Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht (mehr). Insofern ist es an sich gleichgültig, wenn ein der offenen, geradezu ungenierten Lüge überführter Staatschef Journalisten zur Pressekonferenz einlädt. Dennoch sind gewöhnlich gerade solche Veranstaltungen hervorragend besucht, will sich doch jeder Reporter und Korrespondent selbst ein Bild machen. Am 4. März 2014 war es wieder einmal so weit. Wladimir Putin (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article250011320/Ukraine-Krieg-Ein-grotesk-verzerrtes-Geschichtsbild-treibt-Putin-an.html) hatte die Vertreter russischer und internationaler Medien in den Kreml geladen, um die Eskalation im Konflikt mit der Ukraine einzuordnen. „Es war eine seltsame Pressekonferenz, die Wladimir Putin gegeben hat“, kommentierte WELT-Außenpolitikchef Clemens Wergin (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/clemens-wergin/) . Ihm fiel auf, dass hier nicht der „aalglatte, unterkühlte und kontrollierte“ Präsident auftrat, der wie sonst oft „mit zynischem Lächeln“ die Szene beherrschte. Vielmehr wirkte er einerseits wütend, andererseits nervös und konfus. „Das war das eigentlich Beunruhigende am Auftritt eines Mannes, der Entscheidungen über Krieg oder Frieden fällt“, urteilte Wergin: „Er vermittelte den Eindruck eines Politikers, der angefangen hat, an die eigenen Lügen zu glauben.“ Einige der anwesenden Reporter konnten sich ein ungläubiges Auflachen nur schwer verkneifen, als Putin sagte, eine Militärintervention auf der Krim halte er „derzeit“ nicht für notwendig. Obwohl doch jeder im Saal und alle Interessierten auf der Welt wussten, dass das Gegenteil stimmte: Schon in der letzten Februarwoche hatte die russische Armee in Gestalt von Spezialeinheiten des Militärgeheimdienstes GRU (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article253817824/Kalter-Krieg-Der-Superspion-Murat-war-einer-der-wichtigsten-Verraeter-der-Geschichte.html) die Kontrolle auf der Schwarzmeerinsel übernommen. Freilich maskiert und ohne Abzeichen an den Uniformen. Wie Außerirdische waren die schwer bewaffneten und modern ausgerüsteten Männer aus dem Nichts erschienen, nämlich aus den Sperrgebieten russischer Stützpunkte auf der ukrainischen Insel. Deshalb bürgerte sich rasch die halb spöttische, halb ob der Dreistigkeit erschütterte Bezeichnung „kleine grüne Männchen“ für sie ein. Putin dementierte auf seiner Pressekonferenz, dass es russische Truppen seien; vielmehr handele es sich um „örtliche Selbstverteidigungskräfte“. Uniformteile könne man in Geschäften kaufen, antwortete er auf den Vorhalt, die „kleinen grünen Männchen“ sähen genauso aus wie russische Soldaten, nur eben ohne Abzeichen. „Putins Überfall auf die Krim ist mitnichten Taktik, sondern Strategie“, sinnierte der Publizist Marko Martin (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/personen/marko-martin-p-869) in seinem WELT-Essay am 5. März 2014. Es handele sich um den „ersten Feldversuch zur Wiederherstellung des alten Imperiums“. Aus westlicher Sicht mochte das zum Scheitern verurteilt sein, denn die untergegangene Sowjetunion hatte ja bekanntlich nichts zu bieten. „ The Russian way of life , er ist ja weder sexy noch universell, sondern eher ein Dahinvegetieren mit mal mehr, mal weniger Peitsche: Zwischen sibirischem Straflager und Moskauer Label-Shopping ist alles möglich, nur eben keine selbstbestimmte Bürgerlichkeit.“ Jedoch, so warnte der in der DDR als Kind einer aus religiösen Gründen unangepassten Familie aufgewachsene Martin, könnte diese vermeintlich peinliche Schwäche aus der Sicht der Herrschenden im Kreml eine Stärke sein. Zu oft nämlich nehme der Westen „Drohungen von Autokraten nicht ernst“ – mit oft schlimmen Folgen. Klartext zu sprechen, gehört seit jeher zu den Aufgaben von Publizisten; seriöse Politiker in Demokratien hingegen pflegen oft gerade in Krisen einen eher zurückhaltenden Ton. Doch die dreiste Besetzung der Krim lockerte auch Barack Obama die Zunge: „Russland steht auf der falschen Seite der Geschichte“, sagte der US-Präsident vor zwei Dutzend Reportern im Weißen Haus und damit vor der Weltöffentlichkeit. Doch es nützte nichts, wie dem WELT-Korrespondenten in Washington D. C. auffiel: Obama leide „sichtbar daran, dass Russland unter Wladimir Putin einen anachronistischen Kalten Krieg“ aufwärme und damit Erfolg zu haben scheine, schrieb Uwe Schmitt (verlinkt auf https://www.welt.de/print/die_welt/literatur/article137923287/Uwe-Schmitt.html) : „Allein, zu Hause hilft es ihm nichts.“ Denn die oppositionellen Republikaner, die den Präsidenten oft einen „Diktator“ geschimpft hatten oder einen Herrscher mit „Königskomplex“, nannten ihn nun „Schwächling“ und „Beschwichtiger im Widerstreit mit einem wahren Diktator“. Dass man kaum beides gleichzeitig oder kurz nacheinander sein konnte: gleichgültig. Schon vor Trump hatten die Republikaner ein größeres Problem mit der politischen Realität. Deutschland wiederum, als größte Volkswirtschaft Europas potenziell einflussreich, entschied sich für Appeasement (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article236706163/Aussenpolitik-Worueber-wir-reden-wenn-wir-von-Appeasement-sprechen.html) . Außenminister Frank-Walter Steinmeier übte pflichtgemäß Kritik an Russlands Aggressionskurs, doch setzte ansonsten den Kurs der Annäherung an Moskau fort. Und die Kanzlerin, als ehemalige DDR-Bürgerin mit den Abgründen sowjetischer (und damit russischer) Machtpolitik eigentlich vertraut? Angela Merkel schwenkte weitgehend auf die Linie ihres sozialdemokratischen Chefdiplomaten (verlinkt auf https://www.hoover.org/research/germanys-politics-appeasement) ein. Einerseits plädierte sie für Sanktionen gegen Russland, andererseits durften die Vorbereitungen für eine zweite Erdgaspipeline durch die Ostsee weitergehen – trotz Warnungen aus dem Baltikum und aus Polen. Denn solange der russische Gasexport vorwiegend von Leitungen durch die Ukraine abhing, so die Hoffnung der Nato-Partner, würde das Putin von einem Angriff abschrecken. Sobald aber genügend Transportkapazität jenseits der aus sowjetischen Zeiten stammenden Pipelines „Sojus“ und „Bruderschaft“ zur Verfügung stünde, fiele dieser indirekte Druck weg. Merkel ignorierte die Warnungen. Für ihre Energiewende, vor allem den 2011 unüberlegt vorgezogenen deutschen Ausstieg aus der Atomenergie, brauchte sie russisches Gas. Also betrieb die Bundesregierung weiter eine „Politik der gespaltenen Zunge“, wie auch auf anderen umstrittenen Feldern wie der Staatsfinanzen oder der Migration: Einerseits verurteilten Kanzlerin und Außenminister die russische Aggression, andererseits signalisierten sie durch Fortsetzung des vermeintlich „rein privaten“ Nord-Stream-Projekts ihr Einverständnis (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus188515603/Peter-Altmaier-Nord-Stream-2-ist-ein-privates-Projekt.html) . In der deutschen Öffentlichkeit und speziell bei den meisten deutschen Medien sammelte sie damit Pluspunkte. Scheinbar managte sie noch eine Krise souverän. Tatsächlich aber schloss sie eine ungedeckte Wette auf die Zukunft, die Zeit nach ihrer Kanzlerschaft. Den politischen Preis dafür würde nicht sie zahlen müssen, sondern ihr Nachfolger. Fast genau acht Jahre nach dem Auftreten der „kleinen grünen Männchen“ war es soweit. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte und überzeugt, dass die Vergangenheit als Maßstab für Aufgaben in Gegenwart wie Zukunft taugt. Schon 2014 legte er dar, warum Putin s o wenig getraut werden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article126439623/Was-an-Schaeubles-Putin-Hitler-Vergleich-stimmt.html) darf wie 80 Jahre zuvor Hitler.