Zeit 13.03.2026
07:16 Uhr

Internationale Tourismus-Börse: Don’t. Mention. The. War.


Auf der Tourismusmesse ITB treffen die Länder der Welt aufeinander – auch solche, die sich im Krieg befinden. Über die Kunst, den Kopf in feinen Sand zu stecken

Internationale Tourismus-Börse: Don’t. Mention. The. War.
Kurz nach zehn Uhr morgens. Am Stand von Äthiopien ist nicht viel los. Zeit für einen Plausch mit einem Sprecher der Tourismusbehörde. Jaja, es kommen immer mehr Reisende, das Land erhole sich gerade touristisch wieder. – Aha, vom Bürgerkrieg in der Region Tigray? – Nein nein, von der Pandemie! Und ja, ein bisschen auch von "dieser Sache da im Norden". – Aber diese Sache da im Norden, die kocht doch gerade wieder hoch! Stress mit Eritrea, auch die Ägypter sind verärgert wegen des Staudamms am Nil, angeblich trainieren sudanesische Milizen im Land. Das ist ja nicht nichts. – Ja, schon, aber das ist Weltpolitik. Übrigens, in Addis Abeba entsteht gerade ein neuer Flughafen, 2030 soll er fertig werden. – Spannend, danke! So verläuft ein Besuch auf der ITB in Berlin, einer der wichtigsten Messen für die Tourismusbranche. Die Welt im Großen und Ganzen als schönen Ort zu verkaufen, die buchstäbliche Sonnenseite in den Mittelpunkt zu stellen – das war schon immer das Kerngeschäft von Reisebüros und allen, die am Urlaub der anderen Geld verdienen. Rotwein in Palermo, Safari in Sambia, Wandern an der irischen Küste. Wer kann da widerstehen? Die Welt im Großen und Ganzen als schönen Ort zu betrachten, fällt dagegen heute nicht immer leicht, jedenfalls kommen die Schatten der Sonnenseite nahe. Die Potemkinsche Treppe in Odessa ist militärisches Sperrgebiet, in Tel Aviv sitzen die Menschen in Bunkern statt am Strand, der Sudan war mal ein Paradies für Taucher, jetzt ist er die Hölle für alle, die in diesem Land leben. Ruinen auf Hochglanzpapier Wie also umgehen mit diesem Widerspruch? Wie verkauft man die Schönheit eines Landes, das sich im Krieg befindet? Und lässt sich die Weltlage wirklich mit Caipirinha in Manaus oder Raclette in Zürich verdrängen? Lektion eins auf der ITB: Hochglanzpapier ist auch in Krisenzeiten Pflicht. Ein paar hübsche Bildchen hier, ein paar Strandfotos da. Zusammen mit dem richtigen Slogan wird das schon. Syrien ist eine Symphonie der Farben. Der Irak eine zeitlose Odyssee. Ruinen? Die sieht man schon, aber nicht aus den Vororten von Damaskus, sondern jene, die sich als "historisch" verkaufen lassen. Lektion zwei: Don’t. Mention. The. War . Am besten gar nicht, mit keinem Wort. Und wenn doch, dann bloß nicht das K-Wort. (vgl. "Die Sache da im Norden"). So tun, als ob – darin war Tourismus immer Spitzenklasse, warum sollten sie es also jetzt anders machen? Tabellenführer in diesem Sport: Venezuela. Wirbt mit dem Slogan: Mehr als ein Reiseziel – es ist ein Gefühl. Welches, wird nicht genauer spezifiziert. Strandbars in turbulenten Zeiten Also Nachfrage bei einem der Schmackhaftmacher am Stand: Wie ist die Lage in Venezuela? – Alles viel, viel besser jetzt als noch vor ein paar Jahren! – Schön zu hören, aber die Entführung Maduros, hat das nicht was gemacht mit dem Land? – Schauen Sie mal hier! Er zückt sein Handy und zeigt ein Video. Drohnenaufnahmen von einem sehr großen Pool auf einer sehr palmigen Insel. – Der größte Pool des Landes, also wahrscheinlich. Erste Reihe am Strand! Auf Margarita Island, und die Poolbar hat jeden Abend bis eins geöffnet! – Hübsch, aber kann man da einfach so hinreisen jetzt? Es sind doch recht turbulente Zeiten nach so einem Regimesturz. – Aber ja. Wir haben schon Buchungen für dieses Jahr aus Polen und aus Trinidad & Tobago. Bald sollen auch wieder Touristen aus Brasilien kommen. Nur aus Russland kommt keiner mehr. – Na, das mag womöglich mit der Weltpolitik zusammenhängen, oder? – Aus den USA fließt jetzt Geld. Das ist doch alles, was zählt. Es ist wirklich alles viel, viel besser jetzt! Bei so viel Schönrederei können selbst auf der ITB nicht alle mithalten – und manche versuchen es erst gar nicht. Am Stand von Pakistan liegen Flyer für den interessierten Reisenden bereit. Hochglanz natürlich. Schöne Gegend, viele Ausflugsziele. Dieser Zipfel da oben rechts auf der Landkarte, was war das noch mal? Ach ja. Kaschmir . Das hätte man auf die Karte schreiben können. Oder man entscheidet sich so wie diese Reiseagentur hierfür: "INDIAN ILLEGALY OCCUPIED JAMMU UND KASHMIR". Die Organisatoren der ITB bewiesen eine besondere Form von Humor, Indien und Pakistan angesichts dieses ungelösten Konflikts direkt nebeneinander in der gleichen Halle zu parken. Noch eine dritte Lektion war also auf der Messe zu lernen. Eine mit gewisser Allgemeingültigkeit: Es gibt Konflikte, die lassen sich nicht ignorieren, egal wie tief man den Kopf in den noch so weißen Strandsand steckt. Am ehrlichsten ist noch die Ukraine Am Stand von Israel – vorsorglich in der afrikanischen Halle geparkt und nicht in der Sektion Naher Osten – ist nichts los, nur ein paar gelangweilte Sicherheitsleute schlurfen lustlos herum. Der Stand ist geschlossen, das Land hatte kurzfristig die Teilnahme abgesagt, denn es hatte zusammen mit den USA gerade erst einen Krieg mit dem Iran begonnen. Flyer liegen auch keine aus. Nur ein QR-Code und der Hinweis: " Israel protects the environment ". Der Iran war ebenfalls nicht vor Ort, abgesehen von einer einzelnen, irreführenden Erwähnung auf einem Wegweiser. Russland und Nordkorea waren von der Messe ausgeschlossen, was allerdings auch nachfragebezogen verschmerzbar gewesen sein dürfte. Die Einzigen, die all diesen ungeschriebenen Regeln nicht so recht folgen wollten, waren die Ukrainer. Tapfer hielten dort einige Frauen die Stellung, beantworteten die Fragen der Messebesucher. Die wenigsten drehten sich um Urlaubsziele, viele wollten einfach nur wissen: Wie ist die Lage im Land? Ist es wirklich so schlimm? Nein, Urlauber kämen gerade kaum ins Land. In den Karpaten, da sei es sicher, da gibt es ein Skigebiet und im Sommer kann man hier wandern . Im Moment sei das aber vor allem etwas für Ukrainer auf Fronturlaub. – Was versprechen Sie sich dann von diesem Stand? – Wir wollen zeigen, dass wir da sind. Und irgendwann kommen auch wieder Touristen ins Land. Denn irgendwann wird dieser Krieg vorbei sein. Es ist das einzige Mal, dass während dieses Messebesuchs jemand das Wort ausspricht. Und es steckt mehr Optimismus darin als in jedem Hochglanzflyer.