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16.03.2026
06:00 Uhr
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Die Elbvertiefung am Montag – Mit Hamburgs neuem Innenstadtkoordinator im Interview, einer Idee zur Lösung der Wohnkrise und guten Nachrichten für Hamburgs Grünflächen

Liebe Leserin, lieber Leser, stellen Sie sich vor, Sie gehen heute zur Arbeit und erfahren, dass Ihr Chef durch eine Schildkröte ersetzt wurde. Was würde sich dadurch ändern? Es klingt wie ein schlechter Scherz (oder wie eine Kurzgeschichte von Franz Kafka), aber für 240 Beschäftigte der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg wurde es im vergangenen Jahr Realität. Man muss wissen: Diese Schule im Stadtteil Dulsberg ist immer wieder durch kreative Aktionen aufgefallen. Während des ersten Corona-Lockdowns wurde sie überregional bekannt, denn damals veröffentlichte der Direktor Björn Lengwenus jeden Tag eine neue Folge sei ner eigens erfundenen Late-Night-Show auf YouTube . Es war sein Weg, den Schülerinnen und Schülern zu zeigen, dass sie nicht alleine sind. "Zur Schließung habe ich versprochen: Ich werde jeden Tag hier sein", sagte Lengwenus. "Ich gebe diese Schule nicht auf." Doch auch ein nimmermüder Schulleiter braucht mal eine Pause. Nach zehn Jahren an der Spitze und einem anstrengenden Winter – "alle sind krank, alle sind durch, wir haben tausend Probleme und sind zu wenige Menschen dafür" – verabschiedete er sich im vergangenen Jahr für drei Monate ins Sabbatical. An seine Stelle trat Frau Gonzala Zeidler-Brack, die sich in ihrem LinkedIn-Profil als "Vordenkerin für Persönlichkeitsentwicklung durch Entschleunigung" präsentiert. Der Haken an der Sache: Frau Zeidler-Brack ist eine Mississippi-Höckerschildkröte (wissenschaftlich: Graptemys p. kohnii ). Ausgeheckt hatten das die Kulturagenten, eine Gruppe, die Kunstprojekte an Hamburger Schulen umsetzt. Die stellvertretenden Schulleiter wurden vorab eingeweiht. Die Schulbehörde auch. Das Lehrerkollegium nicht. "Ich habe von der Schildkröte durch eine Schülerin erfahren, die ich suspendiert habe", sagt der Lehrer Oliver Salewski: "Dann baute sich dieses kleine Mädel vor mir auf und sagte: ›Wissen Sie nicht mal, wer Ihr Chef ist? Ihr Chef ist 'ne Schildkröte!‹" Und tatsächlich, als die beiden das Direktorenzimmer betraten, schwamm dort Frau Zeidler-Brack in einem Aquarium. Nicht alle fanden das witzig. "Die erste Reaktion bei vielen war: Haben wir keine anderen Probleme?", sagt Ulrike Werner-Haarbrücker aus dem Schulbüro. Dann kamen einige ins Nachdenken: Wenn man im Alltag oft gar nicht merkt, ob im Chefbüro ein Mensch oder eine Schildkröte sitzt, braucht man dann überhaupt noch … doch bevor sich der Gedanke verfestigen konnte, wurde noch einmal alles umgeworfen, denn die Schildkröte war nur der Anfang des Streichs. Inzwischen ist der Schulleiter Björn Lengwenus aus seinem Sabbatical zurückgekehrt. Die alte Ordnung ist wieder hergestellt. Die Kulturagenten aber drehten einen Film über ihr Experiment. Titel: Das Machtvakuum . Die morgige Premierenfeier ist leider schon ausgebucht, aber die Filmemacher haben versprochen, dass wir hier am Mittwoch einen Link teilen dürfen, über den Sie den Film kostenlos schauen können. Bis dahin hoffe ich, dass Ihnen bei der Arbeit keine Reptilien begegnen – zumindest keine in Machtpositionen. Kommen Sie gut in die neue Woche, Ihr Oskar Piegsa Was heute wichtig ist Die Hamburger Innenstadt war am Wochenende Schauplatz mehrerer Kundgebungen . Samstag und Sonntag gingen Hunderte Exiliraner auf die Straße, um für Demokratie im Iran zu demonstrieren. Den größten Zulauf hatte am Samstag eine Demonstration gegen die AfD – laut Polizei nahmen rund 4.000 Menschen teil. Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda hat den verstorbenen Philosophen Jürgen Habermas gewürdigt . Von ihm habe man lernen können, "was es heißt, in Vielfalt friedlich und vernünftig zusammenzuleben", sagte er. "Der große Philosoph ist tot, aber seine Ideen sind aktueller denn je." Die Regierungsfraktionen SPD und Grüne wollen Hamburgs Grünflächen besser vernetzen und so für mehr biologische Vielfalt sorgen. In der nächsten Bürgerschaftssitzung soll der Senat das städtische Biotopnetz analysieren und bestehende Lücken schließen, um Lebensräume wie Wälder, Feuchtgebiete oder Kleingewässer zu stärken und etwa Amphibien die Wanderung zu erleichtern. Der Verband Deutscher Reeder (VDR) fordert von der Bundesregierung mehr Einsatz bei der Sicherung der Schifffahrt in der Straße von Hormus. Laut VDR sitzen dort knapp 1.000 Seeleute auf mehr als 40 Schiffen mit deutschem Bezug infolge des Irankrieges fest. