Welt 03.10.2026
06:59 Uhr

Muscheln, Krabben, Fische – welche neuen Arten die Nordsee erobern


Der Anstieg des Meeresspiegels erschließt Meeresbewohnern neue Lebensräume – insbesondere in der Nordsee. Ob sich dort heimische oder invasive Arten durchsetzen werden, hängt von einem Faktor ab.

Muscheln, Krabben, Fische – welche neuen Arten die Nordsee erobern

Der Anstieg des Meeresspiegels könnte dazu führen, dass sich invasive Arten in den Meeren weiter ausbreiten. Von den Landflächen, die bis zum Jahr 2100 überflutet sein werden, sind nach Computersimulationen etwa zwei Drittel für heute schon ansässige fremde Lebewesen als Lebensraum geeignet. Besonders betroffen ist demnach – zumindest in der Theorie – die Nordsee. Dort wären etwa die Blaukrabbe, die Schwarzmund-Grundel, die Skelettgarnele und die Amerikanische Schwertmuschel betroffen, wie die Gruppe um Xuan Liu und Qiang Lin von der Chinesischen Akademie der Wissenschaften im Fachmagazin „ Nature Ecology & Evolution“ (verlinkt auf https://www.nature.com/articles/s41559-026-03181-4) schreibt. Speziell für die Nordsee gab Christian Buschbaum vom Alfred-Wegener-Institut (AWI) – selbst nicht an der Studie beteiligt – allerdings einschränkend zu bedenken, dass es dort seit über 1000 Jahren Deiche gebe. „Fakt ist, dass das derzeit bestehende Bollwerk aus einer nahezu geschlossenen Deichlinie die Ausbreitung des Meeres an der deutschen Küste extrem einschränkt und daher die Ausbreitung eingeschleppter Meeresorganismen in Richtung Land momentan vor den Deichen enden wird.“ Eingeschleppt werden invasive Arten etwa über Ballastwassertanks großer Frachtschiffe, die in einer Meeresregion mit Wasser – samt vorhandener Lebewesen – gefüllt und in einer anderen Meeresregion geleert werden. Haben invasive Arten im neuen Lebensraum keine oder wenige Fressfeinde, können sie sich stark vermehren. „Biologische Invasionen verursachen einen globalen Verlust an biologischer Vielfalt und weitreichende Ökosystemveränderungen, die direkt für massive sozioökonomische Kosten und Gesundheitsrisiken für die Gesellschaft verantwortlich sind“, schreiben die Autoren in „Nature Ecology & Evolution“. Das Team nutzte zwei Klimawandelszenarien aus dem 6. Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC: das mit einer mittleren Erderwärmung verbundene Szenario SSP2-4.5 und das Extremszenario SSP5-8.5, das allerdings inzwischen als unwahrscheinlich gilt. Das moderatere Szenario ließ an den Küsten bis 2050 etwa 360.000 und bis zum Jahr 2100 rund 550.000 Quadratkilometer überfluten. Davon seien 300.000 Quadratkilometer für invasive Arten geeignet, schreibt die Gruppe – das entspricht etwa der Fläche Italiens. Die Forscher betrachteten 122 Arten von Meerestieren, die bereits in verschiedenen Küstengebieten als invasive Arten auftreten. „Wir wählten diese Lebewesengruppen aufgrund ihrer Affinität zu Gezeitenzonen und Flachwasserhabitaten sowie der Verfügbarkeit präziser weltweiter Informationen zu ihrer Verbreitung“, schreiben sie. Koexistenz der Arten? Demnach würden sich die Arten etwa in Flussmündungsgebieten ausbreiten, die zunehmend von Meerwasser überflutet werden. Für die Nordsee sei mit einer Ausbreitung der Blaukrabbe oder blauen Schwimmkrabbe ( Callinectes sapidus ) und der Zuiderzeekrabbe ( Rhithropanopeus harrisii ) zu rechnen, die beide von der amerikanischen Atlantikküste stammen. Ähnlich gelte das für die Asiatische Strandkrabbe ( Hemigrapsus sanguineus ) und deren Verwandte Hemigrapsus takanoi, hieß es. Außerdem nennen die Wissenschaftler Schwarzmund-Grundel ( Neogobius melanostomus ), Skelettgarnele ( Caprella mutica ), Amerikanische Schwertmuschel ( Ensis leei ) und Pazifische Auster ( Magallana gigas ). Eine der wichtigen Einschränkungen der Studie sei die Tatsache, dass nur die landwärtige, zusätzliche Ausbreitung invasiver Arten betrachtet, aber nicht der mögliche Habitatsverlust durch den steigenden Meeresspiegel berücksichtigt werde. Das erklärte Mark Schürch von der Universität Bremen, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. Grundsätzlich gebe es zudem an der deutschen Nordseeküste derzeit noch keinen einzigen Fall, bei dem eine eingeschleppte Art eine heimische verdrängt habe, erklärte AWI-Forscher Buschbaum. „Vielmehr ist es bisher mehr eine Addition von Arten. Das liegt daran, dass das Wattenmeer jung ist, viel Platz hat und auch viele Arten das Platzangebot gar nicht voll ausschöpfen.“ An der deutschen Nordseeküste kämen viele heimische Arten mit nah verwandten eingeschleppten Organismen sehr gut klar und es blieben erwartete Konkurrenzen aus. „Somit kann es auch zu einer gemeinsamen Ausbreitung eingeschleppter und heimischer Arten kommen und von einer neuen biologischen Invasionsfront kann dann keine Rede sein.“ Es sei ungünstig, dass die Besiedlung durch heimische Arten nicht berücksichtigt werde, meint auch Kasper Meijer vom Helmholtz-Institut für Funktionelle Marine Biodiversität an der Universität Oldenburg. „Wo sich also nicht heimische Arten wahrscheinlich auf neu überflutete Gebiete ausbreiten, wird dies auch bei heimischen Arten der Fall sein. Die Frage bleibt jedoch: Wer kommt zuerst?“ In vielen Aspekten bleibt die Studie nur eine Annäherung an eine sehr komplexe Realität.