Welt 16.10.2026
03:32 Uhr

„Wir werden ja schon angegriffen“, sagt Wadephul zum russischen Krieg


Außenminister Johann Wadephul (CDU) stellt bei „Illner“ klar, wie Deutschland die Ukraine weiter unterstützten will. Er findet drastische Worte für die russische Bedrohung. Für Aufregung sorgt Claudia Wittig.

„Wir werden ja schon angegriffen“, sagt Wadephul zum russischen Krieg

Unter der Sendungsfrage „Steigende Preise, wachsende Bedrohung – kommt der Krieg näher?“ sprach Maybrit Illner im ZDF-Talk mit Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU), dem SPD-Politiker Ralf Stegner, dem Politologen und Sicherheitsexperten Peter Neumann und der Ukraine-Expertin Mareike Müller. Ins Studio geschaltet wurde später auch Claudia Wittig, stellvertretende BSW-Fraktionsvorsitzende im Landtag Sachsen-Anhalt. Mit ihren Zugeständnissen an Putin holte sie den großen Schlagabtausch in die Sendung. Außenminister Johann Wadephul (CDU) sieht Deutschland bereits im Fadenkreuz von Russland. „Wir werden ja schon angegriffen. Das sehen wir in Leipzig, das sehen wir im Cyberraum“, sagte der 63-Jährige. „Aber wir sind dem nicht ausgeliefert. Wir können uns verteidigen.“ Demonstrativ stellte Wadephul sich hinter den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, nachdem US-Präsident Donald Trump zuletzt zu Neuwahlen in der Ukraine aufgerufen hatte. „Die Bundesregierung steht vollständig hinter dem Präsidenten“, sagte Wadephul. Zwar werde es irgendwann Wahlen geben, stellte der Außenminister klar, „aber jetzt ist nicht der Zeitpunkt, über so etwas zu diskutieren.“ Für viel Aufsehen sorgte zuletzt Trumps „Diesel-Deal“ mit Russland, bei dem die USA den Kraftstoff erhalten sollen. Außenminister Wadephul interpretierte die Aktion „vor dem Hintergrund der für den amerikanischen Präsidenten nicht ganz einfachen Midterm-Wahlen.“ Er sehe aber viel Ukraine-Unterstützung bei den Demokraten wie bei den Republikanern. „Das wird nach den Wahlen auch wieder noch deutlicher werden.“ „Am Ende sehe ich keinen Abbruch der amerikanischen Unterstützung für die Ukraine“, sagte Wadephul zu den Geschehnissen in den USA. Zugleich machte er den Unterschied klar: „Europa handelt anders. Europa macht mehr Sanktionen Richtung Russland“, so der Außenminister. „Das ist unsere Politik und die ist erfolgversprechender.“ „Es wird keine Lösung ohne Europa geben“ SPD-Politiker Ralf Stegner pflichtete dem Außenminister bei und sagte, Trump verrechne sich mit seinem Diesel-Deal. „Das wird ihm gar nichts nützen bei den Zwischenwahlen bei den Mengen, über die wir da reden.“ Trumps Aktionen wären aber ein Signal für Europa: „Es zeigt, wie wichtig es ist, dass Europa zusammenhält. Und dass wir da eine Stimme haben müssen bei dem, was da geschieht.“ Politikwissenschaftler Peter Neumann ordnete Trumps Verhalten mit dessen Wunsch ein, eine strategische Partnerschaft mit Russland herzustellen. Deals über Öl und Gas. „Und die Ukraine ist ihm da lästig und steht im Wege.“ Der Krieg sei aus Trumps Sicht von Ex-Präsident Joe Biden angefangen und müsse von den Europäern gelöst werden. „Und das alles hält ihn davon ab, zu dieser großen Aussöhnung mit Wladimir Putin zu kommen – den er gut findet und der ein starker Diktator ist, in Art und Weise, wie er es vielleicht selbst gerne wäre.“ Deshalb sei Trump bereit, Dinge zu tun, „die letztlich uns allen schaden“, sagte Neumann. Der Außenminister stellte sich dann klar hinter die USA als „verlässlichen Bündnispartner“. Er räumte jedoch ein, dass sich die Beziehungen gewandelt hätten: „Wir hoffen, dass wir zu einer Innigkeit, zu einem freundschaftlichen Miteinander, wieder zurückkehren können. Aber wir wissen, dass es jetzt mehr zweckorientiert ist.