Welt 14.09.2026
07:10 Uhr

Mit einer Doppelstrategie hatte Adenauer Erfolg gegen Rechtsaußen


So schlecht wie heute ging es der CDU in den gut 80 Jahren ihrer Existenz noch nie. Ob die Partei aus den Erfahrungen ihres ersten Vorsitzenden Lehren ziehen kann, beantwortet der Adenauer-Biograf Friedrich Kießling.

Mit einer Doppelstrategie hatte Adenauer Erfolg gegen Rechtsaußen

Nach der desaströsen Niederlage der CDU bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt hören manche Beobachter bereits ihr Totenglöcklein läuten (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a9e4e97721eb476650a1e5f/absturz-der-cdu-die-gefahr-die-viele-christdemokraten-jetzt-mit-merz-verbinden.html) . Ist die Lage für die erfolgreichste Partei der Bundesrepublik tatsächlich so ernst? Oder kann sie aus ihrer Vergangenheit Lehren ziehen, um ihre Anziehungskraft zurückzugewinnen? Wie kaum jemand sonst kennt sich Friedrich Kießling (verlinkt auf https://www.igw.uni-bonn.de/de/institut/neuzeit/lehrstuhl-kiessling/lehrstuhl-prof-dr-friedrich-kiessling) mit Konrad Adenauer und seiner Politik aus. Der Bonner Historiker hat 2025 eine vielgelobte Biografie des Gründungskanzlers und langjährigen CDU-Chefs („ Adenauer. Dreieinhalb Leben (verlinkt auf https://www.dtv.de/buch/adenauer-28468) “. dtv München. 544 S., 30€) vorgelegt. WELT: Zum 150. Geburtstag (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article69527217ba368aa0126a6064/konrad-adenauer-vor-hitler-als-der-alte-von-rhoendorf-noch-juenger-war.html) wird vornehmlich an den großen Europäer und Gründervater Adenauer erinnert. Aber gibt es da nicht noch mehr, was sich die CDU aktuell von ihm abgucken könnte? Friedrich Kießling: Großer Europäer und Gründervater der Bundesrepublik ist schon nicht schlecht, und es stimmt ja auch. Trotzdem nenne ich das manchmal die Wohlfühlerinnerung an Adenauer. Da kann man wenig falsch machen. Spannender sind die Punkte an Adenauer, die möglicherweise auf Defizite in der heutigen Politik verweisen. Nur wenn man sich diese Aspekte auch ansieht, lässt sich aus der Erinnerung vielleicht etwas gewinnen, was für die heutige Situation nützlich ist. WELT: In den ersten Jahren der Ära Adenauer machten der CDU verschiedene Rechtsaußen-Parteien Konkurrenz, zeitweise durchaus mit Erfolg. Wie schaffte es Adenauer, gegenzuhalten? Kießling: Adenauer verfolgte von Anfang an eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite bekämpfte er die politischen Führungen der Rechtsaußen-Parteien mit allen verfügbaren Mitteln. Dazu gehörten auch juristische, wie im Falle der Sozialistischen Reichspartei, die 1952 auf Antrag der Bundesregierung durch das Bundesverfassungsgericht bekanntlich verboten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article249548760/AfD-Mit-Verfahren-gegen-Parteien-hat-Deutschland-schlechte-Erfahrungen-gemacht.html) wurde... WELT: Und auf der anderen Seite? Kießling: ... machte seine CDU den Unterstützern und Wählern ein Integrationsangebot. Adenauer hatte kein Problem damit, diese in die CDU aufzunehmen. Politisch ging er genauso vor: scharfe Angriffe gegen die Parteiführungen, inhaltliche Angebote an die Unterstützer und Wähler. Das alles war ziemlich konsequent. Mir scheint, dass die etablierten Parteien von heute diese Konsequenz gegenüber der AfD nie aufgebracht haben. Da ist in den vergangenen Jahren viel versäumt worden. WELT: Auch in Demokratien ist politische Führungskraft wichtig. Erfolgreich waren Kanzler dann, wenn sie ihre Parteien im Griff hatten. Wie hat Adenauer das gemacht? Kießling: