Im Juni ließ Karyann Parkinson, eine Mutter, die im Bundesstaat Virginia lebt, ihren fünfjährigen Sohn Samuel allein zu einem Teich gehen, um an seinem Ufer Gänsefedern zu sammeln. Der Teich befand sich innerhalb einer „gated community“, also eines eingezäunten Viertels, das von Wachleuten beschützt wird. Laut Parkinson kannte ihr Sohn den Weg – sie sei ihn oft mit ihm zusammen gegangen. Sie war gerade dabei, Mittagessen für ihre Familie zu kochen, als es an die Tür klopfte. Draußen stand ein Wachmann, er hatte Samuel unterwegs aufgegriffen. Einem Nachbarn war aufgefallen, dass das Kind allein unterwegs war. Laut Parkinson sagte der Wachmann: „Wir erlauben Kindern in diesem Viertel nicht, ohne Begleitung zu sein.“ Sie erkundigte sich, ob dies eine Regel der „gated community“ sei; der Wachmann antwortete, vielleicht habe sie nicht gegen die Gemeinschaftsregeln verstoßen, wohl aber gegen das Gesetz. Er werde sie anzeigen. Am selben Tag bekam die 36-Jährige Besuch von einem Polizisten und Mitarbeitern der Child Protective Services, der Kinderschutzbehörde. Der Fall kam vor Gericht, vergangene Woche wurde Parkinson wegen „Beihilfe zum Vergehen eines Minderjährigen“ verurteilt. Sie erhielt sechs Monate auf Bewährung, außerdem wird sie sieben Jahre lang als „nachlässige Mutter“ im Strafregister von Virginia geführt. Das bedeutet unter anderem, dass sie nicht bei Schulveranstaltungen helfen darf, dass der Eintrag bei Hintergrundchecks auftaucht und eine weitere „Verfehlung“ drastische Konsequenzen haben könnte. Parkinson will das Urteil anfechten. Sie ist selbst angehende Anwältin und befürchtet nun, wegen der Verurteilung keine Zulassung zu bekommen. Das Urteil ist überraschend, denn der Bundesstaat Virginia hat vor drei Jahren ein Gesetz erlassen, das Eltern erlaubt, ihre Kinder ohne Aufsicht herumlaufen zu lassen. Von Missbrauch oder Vernachlässigung, so der Gesetzgeber, könne nur dann die Rede sein, wenn Gesundheit oder Sicherheit des Kindes gefährdet seien. Ausdrücklich erlaubt ist, wenn Kinder allein mit dem Fahrrad oder zu Fuß unterwegs sind, allein draußen spielen oder ohne Eltern für eine gewisse Zeit zu Hause bleiben. Die Verurteilung von Parkinson hat in Amerika eine wütende Debatte ausgelöst. Auf der einen Seite stehen jene, die finden, es sei viel zu gefährlich, einen Fünfjährigen ohne Begleitung in die Nähe eines Teichs gehen zu lassen. In den meisten Fällen wie dem von Parkinson sind es Nachbarn oder Passanten, die die Polizei oder gleich die Kinderschutzbehörde anrufen, wenn sie Kinder ohne Begleitung Erwachsener sehen. Auf der anderen Seite gibt es viele Amerikaner, die das Urteil für vollkommen wahnsinnig halten. Zu den Verteidigern von Parkinson gehört die Autorin Lenore Skenazy. Sie hatte 2009 mit einer Zeitungskolumne für Furore gesorgt, in der sie beschrieb, dass sie ihren neunjährigen Sohn in New York allein mit der U-Bahn nach Hause fahren ließ, eine Reise, die ohne Zwischenfall vonstatten ging. Sie galt vielen damals als „schlimmste Mutter in Amerika“. Skenazy wehrte sich, indem sie ein Buch schrieb. Der Titel: „Free-Range Kids“, auf Deutsch ungefähr: „Kinder in Freilandhaltung“. Das Buch war ein Plädoyer dafür, Kindern ihre Freiheiten zu lassen, da dies Selbstbewusstsein, Verantwortungsgefühl und Resilienz stärke. Es wurde allgemein freundlich aufgenommen, und es wuchs eine Bewegung daraus (verlinkt auf https://www.freerangekids.com/) . Fast immer ein Erwachsener dabei Mittlerweile haben außer Virginia noch dreizehn andere Bundesstaaten Gesetze verabschiedet, die Eltern erlauben, ihre Kinder draußen herumtoben zu lassen, ohne dass die Polizei sie nach Hause bringt und ein Staatsanwalt Anklage erhebt. Allerdings ist Kindheit in den Vereinigten Staaten immer noch wesentlich unfreier als etwa in Deutschland. Laut einer Umfrage des amerikanischen Meinungsforschungs- und Beratungsunternehmens Harris (verlinkt auf https://theharrispoll.com/articles/what-children-are-saying-about-phones-freedom-and-friendship/) sind 62 Prozent der Kinder zwischen acht und zwölf noch nie irgendwohin gegangen oder mit dem Fahrrad gefahren, ohne dass ein Erwachsener dabei gewesen wäre. Demnach haben 63 