Welt 04.07.2026
14:37 Uhr

„Verpisst Euch!“ – Drei Reporter in Erfurt „gejagt und zusammengeschlagen“


Bei einem Anti-AfD-Protest wurden drei Journalisten des Online-Portals „Apollo News“ nach eigenen Angaben von Demonstranten „gejagt“. Die Polizei bestätigte einen Vorfall, ohne das Medium zu nennen.

„Verpisst Euch!“ – Drei Reporter in Erfurt „gejagt und zusammengeschlagen“

Ein Video aus Erfurt von einer Anti-AfD-Veranstaltung verbreitet sich viral in den sozialen Medien. Zu sehen ist eine Gruppe Menschen, die sich in Bewegung setzt und drei Männer zu hetzen beginnt. „Buh“-Rufe sind zu hören, eine Frau schreit „Verpisst Euch!“. Schließlich werden die Männer geschubst, die Lage eskaliert. ++ Alle Informationen zum Bundesparteitag der AfD im Live-Ticker (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a47904e2e8f13ca8ed2ad55/afd-bundesparteitag-in-erfurt-mit-70-prozent-der-stimmen-chrupalla-als-afd-co-chef-wiedergewaehlt-liveticker.html) ++ Nach Angaben des Chefredakteurs von „Apollo News“ handelt es sich bei den drei Männern um Reporter des Online-Portals. Diese seien „gejagt und zusammengeschlagen“ worden, schreibt Max Mannhart auf X (verlinkt auf https://x.com/ronzheimer/status/2073352197102842168) . Auf weitere Nachfrage von WELT erklärte Mannhart, die drei Mitarbeiter – zwei Reporter, ein Kameramann – seien auf der offiziellen Anti-AfD-Demonstration „Widersetzen“ in Erfurt für „Apollo News“ unterwegs. Die Polizei bestätigte WELT einen Vorfall, nannte aber kein Medium. Die Journalisten erstatteten demnach Anzeige, die Ermittlungen seien aufgenommen worden. Demnach sollen zwei der Journalisten durch Flaschenwürfe verletzt worden sein. „Angriffe auf Journalistinnen und Journalisten werden von uns konsequent verfolgt“, teilte die Polizei später mit. Bei den Reportern handelt es sich nach Mannharts Angaben um Marius Marx und Jonas Aston. Während sie filmten, sollen Teilnehmer der Demonstration zunehmend aggressiv reagiert haben. Zunächst seien Rufe wie „Nazis raus“ laut geworden. Anschließend hätten Demonstranten versucht, mit Plakaten und Schildern gezielt die Kameras zu verdecken und die Reporter zurückzudrängen. Im weiteren Verlauf eskalierte die Situation. Bereits zu diesem Zeitpunkt sei Reporter Aston körperlich angegriffen worden und zu Boden gegangen. Auch dieser erste Angriff ist auf Video dokumentiert und liegt unserer Redaktion vor. Ein Teilnehmer der Demonstration habe nach Schilderung Mannharts anschließend versucht, die Situation zu beruhigen, und andere Demonstranten aufgefordert, aufzuhören. Dadurch habe der betroffene Reporter wieder aufstehen und sich zunächst entfernen können. Mannhart betont zudem, dass sich der Vorfall zu diesem Zeitpunkt so tief innerhalb der Demonstration abgespielt habe, dass die Polizei vermutlich noch nicht unmittelbar hätte eingreifen können. Die drei Reporter entfernten sich anschließend, wurden jedoch weiter verfolgt. Laut Mannhart setzte ihnen ein größerer Mob nach – bestehend aus mehreren Dutzend Personen. Während der Verfolgung seien sie beschimpft worden; zudem seien Gegenstände beziehungsweise Flaschen geflogen. Schließlich seien mehrere Personen losgerannt und hätten die Reporter erneut angegriffen. Marx und Aston seien dabei zu Boden gegangen. Als die Reporter am Boden lagen, seien sie laut Mannhart wiederholt getreten worden. Besonders schwer wiegt nach seiner Schilderung, dass mindestens ein Tritt gezielt gegen den Hinterkopf eines am Boden liegenden Reporters Aston erfolgt sei. Alle drei Teammitglieder seien bei den Angriffen verletzt worden. Der Angriff habe erst geendet, als Polizeikräfte eintrafen. Mannhart hebt im Gespräch mit WELT hervor, dass bis zu diesem Zeitpunkt weiter gegen die am Boden liegenden Reporter getreten worden sei. Als Ort des Geschehens nennt Mannhart den Bereich Straße des Friedens/Gustav-Adolf-Platz und damit in unmittelbarer Nähe des Bereichs, in dem sich auch Luisa Neubauer mit ihrer Blockade aufhält. Nach dem Angriff wurden die Reporter zunächst von Rettungssanitätern vor Ort versorgt. Danach fuhren sie mit ihrem eigenen Auto zum Krankenhaus. Am Abend veröffentlichte „Apollo News“ ein Video-Interview (verlinkt auf https://www.youtube.com/watch?v=nvJvUFF2WBY&t=86s) mit Aston und Marx. Beide hätten Schürfwunden davongetragen, erklärt Marx, jetzt gehe es ihnen soweit gut. „Die Situation ist immer mehr eskaliert, es war eine unfassbare Massendynamik“, sagt Aston. „Ich kann das nicht anders nennen als eine Hetzjagd.“ Als sie weit genug aus der Demonstration herausgelaufen seien, habe die Polizei sie schließlich gesehen. „Die ist dann eben auch massiv rein, mit Pfefferspray, und hat uns da wirklich rausgeholfen.“ Im Gespräch mit WELT bezeichnete „Apollo News“-Chefredakteur Mannhart den Vorfall als „einen wirklich herausragenden Angriff auf die Pressefreiheit“. Die „Aktion Widersetzen“ werde unter anderem von Jusos, Grüner Jugend und Linkspartei offiziell unterstützt. „Ich fordere alle beteiligten Organisationen und Verantwortlichen auf, sich zu diesem Vorfall zu äußern und dazu Stellung zu beziehen, wie so etwas geschehen konnte“, sagte Mannhart. Zugleich betonte er: „Wir sind sehr stolz auf unsere Kollegen, die trotz der Gefahr mit großem persönlichem Mut ihrer journalistischen Arbeit nachgegangen sind.“ Auch die „Junge Freiheit“ berichtet von einem Angriff auf ihr Reporterteam. Nach Angaben des Mediums seien Journalisten in Anwesenheit von Organisatoren des Aktionsbündnisses „Widersetzen“ von Antifa-Demonstranten angegriffen worden. Ein Reporter habe einen Faustschlag ins Gesicht und auf die Hand erhalten, anschließend sei ihm das Handy entrissen und gestohlen worden. Ein Video dokumentiert den Angriff. Laut „Junge Freiheit“ skandierten Vermummte danach: „Das Handy hat die Antifa!“ FDP-Chef Wolfgang Kubicki kommentierte mit einem Beitrag auf X: „Wer Journalisten bei der Ausübung ihrer Arbeit bekämpft, bekämpft die freiheitliche Demokratie. Wer dabei zu Gewalt greift, gehört vor den Strafrichter und muss den wehrhaften Rechtsstaat spüren.“ Er wünschte den Verletzten baldige Genesung. Maximilian Heimerzheim (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/maximilian-heimerzheim/) berichtet für WELT und „Politico“ über die SPD und gesellschaftspolitische Themen.