Zeit 30.09.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Die Olchis-Erlebniswelt: Macht ein digitaler Toberaum Lust auf Bücher?


Die Elbvertiefung am Mittwoch – mit einem neuen Cosco-Deal im Hafen, einem Schulpreis für Wilhelmsburg und einer umwerfenden Premiere am Schauspielhaus

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Die Olchis-Erlebniswelt: Macht ein digitaler Toberaum Lust auf Bücher?
Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie die Olchis? Das ist eine Kinderbuchreihe, die im Oetinger-Verlag in Hamburg erscheint, wie auch Pippi Langstrumpf oder das Sams. Die Olchis sind kleine grüne Wesen, die aussehen wie ungewaschene Außerirdische. Sie leben auf einer Müllkippe, lieben Schleim und Schlamm, und als Olchi-Mama einmal versehentlich einen Apfel isst, der noch gar nicht richtig verfault ist, schimpft Olchi-Oma: »Du weißt doch, dass Frischobst gefährlich ist!« Es geht bei den Olchis also um das kindliche Vergnügen an einer Welt, in der alles andersrum ist. Der Autor Erhard Dietl hat damit großen Erfolg: Seit 1990 wurden laut Verlag rund zehn Millionen Bücher, CDs und andere Medien verkauft. Vor einigen Jahren gab es einen Olchi-Kinofilm, und am Wochenende eröffnet in Ottensen, gegenüber vom Thalia-Theater an der Gaußstraße, die Olchis-Erlebniswelt . Es handelt sich um einen Indoor-Spielplatz, der digitale Projektionen mit körperlichen Aktivitäten verbindet. Man kann hier zum Beispiel einen virtuellen Fluss durch das Verschieben von analogen Bauklötzen umleiten und Bälle auf eine Leinwand mit beweglichen Zielen werfen. Die Idee stammt von Julia Bielenberg, Oetinger-Verlegerin in dritter Generation. Vor einigen Jahren hat sie das Unternehmen von ihrer Mutter Silke Weitendorf übernommen, die Sie vielleicht von unserer Seite 1 kennen (Z+) . Bielenberg zog mit dem Firmensitz von Duvenstedt nach Altona, nannte die »Verlagsgruppe« in »Medienhaus« um – und eröffnet nun ihre erste »immersive Erlebniswelt«. In deren Entwicklung habe sie eine »niedrige einstellige Millionensumme« investiert, sagte sie mir gestern. Unter den 9- bis 11-Jährigen lesen nur noch jedes vierte Mädchen und jeder fünfte Junge täglich . Ist der digitale Toberaum ein Umschwenken auf neue Geschäftsfelder? Oder handelt es sich um Leseförderung? »Es ist Leseförderung, definitiv«, sagte Julia Bielenberg. »Unser Kern ist das Buch und wird es hoffentlich immer bleiben. Wir wissen ja, wie wichtig das Lesen ist, um an der Gesellschaft teilzuhaben.« Die Olchis-Erlebniswelt ist also eine Wette: Bielenberg will mit digitalen Medien gegen die digitale Berieselung angehen – weil es heute vielleicht mehr als Bücher braucht, um Kinder für Bücher zu begeistern. Übrigens: Die Reise durch die Erlebniswelt endet im Souvenirladen. Und dort stehen Regale voller Bilderbücher, Vorlesebücher und Selbstlesebücher. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Ihr Oskar Piegsa Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Hamburg und Schleswig-Holstein wollen ihre Stromnetze besser verknüpfen. Das gaben Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) gestern nach einer gemeinsamen Kabinettssitzung bekannt. Ziel sei es, den hohen Bedarf der Großstadt mit dem Energiereichtum des Küstenlandes effizienter zu koppeln. Beide sprachen sich auch für eine gemeinsame Strompreiszone mit Skandinavien aus. Die Stadtteilschule Wilhelmsburg wurde mit einem der renommierten Deutschen Schulpreise ausgezeichnet. In der Jurybegründung heißt es, die Schule verstehe die »außergewöhnliche Heterogenität der Lernenden« als »Ressource und Chance«. Bildungssenatorin Ksenija Bekeris (SPD) gratulierte der Schule und ganz Wilhelmsburg, denn es handle sich bereits um den dritten Schulpreis in Folge für den Stadtteil. »Was für ein großartiger Erfolg für das Lernen auf der Elbinsel!«, sagte Bekeris. Im vergangenen Jahr gewann die Schule An der Burgweide, deren Arbeit wir hier vorgestellt haben (Z+) . Der Neubau der Sternbrücke ist teurer als ursprünglich geplant. Nach Angaben des Senats sind die von der Stadt zu tragenden Kosten gestiegen. Die Linksfraktion geht davon aus, dass die Stadt nunmehr rund 99 Millionen Euro zahlen müsse. Nach Beschwerden über tagelange Übelkeit ist eine Urlauberin aus Hamburg in Istanbul gestorben. Der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu zufolge wurden Ermittlungen eingeleitet, nachdem ein Arzt den Tod der Frau als verdächtig eingestuft hatte. Der Fall erinnert an den Tod von vier Mitgliedern einer Familie, die 2025 ebenfalls aus Hamburg nach Istanbul gereist und an einer Pestizidvergiftung gestorben waren. Heute wird um 10 Uhr eine Gedenktafel für William Stern enthüllt. Stern (1871–1938) war ein einflussreicher Psychologe und hat den Begriff »Intelligenzquotient« geprägt. In Hamburg war er ab 1919 Professor an der Universität, bis er von den Nazis vertrieben wurde. Ort des kleinen Festakts ist die Straße Bei St. Johannis, Ecke Turmweg, in Rotherbaum. Nachricht des Tages Die Bundesregierung will offenbar den Verkauf einer Hamburger Spedition an den chinesischen Staatskonzern Cosco verhindern. Es bestünden »erhebliche Sicherheitsbedenken«, heißt es laut Handelsblatt in einem als »Verschlusssache – nur für den Dienstgebrauch« eingestuften Vermerk der Regierung. Bereits in der heutigen Kabinettssitzung könnte über den Verkauf entschieden werden, wird in Hafenkreisen vermutet. Die Reederei Cosco will 80 Prozent der Konrad Zippel Spediteur GmbH & Co. KG übernehmen. Der Hamburger Mittelständler organisiert per Bahn, Schiff und Lkw den Weitertransport von Containern aus Seehäfen wie Hamburg oder Bremerhaven in ostdeutsche Industriezentren. Der Jahresumsatz liegt bei etwa 80 Millionen Euro. Das Bundeskartellamt hatte die Übernahme im Februar aus wettbewerblicher Sicht freigegeben. Die sicherheitspolitische Prüfung erfolgt unabhängig davon. Laut Handelsblatt haben sich fünf Ministerien gegen den Deal ausgesprochen, darunter das Wirtschaftsministerium, das Auswärtige Amt und das Verteidigungsministerium. So wollen sie verhindern, dass China schrittweise seinen Einfluss auf europäische Häfen und Logistiknetze ausbaut. In Hamburg ist Cosco schon mit 24,99 Prozent am Containerterminal Tollerort beteiligt. Auch der Verfassungsschutz warnt, dass China strategisch wichtige Firmen in Europa kaufen und die Landesverteidigung schwächen könnte: »Von China beeinflusste Elemente der europäischen Transportinfrastruktur stünden im Konflikt- oder Krisenfall nicht oder zumindest nicht uneingeschränkt zur Verfügung«, heißt es im Vermerk. Von Kristina Läsker AUS HAMBURG »Göttergrollend und pointenstark« Der Start in die Theatersaison in Hamburg und Berlin war umwerfend, finden die ZEIT-Autoren Sven Behrisch und Tobi Müller. Lesen Sie hier einen Auszug aus ihrer Doppelrezension von » Fremde Sonne« am Deutschen Schauspielhaus Hamburg und »Deutscher Herbst« am Deutschen Theater in Berlin: Die Superlative vorweg: Das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg hat 1.200 Plätze und ist damit das größte Sprechtheater der Republik. Das Deutsche Theater in Berlin hingegen erhält die höchsten Subventionen aller Schauspielbühnen der Hauptstadt. Zwei Dick­schiffe also, und beide haben sich Episches vorgenommen, jetzt zu Beginn der Spielzeit. In Hamburg hatte am Wochenende Fremde Sonne Premiere, eine achtstündige Marathondramatisierung des griechischen Großmythos um die Argonauten. Das Berliner Theater mag es ebenfalls unbescheiden: Deutscher Herbs t von Christopher Rüping will ein Schicksalsstück über das deutsche Wesen sein, eine Collage aus Caspar David Friedrich, Hitler und der Sängerin Blümchen. Getragen werden beide Großdramen aber nicht von der monumentalen Geste, dem Stoff oder den teils brillanten Ensembles. Sondern, jedes auf seine Art, vom Auftritt ­einer Frau. »Halloooo«, sagt Wiebke Mollenhauer und lässt die Stimme in einem großen Bogen sinken, während sie aus dem Off über die Bühne bis vor zur Rampe schreitet. Darauf folgt ein »Naa?«, das auf der Tonleiter höher und höher steigt. Ganz langsam nähert sich Mollenhauer dem Publikum mit einem offenen Blick, der wenig verrät und die Antwort im Gegenüber sucht. Mollenhauer will nicht aus sich heraus brillieren, sondern im Zusammenspiel glänzen. Und wir, die Zuschauer, sind ihre Partner. Wir sind »Papa«, der demente Vater, den die Tochter besucht. Ihr Blick sagt uns, dass wir, das Publikum, hier die Unverstandenen sind, gefangen in unseren Rollen und dringend deutungsbedürftig. Es geht im Deutschen Herbst nicht um den RAF-Terror, wie der Titel nahelegt. Der Herbst steht für die allgemeine Melancholie, vielleicht auch Depression, angesichts deutscher Geschichte und Gegen­wart. Und für ein Symptom, das allenthalben grassiert: den Schwindel. Es ist eine Krankheit der Unsicherheit und des Ungleichgewichts in der Welt und im Land, die da um sich greift. [...] Der Schwindel in ganz anderer Form, in der Form des Betrugs, wirbelt auch durch die Inszenierung der Argonautensage in Hamburg. Wie in Hamburg der Dramatiker Roland Schimmelpfennig und die Regisseurin Karin Beier den Argonautenstoff neu erzählen, lesen Sie hier: → Zum Artikel (Z+) SCHON GEHÖRT? »House of Block« In der neuen Podcastserie rekonstruiert ZEIT-Kriminalreporterin Anne Kunze über acht Folgen, wie aus einem privaten Sorgerechtsstreit ein internationaler Kriminalfall wurde. Dabei kommen die Betroffenen auch selbst zu Wort. → Zu den ersten drei Folgen (Z+) DARAUF KÖNNEN SIE SICH FREUEN Die Galerie Renate Kammer erinnert noch bis Sonntag in der Ausstellung Egbert Kossak und seine Zeit in Zeichnungen, Skizzen und mehr an den ehemaligen Hamburger Oberbaudirektor, der zwischen 1981 und 1999 die Stadt prägte. Bei der Finissage am Sonntag wird von 12 bis 15 Uhr das Buch Egbert Kossak, der Hamburg-Visionär , herausgegeben von Dirk Meyhöfer, vorgestellt. »Egbert Kossak und seine Zeit in Zeichnungen, Skizzen und mehr« , bis Sonntag, 4.10., Galerie Renate Kammer, Münzplatz 11 (Münzviertel), Di–Do 12–18 Uhr sowie zur Finissage am Sonntag 12–15 Uhr. MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Zwei etwa 14-jährige Mädchen gehen an mir vorbei. Offenbar reden sie über Peinlichkeiten, die ihnen passiert sind, denn aus diesen Gesprächsfetzen schnappe ich auf: »… oder wenn man aus Versehen ›Ich liebe dich‹ schreibt …« Gehört von Sieglinde Hartmann Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .