Welt 14.09.2026
12:15 Uhr

Starkes Schulsystem, schwache Aufstiegschancen – Hamburgs Bildungsparadox


Platz drei für Hamburg: Der Bildungsmonitor bescheinigt der Hansestadt eines der stärksten Bildungssysteme Deutschlands. Doch ausgerechnet dort, wo es um Chancengerechtigkeit geht, gehört Hamburg weiterhin zu den Schlusslichtern im Bundesvergleich.

Starkes Schulsystem, schwache Aufstiegschancen – Hamburgs Bildungsparadox

Hamburg gehört weiter zur Spitzengruppe der deutschen Bildungssysteme. Im neuen Bildungsmonitor des Instituts der Deutschen Wirtschaft landet die Hansestadt auf Platz drei unter den 16 Bundesländern. Nur Sachsen und Bayern schneiden besser ab. Die Studie im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bestätigt damit zunächst die Erfolgsgeschichte, die die Schulbehörde seit Jahren erzählt. Die Stadt liegt bundesweit auf Platz eins bei der Internationalisierung und jeweils auf Platz zwei bei den Betreuungsbedingungen, der Förderinfrastruktur und der Inputeffizienz. Nach Ansicht der Studienautoren setzt Hamburg Personal und finanzielle Mittel vergleichsweise effizient ein. Einer der Gründe für das gute Abschneiden ist, dass deutlich weniger Lehrkräfte vorzeitig wegen Dienstunfähigkeit aus dem Schuldienst ausscheiden als in anderen Bundesländern. „Hamburgs Schulsystem belegt nun schon sechs Jahre in Folge einen hervorragenden dritten Platz unter den 16 Bundesländern. 2010 lag Hamburg noch auf Platz 11“, sagte Bildungssenatorin Ksenija Bekeris. Der flächendeckende Ausbau der schulischen Ganztagsangebote, Verbesserungen bei Lesen, Sprache und Englisch sowie Reformen an den berufsbildenden Schulen hätten zu diesem Ergebnis beigetragen. Tatsächlich fallen die Werte in mehreren Bereichen deutlich besser aus als im Bundesdurchschnitt. Fast alle Hamburger Grundschüler nehmen an ganztägigen schulischen Angeboten teil. Auch in der Sekundarstufe I liegt der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Ganztagsangebot bei knapp 98 Prozent. Zudem bescheinigt der Bildungsmonitor Hamburg vergleichsweise günstige Lehrer-Schüler-Relationen. Bekeris wertete das Ergebnis auch deshalb als bemerkenswert, weil Hamburg mit besonderen Belastungen umgehen müsse. Sie verwies auf die stark gestiegene Schülerzahl, den „fortlaufend ansteigenden Anteil von Schüler:innen ohne deutsche Familiensprache“ sowie die Folgen der Corona-Pandemie. Während Hamburg erneut Rang drei erreiche, lägen die anderen beiden Stadtstaaten deutlich dahinter. „Die strukturell vergleichbaren Stadtstaaten liegen auf Platz 12, Berlin, und Platz 16, Bremen.“ Doch genau an dieser Stelle zeigt der Bildungsmonitor auch eine Schwäche des Hamburger Systems: Beim Handlungsfeld „Integration und Bildungschancen“ landet Hamburg lediglich auf Rang 14 von 16 Bundesländern. Nur Berlin und Sachsen-Anhalt schneiden schlechter ab. Bremen, das im Gesamtranking deutlich hinter Hamburg rangiert, belegt bei den Aufstiegschancen von Schülerinnen und Schülern Platz 9 im Ranking. Bekeris selbst räumt den Handlungsbedarf ein. „Trotz aller Anerkennung für die erfolgreichen Reformen liegt noch viel Arbeit vor uns“, sagte sie. „Wir wollen den Bildungserfolg weniger abhängig machen von den familiären Voraussetzungen, die Übergänge von Kita in die Schule und von dort später in den Beruf verbessern und den schulischen Ganztag qualitativ weiterentwickeln.“ Genau dort sehen auch die Autoren des Bildungsmonitors die gewichtigste Herausforderung. „Der größte Kritikpunkt betrifft die soziale Durchlässigkeit des Bildungssystems“, heißt es in der Länderanalyse. Während Hamburg bei vielen Strukturmerkmalen längst zur nationalen Spitzengruppe gehört, bleibe die Frage offen, wie stark sich diese Investitionen künftig tatsächlich in besseren Chancen für Kinder aus schwierigen Verhältnissen niederschlagen werden. Bereits zum 23. Mal hat die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft den Beitrag des Bildungssystems für die ökonomische Zukunft Deutschlands ausgewertet. Anhand als relevant eingestufter Handlungsfelder wie Integration, Bildungsarmut, Forschungsorientierung und Schulqualität wurden die 16 Bundesländer bewertet. Mit 53,6 Punkten schaffte es Hamburg auf Platz 3 und konnte sich seit 2010 um acht Plätze verbessern. Sachsen führt die Liste in diesem Jahr mit 62,9 Punkten an; Bayern besetzt den zweiten Platz mit 57,8 Punkten.