Zeit 13.03.2026
15:45 Uhr

"Liebe" von Thomas Hettche: Es ist, was es ist


Die glückliche Liebe ist selten in der anspruchsvollen Literatur. Thomas Hettche traut sich also was in seinem neuen Roman und hat sogar eine Idee, wie die Liebe gelingt.


Am Ende sitzen Anna und Max unter der Eiche ihres Landhauses in Schleswig-Holstein wie Philemon und Baucis. Ja, actually love: Thomas Hettche hat einen Liebesroman mit Happy End geschrieben. (Zumindest fast mit Happy End, aber alles soll hier auch nicht aufgelöst werden.) Gelingende Liebe ist als Sujet ungewöhnlich in der anspruchsvollen Literatur – insofern: ein origineller Move! Mit Max und Anna haben sich, als die Hälfte des Lebens und andere Ehen schon hinter ihnen liegen, noch einmal zwei gefunden, und jetzt passt alles. Weil das zu unwahrscheinlich klingt, misstrauen sie selbst anfänglich ihrem späten Glück. Aber nachdem sie alles skrupulös durchdacht haben und keinen Webfehler entdecken konnten, sagen sie Ja zu ihrem Happy End. Und wie hat alles begonnen? Bei einem Fest an der Ostsee am Saaler Bodden. Max, damals schon über 60, fragt die zufällige Tischrunde, in der er gelandet ist, was die Liebe sei. Es gibt darauf keine Antwort, nur sehr unterschiedliche Geschichten, die die Tischnachbarn aus ihrer je eigenen Perspektive erzählen. Dann bricht die Nacht herein, der DJ legt auf, die Gäste tanzen unter den Lampions in den Obstbäumen, doch Max zieht sich mit einer Flasche Weißwein und einem Glas zurück auf einen Bootssteg, der in die Ostsee führt. Er nimmt auf einem Liegestuhl Platz, aber weil es so dunkel ist, merkt er zuerst nicht, dass neben ihm im Dunkeln ebenfalls eine Frau in einem Liegestuhl liegt, bis diese ihn anspricht. Es entwickelt sich ein Gespräch, das Fahrt aufnimmt und nicht mehr zu stoppen ist. Dabei ist es ein reiner Dialog der Stimmen, denn die beiden können sich in der Dunkelheit nicht sehen. Irgendwann trifft sie der Scheinwerfer eines Fischkutters, da sehen sie sich zum ersten Mal für einen ausgeleuchteten Moment. Ein bisschen wie in der Fernsehshow Herzblatt, wo die Kandidaten auch unsichtbar hinter einer Wand sitzen – nur bei Hettche eben mit Hardcore-Intellektuellen-Personal. Aber in beiden Fällen gilt: Die Liebe des Lebens darf ihren Ausgang nicht von Äußerlichkeiten nehmen. Beide haben sich in den anderen verliebt, aber während Max frei ist, ist Anna gebunden. Es gibt einen Ehemann. Gegen den nichts zu sagen ist, außer: Sie liebt jetzt Max. Die beiden wohnen in verschiedenen Städten, und sie schreiben sich Textnachrichten, irgendwann gönnen sie sich ein erstes Stelldichein, aber Anna zögert. Sehr lange. Warum, will Max wissen? Weil sie das Gefühl hat, wenn sie ihren Mann verließe, ihr bisheriges Leben für sinnlos zu erklären. Ihr Mann wollte keine Kinder, für ihn hatte sie ihren Kinderwunsch beiseitegeschoben. Würde sie ihn jetzt verlassen, wäre dieses Opfer ein sinnloses gewesen. Irgendwann tut sie es doch. Aber warum werden Anna und Max tatsächlich zu einem Philemon-und-Baucis-Paar? Natürlich ist dieser Roman, auch wenn er sich vor dem Happy End nicht drückt, ein skrupulöser und gibt darauf keine einfache Antwort. Aber es gibt Andeutungen. Und die haben mit dem Alter zu tun und mit der Zeit und ihrer Unbegreiflichkeit. Diese späte Liebe ist möglicherweise aus metaphysischen Gründen so innig, weil sich nämlich Anna und Max entschlossen haben, dem Verrinnen der Zeit gemeinsam ins Auge zu schauen. Vergänglichkeit fühlt sich gleich ganz anders an, wenn man sich ihr gemeinsam stellt. Und so viele Körner sind ja nicht mehr in der Sanduhr. Zumal mittlerweile eine weltweite Pandemie ausgebrochen ist und das Robert Koch-Institut täglich die Zahl der Neuinfektionen meldet und in Bergamo die Kühllaster die Leichen abtransportieren und man deshalb zur Welt auf social distancing geht und das eigene Zuhause zur Intimitätsfestung ausbaut – der Tod ist tatsächlich auf viel konkretere Art anwesend im Leben als früher. "Manchmal kommt es ihm so vor, als kämen sie einander immer näher, je weniger Gegenwart noch übrig ist." Thomas Hettches Roman über die Liebe ist so gesehen ein Roman über das Altern und die Endlichkeit, die alles kostbar auflädt. In dieser Lebensphase ist der Satz "Bis dass der Tod euch scheidet" eben keine rhetorische Trope mehr, sondern sehr konkret. Die Frage allerdings, was die Liebe ist, kann der Roman nicht beantworten. Vermutlich wäre ein Roman, der diese Frage beantwortet, auch ein schlechter Roman. Insofern ist er nicht klüger als sein Protagonist Max, der irgendwann zu Hegel greift, bei dem man über die Liebe lesen kann: "Eigentliche Liebe findet nur unter Lebendigen statt, die an Macht sich gleich und also durchaus füreinander Lebendige, von keiner Seite gegeneinander Tote sind." Ein bisschen füllt das Hegel-Zitat eine Leerstelle, die der Roman trotz seiner psychologischen Genauigkeit erzählerisch nicht zu füllen vermag. "Was ist das mit uns?", fragt Max einmal Anna. Und sie antwortet: "Es ist, was es ist." Es ist kein Zufall, dass Hettches Roman dort an erzählerischer Kraft zulegt, wo die eigentliche Dopamin-und-Serotonin-Phase des Verliebtseins bei den beiden bereits abgeklungen ist und es um die Ebenen eines konsolidierten gemeinsamen Lebens geht. Die Bilder für die Ekstasen des Fleisches sind von eher matter Konventionalität, für das Vergehen der Zeit hingegen findet Hettche starke Bilder. "Amor vincit omnia" heißt Caravaggios berühmtes Gemälde in Berlin – jedenfalls besiegt die Liebe den Schrecken unseres einsamen Vergehens und bettet unsere Sterblichkeit in eine gemeinsame Schicksalsgemeinschaft ein. Thomas Hettche: Liebe. Kiepenheuer & Witsch , Köln 2026; 176 S., 22,– €