Welt 05.10.2026
15:20 Uhr

„Wir legen nicht mehr so viel Wert auf Arbeiten“ – Klagen der Gen Z über 40‑Stunden-Woche


Eine ZDF-Reportage geht der Arbeitsmoral der Generation Z nach. Zu Wort kommen ein frustrierter Mittzwanziger, ein Ökonom – und eine Führungskraft, die ein hartes Urteil über den Nachwuchs fällt.

„Wir legen nicht mehr so viel Wert auf Arbeiten“ – Klagen der Gen Z über 40‑Stunden-Woche

Der junge Mann spricht auf dem Nachhauseweg in die Kamera, hinter ihm geht die Sonne unter: „Leute, ich arbeite ja seit 3 Wochen. Wir haben jetzt 18.41 Uhr. Ich hab’ das Haus um 7.30 Uhr verlassen“, stöhnt er. „Ihr wollt mir doch nicht sagen, dass das das Leben ist.“ Urheber des Videos ist der 26 Jahre alte Julian Kamps, der damals seit kurzer Zeit im Marketing arbeitet. Sein Video, in dem er sich darüber beschwert, dass Vollzeitjob, Weg zur Arbeit und Freizeit nicht vereinbar seien, traf einen Nerv und ging schließlich viral. (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article68ff17d7c008edcf0c8548fc/julian-kamps-gen-z-influencer-schimpft-ueber-acht-stunden-tag-nach-drei-wochen-9-to-5.html) Mehr als vier Millionen Menschen haben den Clip angesehen. „Ich habe viele Hassnachrichten bekommen“, sagt er ein Jahr später in der ZDF-Reportage „AmPuls“ mit dem Titel „Alt gegen Jung: Wer ist hier verwöhnt?“. (verlinkt auf https://www.zdf.de/video/reportagen/am-puls-100/am-puls-mit-mitri-sirin---alt-gegen-jung-wer-ist-hier-verwoehnt-100) Er sei damals der wohl „meistgehasste Gen‑Z‑ler“ gewesen. Doch Kamps bleibt bei seiner Meinung: Die 40‑Stunden-Woche werde von den Eltern vorgelebt. „Aber heißt ja nicht, dass es immer noch so gut ist“, so der Mittzwanziger. „Ich hab’ das Gefühl, die Welt hat sich ein bisschen verändert. Und auch das Bewusstsein meiner Generation hat sich verändert“, sagt Kamps. „Wir legen nicht mehr so viel Wert auf Arbeiten und Überstunden machen, alles aufgeben für den Job, sondern wollen so ein bisschen mehr leben und Spaß haben, uns mit Freunden treffen, auch mal ein Ehrenamt machen.“ Seinen damaligen Job bei der Marketingagentur hat Kamps mittlerweile aufgegeben. Der ehemalige „Germany’s Next Topmodel“-Kandidat arbeitet heute als Model, Social-Media-Redakteur bei den Grünen und als Content-Creator. „Ab zum Bund mit so einem“ In der ZDF-Doku werden einige der Kommentare unter Kamps Video eingeblendet. Darunter Sätze wie: „Ab zum Bund mit so einem“, „Es sind einfach faule Mimosen“, „Geh arbeiten, dann kommst du auf keine dummen Gedanken“ oder auch: „Wenn er in ein paar Jahren im Schützengraben an der Ostfront liegt, wird er die 40-Stunden-Woche vermissen.“ Die Zahl der arbeitenden 20- bis 24-Jährigen sei in den vergangenen zehn Jahren wieder gestiegen, rechnet das ZDF vor. 76 Prozent beteiligten sich am Arbeitsmarkt. Der Vorwurf, dass die Gen Z nichts aushalte, sei ein Irrtum, so Kamps. Die Generation spreche nur aus, was sie störe. Er berichtet, dass er als Content-Creator 8 bis 10 Videos am Tag produziere und sie abends zwei Stunden lang schneide. „Das ist auch Arbeit“, sagt er. Eine Gruppe Rentner aus Eberswalde (Brandenburg), die das ZDF befragt, stört an der Jugend offenbar vor allem, dass im Bus keiner aufstehe. „Ein Tritt wäre da manchmal nicht schlecht“, sagt eine Rentnerin sogar. Und Kamps Aussage, dass von 9 bis 17 Uhr zu arbeiten kein Leben sei? „Die müssen alle bescheuert sein. Wir haben von 7 bis 16 Uhr gearbeitet. Mindestens“, urteilt einer der Rentner. Keiner wolle arbeiten, aber das Geld solle stimmen, kritisieren sie die Anspruchshaltung der jungen Erwachsenen. „Aber wo soll es dann herkommen?“, fragt jemand. „Die Jungen wachsen in einem Überflussumfeld auf“, beschweren sich auch die Älteren in den Zuschriften. Dieter Mießen, kaufmännischer Leiter eines Berliner Tiefbauunternehmens, erzählt in der Doku, wie schwer es sei, für die harte Arbeit Nachwuchs zu finden. Sein ältester Mitarbeiter sei 70. „Der hat, glaube ich, in seinem gesamten Berufsleben nicht so viele krankheitsbedingte Fehltage gehabt wie die Auszubildenden innerhalb von drei Jahren.“ Die Auszubildenden würden ihm sagen, sich aufgrund mangelnder Lust krankschreiben zu lassen. „Das ist eine Situation, wo ich dann Puls bekomme“, so Mießen. Auch das Allgemeinwissen der Auszubildenden lasse nach: „Vor Jahren konnten wir uns noch erlauben, die Frage zu stellen, wie viel ist zwölf mal zwölf? Da bekamen wir akzeptable Näherungswerte. Heute sind wir ja schon beim kleinen Einmaleins angekommen und da wird schon der Telefonjoker gezogen“, kritisiert er. Und weiter: „Wir haben eine sehr hohe Ausbildungsvergütung. Wir haben 30 Tage Urlaub, und trotzdem reicht das nicht aus. Es wird viel von Work-Life-Balance gesprochen. Aber das erste Wort in dem Begriff ist ‚Work‘. Es muss zuerst die Arbeit kommen, und dann kann die Balance eintreten.“ Für die jüngere Generation hingegen setzt sich der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, ein. Er findet, dass zu viel auf die Generation abgeladen wird. Er ist sogar für einen Boomer-Soli – für diese Meinung bekomme er Morddrohungen, erzählt er. Die Vorwürfe gegen die Jungen findet er nicht gerecht: „Die machen eigentlich alles falsch, die sollen mal hart arbeiten und die leisten zu wenig“, heiße es. Aber sei es nicht genau andersherum? „Eine kleine Gruppe von Boomern ist so egoistisch, ja. Die sehr wohlhabenden“, so Fratzscher. „Denn die Tendenz, die wir heute haben, ist, wann immer wir ein Problem haben, das zusätzlich Geld erfordert – ob das jetzt mehr Geld für Verteidigung ist, ob wir mehr Geld für Rente brauchen, für Sozialversicherung –, die Antwort ist: Die junge Generation muss das stemmen.“ Dabei müssten die jüngeren Generationen immer mehr ihres Gehalts für die Sozialbeiträge abgeben. Je jünger, desto mehr. „AmPuls – Alt gegen Jung: Wer ist hier verwöhnt?“, 3. Oktober 2026, abrufbar in der ZDF-Mediathek. (verlinkt auf https://www.zdf.de/video/reportagen/am-puls-100/am-puls-mit-mitri-sirin---alt-gegen-jung-wer-ist-hier-verwoehnt-100)