aus seinen Augen. Es ist Juli 2026 . Das Gesicht seines Vaters füllt die Großleinwand beim Parteitag in São Paulo. »Ich wurde eingesperrt und mundtot gemacht«, sagt das Abbild des rechtsextremen Ex-Präsidenten Jair Bolsonaro. Er bittet die Menge, seinen 45-jährigen Sohn Flávio als Nachfolger zu empfangen: »Fleisch von meinem Fleisch.« Das Publikum lauscht, sichtlich gerührt. Und das, obwohl es gar nicht Bolsonaro selbst ist, der im Video spricht, sondern ein KI‑Avatar. Ein Deepfake, das ihm Gesicht und Stimme leiht. Seit seiner Wahlniederlage 2022 ringt Bolsonaro weiter um Macht. 2023 stürmten seine Anhänger den Kongress in Brasília – chaotische Szenen, die an den Angriff auf das US-Kapitol erinnerten. Kurz darauf schloss das Wahlgericht Bolsonaro von einer Kandidatur aus. 2025 verurteilte ihn der Oberste Gerichtshof wegen eines geplanten Staatsstreichs zu 27 Jahren Haft und untersagte öffentliche Auftritte. Im Kampf um die Präsidentschaft schickte Bolsonaro also seinen Sohn Flávio vor. Gewissermaßen ist er sein fleischgewordener, weniger ergrauter Avatar: Er soll die rechtsnationalistische Anhängerschaft seines Vaters einen. Lateinamerikas rechte Welle könnte auch Brasilien erfassen Brasilien, das fünftgrößte Land der Welt und Lateinamerikas ertragreichste Volkswirtschaft, wählt. Am Sonntag stimmen mehr als 158 Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer über ihren Präsidenten ab, über den Kongress, Gouverneure und die Parlamente der Bundesstaaten. Ums Präsidentenamt kämpfen Amtsinhaber Luiz Inácio Lula da Silva und Flávio Bolsonaro. Umfragen sehen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Da wohl keiner im ersten Wahlgang die absolute Mehrheit erreichen dürfte, gilt eine Stichwahl am 25. Oktober als nahezu sicher. Mit den Kandidaten prallen zwei Gesellschaftsentwürfe aufeinander: Lula wirbt für ein souveränes, multilaterales Brasilien, das Armut überwindet. Flávio will Brasilien zu einem autoritären Sicherheitsstaat umbauen, enger an Trumps USA binden. Die Wahl könnte darüber bestimmen, ob demokratische Kräfte sich behaupten – oder ob der rechtsautoritäre Kurs siegt. Der Siegeszug rechter Kandidaten, der in Lateinamerika zuletzt Peru, Ecuador, Argentinien, Chile und Kolumbien erfasst hat, könnte nun auch Brasilien erreichen. Und inmitten dieser Gemengelage erschüttert auch noch ein Skandal den Wahlkampf. Der 80-jährige Lula hat verpasst, einen Nachfolger aufzubauen Mitte August stellt sich Luiz Inácio Lula da Silva vor rund 20.000 Menschen in São Bernardo do Campo, einem Ort im Industriegürtel São Paulos. Im weißen Hemd und Panamahut ist der 80-Jährige für seinen Wahlkampfauftakt an den Ort zurückgekehrt, an dem er 1979 als 33-jähriger Metallarbeiter Streiks gegen die Militärdiktatur anführte. »Solange ich lebe, werde ich die Rückkehr der Rechten an die Macht nicht zulassen!«, ruft er . Seit fast einem halben Jahrhundert prägt Lula Brasiliens Politik; doch für viele gilt er inzwischen als Gesicht des Stillstands. Zum siebten Mal tritt der bald 81-Jährige um das Präsidentenamt an; es wäre seine vierte Amtszeit. So mancher vergleicht ihn hier mit dem senil gewordenen Joe Biden in dessen späten Amtsjahren und fragt, ob Lula zu alt sei, das Land zu führen. Die Zweifel wuchsen, nachdem der Präsident 2024 im Badezimmer stürzte und man ihn notoperieren musste. Seither zeigt ihn sein Wahlkampfteam auf Instagram und TikTok beim Hanteltraining und Kniebeugen. Lula habe es versäumt, eine Nachfolge aufzubauen, monieren selbst seine Unterstützer. Er dulde kaum jemanden neben sich im Scheinwerferlicht. Längst begeistert Lula die Massen nicht mehr wie etwa im Jahr 2010. Damals, zum Ende seiner zweiten Amtszeit, galt er als einer der beliebtesten Politiker der Welt – nicht zuletzt, weil Sozialprogramme wie Bolsa Família Millionen Menschen aus der Armut holten. Heute belastet Lula die Wirtschaftslage: Viele in Brasilien haben zwar Arbeit, doch nach Jahren der Teuerung bleibt ihnen am Monatsende nur wenig übrig. Kurz vor der Wahl versprach Lula daher trotz wachsender Staatsverschuldung höhere Sozialleistungen und kostenlose Abnehmspritzen. Doch gerade jüngere Wähler erreicht er mit den Wahlgeschenken kaum: Unter den mehr als zwei Millionen Plattformbeschäftigten etwa – also Uber-Fahrern und Lieferkräften – identifizieren sich laut einer Umfrage nur noch 20 Prozent mit der Linken. Viele fühlen sich durch den eingreifenden Staat und zu hohe Steuern in ihrer Selbstbestimmung eingeschränkt. Noch mehr sorgen sich die Brasilianerinnen und Brasilianer laut Umfragen um Gewalt und Kriminalität . Und tatsächlich erwarten viele, dass sein Herausforderer entschlossener gegen das Verbrechen vorgehen würde als Lula.