“ Die Verteidigung Europas gelinge ohne die USA aber nicht, stellte er klar. Für die künftig möglichen Friedensverhandlungen und Sicherheitsgarantien pochte Wadephul auf eine starke europäische Rolle: „Es wird keine Lösung ohne Europa geben. Ohne uns wird es nicht funktionieren.“ Nun wolle man aber die Ukraine in eine optimale Verhandlungsposition und Russland an den Tisch bringen. Dass dies noch nicht jeder in den USA verstanden habe, werde sich „langsam“ ändern, meinte der Außenminister. Die anhaltende Ukraine-Unterstützung der Bundesregierung begründete der Außenminister dann mit einer schonungslosen Schilderung der militärischen und humanitären Lage. Einerseits stecke Russland in wirtschaftlichen Schwierigkeiten und verliere jeden Monat 40.000 Soldaten. Andererseits müsse der Staat allein deshalb an der Seite des überfallenen Volkes stehen, da dort, wo Russland gewinne, Kinder verschleppt sowie Frauen und Männer getötet würden. „Es ist ja nicht so, dass da, wo Russland ist, mit einem Mal Frieden und ein schönes Leben wäre. Sondern da ist ein schreckliches Leben“, sagte der CDU-Politiker. Die weitere Strategie bleibe daher: „Unterstützung der Ukraine, Druck auf Russland, und Bereitschaft und Vorbereitung von Verhandlungen.“ Deutschland sei bereits Kriegspartei, sagt Wittig Gegen Ende der Sendung wurde mit Claudia Wittig eine BSW-Landtagsabgeordnete aus Sachsen-Anhalt zugeschaltet, die zwar Russland formell als Aggressor bezeichnete, im Kern aber die Argumente des Kremls übernahm: Deutschland sei quasi Kriegspartei und beteilige sich an der Eskalation des Krieges, sagte die Co-Fraktionsvorsitzende. Die Aussage, Russland hätte den Krieg begonnen, würde die Vorgeschichte ausblenden, behauptete sie. „Das ist aber nicht der Punkt. Auch wir sagen, Russland ist der Aggressor und müsste seine Truppen zurückziehen. Aber das zu sagen, ändert nichts“, so Wittig. Sie forderte, man müsse Russlands Sicherheitsinteressen ernst nehmen. Konkret dürften keine Waffen – etwa Langstreckenraketen – an die Ukraine geliefert werden, die nach Moskau reichen, so die BSW-Politikerin. Am Mittwoch erst hatten AfD und das BSW einen gemeinsamen Antrag im sachsen-anhaltischen Landtag eingebracht und mit ihrer gemeinsamen Mehrheit beschlossen – der Antrag fordert Deutschland auf, die Waffenlieferungen an die Ukraine sowie die Russland-Sanktionen zu stoppen. „Unser Antrag zielt darauf ab, als Deutsche eine vermittelnde Position einzunehmen“, meinte Wittig bei Illner. „Das geht aber nicht, wenn wir von Russland als Kriegspartei wahrgenommen werden.“ Ralf Stegner kritisierte die BSW-Politikerin scharf. „Ich bin nicht dafür, die Ukraine hängenzulassen und ihnen die Verteidigung wegzunehmen“, warf er Wittig vor. Sie und ihre Partei würden in Sachsen-Anhalt einer rechten Partei (AfD, Anm. d. Red.) und einem Faschisten (gemeint ist Ulrich Siegmund, Anm. d. Red.) zur Macht verhelfen. „Nur Herr Putin geht darauf nicht ein.“ Politologe Peter Neumann ließ die Argumentation des BSW mit einem schnellen Realitätscheck platzen. Dass ein vom BSW gefordertes Einfrieren des Kriegs an einer mangelnden Bereitschaft der Ukraine scheitere, sei falsch. Vielmehr läge die Blockade allein an Moskau: „Selenskyj ist seit März 2025 dazu bereit und sagt, es könne sofort einen Waffenstillstand geben, an der aktuellen Frontlinie. Dazu bräuchten sich die Russen nicht einmal zurückziehen. Nur Herr Putin geht darauf nicht ein.“