Welt 11.10.2026
13:38 Uhr

Von Medienwandel und Fake-News-Gefahren


Die Ausstellung „News“ erzählt die Pressegeschichte von der Gründung der ersten Massenmedien bis zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz in den Blick. Hamburger Journalisten berichten über ihr Selbstverständnis und aktuelle Herausforderungen.

Von Medienwandel und Fake-News-Gefahren

Willy Brandts Kniefall zu Warschau, die ersten Schritte auf dem Mond, Boris Beckers Hechtsprung im Wimbledon-Finale, Hanns Martin Schleyer als RAF-Gefangener, John F. Kennedys Rede in Berlin, die Hochzeit von Prinz Charles und Diana: Mit einer bunten Collage aus dpa-Bildern, die in den vergangenen 77 Jahren um die Welt gingen, startet die Ausstellung „Nachrichten – News“ jetzt im Museum der Arbeit. Die Bilder stehen für historische Ereignisse, die ins kollektive Gedächtnis eingegangen sind. Heute fällt es viel schwerer, Nachrichten von allgemeiner Relevanz auszumachen. Denn die Bilder- und Nachrichtenflut ist durch das Internet und die sozialen Medien gewaltig und unübersichtlich geworden. Dazu kommt: Nicht immer ist erkennbar, welche Meldungen seriös sind, und welche nicht, sodass nicht nur junge Menschen mühsam lernen müssen, Fakten und Fake auseinanderzuhalten. Dabei ist die alte Zeitungsente nicht mehr nur ein Missgeschick, sondern oft gezielt eingesetzte Desinformation. Die Folge: Studien haben gezeigt, dass das Interesse daran, sich nachrichtlich zu informieren, stetig nachlässt, dass sich eine Nachrichten-Verdrossenheit eingestellt hat. Generalanzeiger als erstes Massenmedium So sei es das Ziel der interaktiven Schau, die sich ausdrücklich auch an Jugendliche richtet, „Kompetenzen zu vermitteln im Umgang mit Nachrichten“, erklärt Sandra Schürmann. Sie ist verantwortlich für die Hamburger Version der Ausstellung, die vom Museum für Kommunikation in Berlin konzipiert wurde. Im Fokus stehen die Nachrichtenagenturen, die aktuelle Informationen sammeln, prüfen und aufbereiten, um weltweit Medien damit zu beliefern. In der von Stellwänden strukturierten, thematisch gegliederten Schau gibt es neben prägnanten Grafiken und Texten, Video- und Audio-Stationen, Bildmaterial und wenigen, aber aussagekräftigen Objekten auch mehrere Stationen zum Mitmachen. Dort können zum Beispiel die eigenen Interessen mit denen anderer Besucher verglichen, Meldungen getippt und am Ende individuell passende journalistische Formate ermittelt werden. Der informative Rundgang startet mit einem historischen Teil im 15. Jahrhundert, als der Marktplatz der wichtigste Ort der – mündlichen – Nachrichtenübertragung war. Vom handgeschriebenen Nachrichtenbrief, der per Bote sein Ziel erreichte, wird ein Bogen geschlagen zu den Generalanzeigern des 19. Jahrhunderts, den ersten Massenmedien, die nach dem Motto „alles für alle“ berichten: „Die Nachricht ist nun etwas, das für kleines Geld konsumiert werden kann“, so Schürmann. Aus dem Bedürfnis nach unabhängiger, internationaler Berichterstattung entwickelten sich schließlich die Nachrichtenagenturen. Den Anfang machte die von Charles-Louis Havas 1835 in Paris gegründete Agence Havas, 1851 folgte Reuters in London. Das Präparat einer gewitzt wirkenden Brieftaube verweist darauf, dass der Reuters-Gründer Paul Julius Reuter anfangs auch einen Taubenservice betrieb – die Vögel waren dreimal so schnell, wie die Eisenbahn. Anders als Zeitungen, die sich positionieren dürfen und sollen, ergreifen die Agenturen ausdrücklich nicht Partei – was sich auch an den neutral formulierten Schlagzeilen zeigt. Die dpa wurde 1949 ins Leben gerufen. Die erste nüchterne Nachricht, die über den Ticker lief lautete: „Deutsche Presse-Agentur nimmt Dienst auf.“ Im Folgenden sind alle 62 „Blitzmeldungen“ der dpa von 1951 bis 2024 zusammengefasst, also News von höchster Relevanz. Sie reichen von „Deutschland Fußballweltmeister durch 3:2-Sieg über Ungarn“ (4. Juli 1954) über „Helmut Kohl ist neuer Bundeskanzler. Helmut Schmidt über konstruktives Misstrauensvotum gestürzt“ (1. Oktober 1982) bis zu „Biden zieht sich aus US-Präsidentschaftsrennen zurück“ (21. Juli 2024). Was macht seriösen Journalismus aus? In einem weiteren Ausstellungsabschnitt geht es um Vertrauen: Woran können wir erkennen, was seriöse Meldung und was bloß Meinung ist? Im Zeitalter der sozialen Medien und der Unmenge von „user-generated content“ will die Schau auch daran erinnern, dass der Journalismus ein Handwerk ist, das nicht jeder einfach so beherrscht, und in dem der kritische Umgang mit Quellen und die absichernde Recherche selbstverständlich sind. „Für Jugendliche ist es heute klar, dass ein Bild gut gefälscht sein kann“, sagt Schürmann. Es sei aber wichtig, den jungen Menschen auch zu vermitteln, dass ein Journalist zum Beispiel in einem Kriegsgebiet möglicherweise sein Leben riskiert hat, um ein aussagekräftige, authentische Fotografie zu machen. Anhand von historischen Geräten aus dem Museum für Kommunikation wird ferner von der Übertragungstechnik im Wandel der Zeiten erzählt. Da steht etwa ein Fernschreiber, der Nachrichten über das sogenannte Telex-Netz verbreitete, das seit 2007 abgeschaltet ist – der klobige Kasten sieht aus wie eine Mischung aus Uralt-Computer und Fotokopierer. Vorgestellt wird außerdem ein Morseapparat von 1850, oder ein Bildtelegraf, der seit den 1950er-Jahren bei der dpa im Einsatz war, um Pressefotos in die Redaktionen zu übertragen. Die Dauer pro Bild: zwölf Minuten. Der ausgemusterten Technik steht die Künstliche Intelligenz (KI) gegenüber, die jüngste Errungenschaft des digitalen Zeitalters. Bisher lernen KI-Systeme aus Daten, erkennen Muster und errechnen Wahrscheinlichkeiten. Im Journalismus bieten sich viele Möglichkeiten, KI-Tools unterstützend einzusetzen. Um aber qualitätsjournalistische Texte zu generieren, die auf Gesprächen mit Menschen, auf investigativer Recherche und oft jahrzehntelanger Erfahrung beruhen, ist die KI allerdings – bislang – völlig ungeeignet. Die Schau thematisiert außerdem „die dunkle Seite des Algorithmus“: Aus unausgewogenen oder tendenziösen Trainingsdaten werden im Lernprozess der Künstlichen Intelligenz Vorurteile übernommen, also systematische Verzerrungen im System (Bias), die dann weitergetragen und zu unfairen oder diskriminierenden Ergebnissen führen. Journalisten über Werte und Herausforderungen Weil Hamburg trotz der seit der Jahrtausendwende fortschreitenden Krise der Zeitungs- und Verlagsbranche, trotz diverser Kürzungen, drastischem Stellenabbau und Schließungen ganzer Redaktionen noch immer als Medienstadt firmiert, hat Schürmann eigens für die Präsentation im Museum der Arbeit eine „Talkrunde“ eingerichtet. Von vier großen, im Kreis angeordneten Bildschirmen aus sprechen im Wechsel elf Hamburger Medienvertreter, darunter Damla Hekimoğlu von der Tagesschau, Janko Tietz vom Spiegel, Jörn Lauterbach von WELT AM SONNTAG, Carolina Koplin von Radio Hamburg oder Matthias Iken vom „Hamburger Abendblatt“ über ihr jeweiliges Selbstverständnis. Sie berichten vom journalistischen Alltag, von Herausforderungen und Perspektiven. Der Konsens, fasst Schürmann zusammen, laute: „Wir müssen unsere Standards wahren, auch mal langsam sein, uns von den sozialen Medien nicht treiben lassen, und die Fakten lieber ein zweites Mal checken“. Das passt in die Ausstellung, die auf hohem Niveau leicht verständlich informiert – wie das auch Nachrichten im Idealfall tun sollten. Am Ende werden mediale Möglichkeiten der Zukunft vorgestellt, die nachrichtenverdrossene Menschen womöglich wieder ins Boot holen können. „Nachrichten – News“. 14. Oktober bis 16. Mai im Museum der Arbeit