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte einer deutschen Beteiligung an einem Militäreinsatz zuvor eine Absage erteilt. Fluggäste haben 2025 mehr als 8.500 Klagen gegen Fluglinien beim Amtsgericht Hamburg-Mitte eingereicht – etwas weniger als im Jahr zuvor. Das ergab eine Umfrage des Deutschen Richterbundes. Meist ging es dabei um Entschädigungen für verspätete oder ausgefallene Flüge. Aus Hamburg Kaufhaussterben, Leerstand und Konkurrenz durch die HafenCity: Hat Hamburgs Innenstadt noch eine Zukunft? Ja, sagt Julian Petrin, man müsse sie nur ein wenig aufmischen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview, das ZEIT-Autor Christoph Twickel mit Petrin geführt hat. DIE ZEIT: Herr Petrin, Sie sind seit drei Wochen Hamburgs Innenstadtkoordinator. Wo befindet sich eigentlich diese "Innenstadt", die Sie koordinieren sollen? Julian Petrin: Die ist größer, als man denkt. In der Definition des sogenannten Zukunftsbilds Innenstadt, das ich in den letzten zwei Jahren mit erarbeitet habe, ist es im Kern der Bereich innerhalb des Wallrings. Formal gehören auch die Neustadt mit dem Großneumarkt und dem Portugiesenviertel dazu und auch die HafenCity. Und natürlich schneiden wir nicht hart am Wallring ab, die Kunstmeile zum Beispiel geht über den Wallring hinaus. ZEIT: Seit Jahren sprechen wir über eine Krise der Innenstadt. Worunter leidet sie aus Ihrer Sicht? Petrin: Ich habe in den letzten 10, 15 Jahren deutschlandweit viel in Innenstädten gearbeitet und im Vergleich zu vielen anderen Städten kann man nicht sagen, dass die Hamburger Innenstadt in der Krise ist. ZEIT: Moment, wir erleben doch auch in Hamburg das Kaufhaussterben. Es gibt Leerstand an prominenter Stelle, etwa durch die Insolvenz der Schuhhandelskette Görtz. Petrin: Wenn das Kaufhauskonzept oder einzelne große Marken in die Krise rutschen, sind das massive Veränderungsschübe, die wehtun. Da gibt es plötzlich Immobilien, die nicht mehr funktionieren oder Geschäftsmodelle, die man neu aufstellen muss. Aber das ist noch nicht dasselbe wie eine Krise der Innenstadt. ZEIT: Die Hamburger Innenstadt hat Konkurrenz bekommen: Vor genau einem Jahr hat in der HafenCity das Westfield Übersee-Quartier eröffnet, mit 170 Geschäften und 40 Restaurants. War es eine gute Idee der Stadt Hamburg, der Innenstadt eine zweite Shoppingzone vor die Nase zu setzen? Petrin: Es wurde nachgemessen: Die Grundfrequenz in der Innenstadt ist wegen des Westfield nicht eingebrochen. Es gab sogar eine Stabilisierung. Aber man muss die Daten mit Vorsicht betrachten, es gibt unterschiedliche Messmethoden. Auf jeden Fall sollten wir jetzt die Kraft des Neuen nutzen und sagen: "Hey, da drüben gibt es übrigens die gewachsene Innenstadt, die eine ganz besondere Qualität hat, mit der Alster und dem Kontorhausviertel." Wie könnte die Innenstadt auch nach Geschäftsschluss belebt werden? Und wird es in der Innenstadt bald mehr Wohnungen und weniger Autos geben? Die Antworten auf diese und weitere Fragen lesen Sie in der vollständigen Fassung des Interviews. → Zum Artikel (Z+) Schon gelesen? Die Mieten müssen steigen Oben deckeln, unten öffnen: Auf die Krise am Wohnungsmarkt gäbe es eine Antwort, an die sich die Politik nicht herantraut. Warum vor allem junge Menschen profitieren würden, hat ZEIT-Redakteur Zacharias Zacharakis aufgeschrieben. → Zum Artikel (Z+) Das könnte Sie interessieren Das Abaton zeigt heute Abend Monika Treuts Film Verführung: Die grausame Frau . Im Mittelpunkt steht eine Frau, die in ihrem Beruf als Domina nicht nur die Regeln bestimmt, sondern auch als clevere Geschäftsfrau agiert. Die Domina wird gespielt von Mechthild Grossmann (bekannt aus dem Münster- Tatort ). Als der Film 1985 mit seinen BDSM-Szenen in die Kinos kam, sorgte er für Aufruhr: Der damalige Bundesinnenminister und der katholische Filmdienst warnten vor ihm. Doch in der ZEIT stand damals: "Aufregenderes, subversiveres, seltsameres Kino wird man so bald bei uns nicht zu sehen bekommen." Die Regisseurin ist anwesend. "Verführung: Die grausame Frau", 16.3., 19.30h; Abaton, Allendeplatz 3 ; Tickets gibt es hier Meine Stadt Hamburger Schnack Am U/S Bahnhof Barmbek kommen mir drei junge Leute entgegen. Ich schnappe im Vorbeigehen auf: "… Also ich habe das Gefühl, mein Winterhuder Wasser schmeckt besser als Dein Altonaer." Gehört von Swantje Koch Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .