Zeit 29.09.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein Klimakongress als Wagenburg


Die Elbvertiefung am Dienstag – Mit platten Autos, blutlosen Konserven und Tipps für E-Mobilfahrende

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Ein Klimakongress als Wagenburg
Liebe Leserin, lieber Leser, in der vergangenen Woche habe ich den Extremwetterkongress in der HafenCity Universität besucht. Nun schwirrt mir der Kopf. Impulsreferat folgt auf Impulsreferat. Hitzetote, Meeresspiegelanstieg, klimafreundliches Bauen, El Niño, zwischendurch ein Crashkurs in Klimadiplomatie am Beispiel der Aufteilung einer Orange und eine Live-Schaltung zum halbfertigen Forschungsschiff Meteor 4. Wer nach oder zwischen den Vorträgen noch aufnahmefähig ist – was für mich nicht zutrifft –, kann von Stand zu Stand spazieren und dann plötzlich vor Sven Plöger stehen, dem Meteorologen, Klimajournalisten und Moderator, oder sich über Igel im Hitzestress und angebliche Möglichkeiten der Wetterbeeinflussung mithilfe von Satelliten informieren. Was mich am meisten beschäftigt, seit ich den Kongress besucht habe, ist die Atmosphäre der Veranstaltung. Vor den Besuchern standen angesehene Expertinnen und Experten, Menschen mit Professuren und Medienzugang, der Klimaforscher Mojib Latif ist neuerdings Ehrenbürger Schleswig-Holsteins. Sie haben Mitarbeiterstäbe, sie haben die Wissenschaft auf ihrer Seite, ihre Erkenntnisse veröffentlichen sie in angesehenen Fachzeitschriften. Und doch ist diese Expertengemeinde in die Defensive geraten. Gemeinsam ist sie der organisierten Feindseligkeit der Klimaleugner und ihrer Bot-Armeen ausgesetzt. Özden Terli, der Meteorologe und Wettermoderator beim ZDF, hat seinen X-Account gelöscht, weil ein rationaler Austausch dort unmöglich geworden sei. Auf mich wirkte der Extremwetterkongress zeitweise wie eine Wagenburg. Draußen ein gehässiger Mob und eine Regierungspolitik des Weiter-so-ähnlich. Und drinnen die Gemeinde der Fachleute, die es besser weiß und einander nun darin bestärkt, Haltung zu bewahren. Nicht zynisch werden, heißt das, kritischen Fragen mit radikaler Freundlichkeit begegnen und sich immer vor Augen führen, dass dort draußen – also hier bei uns – die meisten Menschen auf keiner der beiden Seiten stehen und für Argumente womöglich noch erreichbar sind. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihr Frank Drieschner PS.: Gestern haben wir an dieser Stelle behauptet, die HafenCity Universität (HCU) sei durch die Zusammenlegung von Fachbereichen der Technischen Universität (TU), der Hochschule für bildende Künste (HFBK) und der Uni geschaffen worden. Das war falsch. Richtig ist, dass die HCU aus TU, HFBK und der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) entstanden ist. Wir bedauern diesen Fehler. WAS HEUTE WICHTIG IST Aktivisten haben bei Dutzenden größerer, hochwertiger Autos Luft aus den Reifen gelassen – wohl aus Protest gegen die Umweltbelastung. Die Polizei wurde in der Nacht zu Montag auf sechs betroffene Fahrzeuge in Rotherbaum aufmerksam, später untersuchte sie ähnliche Vorfälle in Winterhude. Es seien Bekennerschreiben eines »Widerstandskollektivs« gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft Hamburg setzt n ur eine einzige Staatsanwältin zur Aufarbeitung des Steuerbetrugs mit Cum-Ex-Aktiengeschäften ein, wie sich aus einer Antwort des Senats auf eine AfD-Anfrage ergibt. Es geht in dem Verfahren um 26 Beschuldigte, der Umfang der Akte entspricht nach Senatsangaben 14 Umzugskartons und 600 Millionen Dateien. In Hamburg und Schleswig-Holstein sind Blutvorräte knapp, besonders bei den Blutgruppen 0 Rhesus-negativ und 0 Rhesus-positiv. Angesichts ferienbedingter Engpässe hofft der DRK-Blutspendedienst Nord-Ost auf viele Spenden im Herbst. Das Deutsch-Französische Gymnasium hat seinen neuen Standort am Campus Struenseestraße in Altona eingeweiht. Schulsenatorin Ksenija Bekeris (SPD) bezeichnete den Umzug als Folge jahrelangen Wachstums der Schule. Der Bildungsbehörde zufolge herrschte zuvor Platzmangel. Die Hamburger Goldkehlchen haben am Samstag im Volksparkstadion einen neuen Weltrekord bei ihrem Abschiedskonzert aufgestellt . 52.000 Zuschauer waren das bislang größte Publikum eines Chors, bestätigte Guiness World Records. AUS HAMBURG Schlafende Hunde wecken Jüdinnen und Juden zählten zu den frühen Förderern der modernen Kunst in Deutschland. Dann raubten die Nazis ihre Sammlungen. Eine Ausstellung bringt nun 15 davon wieder zusammen – und lenkt die Aufmerksamkeit auf ein Tabuthema. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Artikel von Oskar Piegsa. Wie heikel die aktuelle Ausstellung im Bucerius Kunst Forum ist, zeigen die Gemälde, die es hier nicht an die Wände geschafft haben: Zwei Landschaftsbilder von Jean-Baptiste Camille Corot aus dem späten 19. Jahrhundert sind lediglich als Schwarz-Weiß-Fotos zu sehen. Darunter steht der Hinweis, die Ausleihe sei »im letzten Moment nicht zustande gekommen, weil rechtliche Fragen nach Besitzansprüchen [...] nicht abschließend geklärt werden konnten«. Der ausländische Leihgeber bekam keine Garantie von der Bundesregierung, dass die Gemälde in Deutschland nicht wegen des Verdachts auf NS-Raubkunst beschlagnahmt werden würden. Also stoppte er die Ausleihe, als die Ausstellung bereits im Aufbau war. Üblicherweise schweigen Museumsleute dazu, welche Werke sie für ihre Ausstellungen nicht ausleihen konnten. Auch die Gründe dafür werden in der Regel diskret behandelt. Vor Publikum dankt und lobt man einander, da ist die kleine Kulturdiplomatie zwischen Museen nicht viel anders als die große zwischen Staaten. In der Ausstellung Von Monet bis Picasso. Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland werden diese ungeschriebenen Gesetze gebrochen: Leerstellen sind hier Teil des Konzepts. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Es gibt in dieser Ausstellung viel zu sehen! Malerei, Grafiken, Plastiken, rund 100 Werke von namhaften Künstlerinnen und Künstlern. Neben Claude Monet und Pablo Picasso sind das zum Beispiel Paul Cézanne, Vincent van Gogh, Paula Modersohn-Becker und Max Pechstein. Die Ausstellung erzählt aber nicht vom Siegeszug der modernen Kunst, wie schon so viele vor ihr. Stattdessen hat das Kuratorenduo Kathrin Baumstark und Stefan Koldehoff Werke aus 15 Privatsammlungen aufgespürt, die im Nationalsozialismus auseinandergerissen wurden. Die früheren Eigentümerinnen und Eigentümer wurden zum Verkauf ihrer Sammlungen gezwungen oder beraubt, wurden vertrieben oder ermordet, weil sie jüdischen Glaubens waren. Oder weil sie den Nazis als Jüdinnen und Juden galten. Denn als was diese Menschen sich selbst bezeichneten, war für ihre Verfolger unerheblich. »Ich bin das, was Hitler einen Juden genannt hat«, so formulierte es der Kunsthistoriker Ernst Gombrich. Welche Bilder gezeigt und welche Geschichten erzählt werden , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) »Von Monet bis Picasso« läuft noch bis 29. März 2027 im Bucerius Kunst Forum, am Alten Wall 12 in der Altstadt. SCHON GELESEN? So laden Sie an öffentlichen Säulen am günstigsten Einfach einstecken und losladen? An öffentlichen Ladepunkten ist es meist komplizierter. Wie E-Auto-Fahrer trotzdem günstigen Strom laden – und Abzocke verhindern, hat ZEIT-Autor Christoph M. Schwarzer aufgeschrieben. → Zum Artikel (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Das 37. Hamburg International Queer Film Festival (HIQFF) findet dieses Jahr vom 13. bis zum 18. Oktober statt. Die Eröffnung am Dienstag ist zum ersten Mal auf drei Kinos verteilt: 3001, Passage und Metropolis. Gezeigt wird die Premiere von Miss Carbon – Queen of Coal . Das Programm steht unter dem Motto »Remember & Resist«. Ergänzend zu den Filmen widmen sich deshalb in der Schule Bullenhuser Damm am Samstag vier kostenfreie Veranstaltungen der politischen Erinnerungskultur. 37. HQFF, 13.–18. Oktober, diverse Festivalkinos und -orte; Programm und Online-Ticketvorverkauf MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Im Turnverein. Eine Teilnehmerin hat einen ausladenden Blumentopf mit Astern mitgebracht, die Kursleiterin hat Geburtstag. Eine andere Teilnehmerin kommentiert: »Sind das die Blumen? Die sind riesig, ist ja irre!« Die erste: »Ja, irre!« Später wird das Geschenk überreicht – die Kursleiterin freut sich sichtlich: »Die sind ja irre!« Gehört von Magdalena Apel Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .