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15.03.2026
20:10 Uhr
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Der französische Dirigent Raphaël Pichon hat Bachs "Johannes-Passion" neu aufgenommen. Den Komponisten inszeniert er wie den Star aus einem Actionthriller.

Für Fifty Shades of Hysterie, für einen Versuch über die Hysterie in all ihren Ausprägungen, hat sich der französische Dirigent Raphaël Pichon mit seiner neuen Aufnahme der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach entschieden. Ihr Star ist der Tenor Julian Prégardien, der als Evangelist die biblischen Geschehnisse von Jesu Leiden und Sterben vorträgt. Der Höhepunkt des Wahnsinns ist erreicht, als der Evangelist ruft: "Barrabas aber war ein Mörder!" Pilatus hat da gerade den geifernden Mob in Jerusalem gefragt, ob er den unschuldigen Jesus oder den Übeltäter Barrabas hinrichten soll. Der Mob hat sich für den Nazarener entschieden. Bach komponiert dem Evangelisten die Empörung zwar schon in die Stelle hinein, wie aber Prégardien den Satz förmlich schreit, ist ein bisschen irre. Ekel, Wut, Angst, auch Hass, alles hört man aus dem Schrei heraus. Gleich danach fängt die Marter an: "Da nahm Pilatus Jesum und geißelte ihn", steht lapidar im Passionsbericht nach Johannes, aber Bach schreibt seinem Evangelisten für "geißelte ihn" 53 rasch zu singende Noten aufs Blatt, jede ein Geißelhieb. Während Prégardien das zuckend singt, dreht Pichon die instrumentale Begleitung fortissimo auf: Orgel und Cembalo peitschen mit (schlugen die Spieler auf die Tasten ein?), bis auch beim Hörer die Ohren etwas bluten.