Prozent noch nie ein Baumhaus gebaut. Und 56 Prozent haben noch nie ohne Aufsicht der Eltern mit einem Nachbarn geredet (aber 28 Prozent hatten online schon Kontakt mit wildfremden Menschen). Was ist da passiert? Warum wurde Kindheit in Amerika, laut Nationalhymne das „Land der Freien und die Heimat der Tapferen“, eine dermaßen beengte Angelegenheit? Nach Ansicht mancher Psychologen begann der Verfall der kindlichen Freiheit schon in den Fünfzigerjahren. Wegen des neuen Massenmediums Fernsehen blieben die Kinder nach der Schule zu Hause, statt draußen sinnvollen Unsinn zu treiben. Allerdings gab es das Fernsehen auch in anderen Ländern, ohne dass es dieselben drastischen Folgen gehabt hätte. In den USA kam noch etwas anderes dazu: 1979 verschwand der sechsjährige Etan Patz auf dem Weg zu seinem Schulbus. 1981 wurde der ebenfalls sechsjährige Adam Walsh aus einem Supermarkt entführt und sein abgetrennter Kopf später in einem Abwasserkanal gefunden. Die Leiche des kleinen Etan wurde nie gefunden, aber der Fall beschäftigt das Land bis heute. 2017 verurteilte ein Gericht Pedro H. wegen Entführung und Mordes; erst in diesem Jahr lehnte der Oberste Gerichtshof der USA eine Wiederaufnahme wegen Verfahrensfehlern ab (verlinkt auf https://edition.cnn.com/2026/06/22/politics/etan-patz-supreme-court) . Im Jahr 1984 begann eine US-Behörde, Fotos vermisster Kinder auf Milchpackungen zu drucken. Diese „missing children milk cartons“ standen bis Mitte der Neunzigerjahre gleich neben den Corn Flakes auf jedem amerikanischen Frühstückstisch. So verfestigte sich der Eindruck, dass in Amerika dauernd Kinder von der Straße verschwänden und von jedem Fremden Gefahr drohte – eine Vorstellung, die in Amerika heute ironisch als „stranger danger“ bezeichnet wird. In Wahrheit wurden die meisten vermissten Kinder damals wie heute von geschiedenen Vätern oder Müttern entführt, denen das Gericht das Sorgerecht abgesprochen hatte. Fälle wie jene von Etan Patz und Adam Walsh sind grauenhaft, aber zum Glück selten. Dennoch wuchs eine Generation von amerikanischen Kindern mit jenen Milchtüten auf. Der renommierte Kinderarzt und Bestseller-Autor Benjamin Spock schrieb, die Bilder der Vermissten hätten die amerikanischen Kinder an den Frühstückstischen bis tief ins Mark erschreckt: Sie mussten denken, auch sie könnten jederzeit entführt und umgebracht werden. Vielleicht kann man die amerikanische Art, Kinder zu erziehen, psychologisch als eine Form der Angststarre begreifen; und vielleicht ist die Bewegung zugunsten der „free range kids“ ein Versuch, endlich aus der Angststarre zu erwachen. Ein Detail der Debatte, die sich nun erneut an dem Fall von Karyann Parkinson entzündet hat, überrascht aber, vor allem aus europäischer Sicht. Es gibt einen Faktor, der das Leben von Kindern in den Vereinigten Staaten gefährdet, den es in anderen entwickelten Nationen nicht gibt: die Allgegenwart von Schusswaffen. Nicht Autounfälle oder Krebs, sondern Schussverletzungen sind heute die Todesursache Nr. 1 für amerikanische Kinder. Massenschießereien an amerikanischen Schulen (verlinkt auf https://everytownresearch.org/maps/gunfire-on-school-grounds/) sind so häufig geworden, dass sie es kaum noch in die Abendnachrichten schaffen. Kinder mit Schusswaffen Dabei sind letztere, statistisch gesehen, noch nicht einmal das Hauptproblem: Die alltäglichen Tragödien geschehen, wenn Eltern ihre Aufsichtspflicht vernachlässigen, ein Kind die Schrotflinte seines Vaters findet (verlinkt auf https://www.welt.de/vermischtes/article699af2b0ee35d0f0647c39d2/usa-elfjaehriger-erschiesst-vater-weil-der-ihm-die-nintendo-wegnahm-und-ihn-ins-bett-schickte.html) und damit aus Versehen seine kleine Schwester erschießt. Offizielle Daten dazu gibt es nicht, aber Nichtregierungsorganisationen wie das Gun Violence Archive (verlinkt auf https://www.gunviolencearchive.org/) schätzen, dass allein seit Beginn dieses Jahres Tausende Kinder und Jugendliche durch Schusswaffen starben. Was bleibt, ist die Verwunderung über den Fall Karyann Parkinson. Und die Erleichterung, dass das Schlimmste, was ihrem Sohn passierte, vermutlich der Schreck beim Aufgreifen durch den Wachmann war.