Zunächst einmal hat es in der Adenauerzeit in der CDU wie in der Bundesregierung durchaus Streit gegeben. Adenauer hat solche Diskussionen auch überhaupt nicht verhindert. Da ist unser Bild von der frühen Bundesrepublik, in der kaum einer den Widerspruch zum Kanzler wagt, manchmal gründlich falsch. Sowohl in der Fraktion wie im Kabinett hat es sogar häufig Widerspruch gegeben. Adenauer hat sich da durchgekämpft, mit Argumenten und – wenn nötig – mit allen Druckmitteln, die ihm zur Verfügung standen. WELT: Das Grundgesetz (verlinkt auf https://www.grundgesetz-fuer-jeden.de/) macht den Bundeskanzler zu einem starken Regierungschef. Gestürzt werden kann er nur durch die Wahl eines Nachfolgers mit Kanzlermehrheit. Adenauer hat diese Stärke genutzt, um unpopuläre Entscheidungen wie die Wiederbewaffnung durchzusetzen. Ähnliches konnte man sich bei Olaf Scholz so wenig vorstellen, wie man es aktuell von Friedrich Merz erwartet. Warum? Kießling: Es gab eine ganze Reihe von solchen riskanten Entscheidungen, bei denen nicht klar war, wie das politisch für den Kanzler ausgehen würde. Neben der Wiederbewaffnung 1955 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article151214520/Als-die-westdeutsche-Armee-zur-Bundeswehr-wurde.html) gehörte dazu auch das Wiedergutmachungsabkommen mit Israel (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article240966021/Luxemburger-Abkommen-So-setzte-Adenauer-die-Wiedergutmachung-durch.html) von 1952. Das bekam er nur durch, weil im Bundestag die SPD zustimmte. WELT: Was lernen wir daraus? Kießling: Am Ende würde ich sagen, Adenauer war ein mutiger Politiker. Und er hat bei allem Pessimismus, den es bei ihm ebenso gab, stets an die Gestaltbarkeit durch Politik geglaubt. Das erlaubte ihm ein aktives politisches Agieren. Heutige Regierungspolitiker erscheinen dagegen vor allem reaktiv, getrieben (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article162594791/Die-Grenzschliessung-fuer-die-keiner-geradestehen-wollte.html) . WELT: War Adenauer eigentlich politisch wirklich so klarsichtig, wie es uns heute erscheint? Oder haben wir über seine Erfolge einfach nur die taktischen Fehler und Missgriffe vergessen? Kießling: Vieles an Adenauers Politik war wirklich konzeptionell beeindruckend klar. Ich habe da während meiner Beschäftigung mit seiner Biografie mehr Respekt vor Adenauers politischer Leistung entwickelt, als ich im Vorfeld gedacht hätte. Aber natürlich ging ebenso einiges schief. Gerade ab Ende der 1950er-Jahre häuften sich die politischen Fehleinschätzungen. Ein wichtiges Beispiel ist sein Vorgehen gegen die Presse in der „Spiegel“-Affäre von 1962. Da folgte ihm auch in der eigenen Partei fast niemand mehr. Adenauer konnte sich politisch richtig verrennen. Ich habe im Übrigen gar nicht den Eindruck, dass wir das vergessen haben. Ich erlebe die Erinnerung an Adenauer auch als ambivalent. WELT: Seit den 1990er-Jahren scheinen Spitzenpolitiker noch höchstens bis zur nächsten Wahl zu denken, manchmal gerade bis zur nächsten Meinungsumfrage. Wie langfristig dachte Konrad Adenauer wirklich? Kießling: In den Grundzügen war das schon eine langfristig angelegte Politik. Die Wiederbewaffnung verfolgte Adenauer zum Beispiel bereits seit den späten 1940er‑Jahren. Auch eine sozialpolitische Orientierung, die bei Adenauer viel stärker war als bei seinem Wirtschaftsminister Ludwig Erhard, lässt sich bei ihm durchgängig erkennen. Bei der Umsetzung ging er dagegen ziemlich pragmatisch vor. Orientierung an wenigen, erkennbaren Grundprinzipien, Wandelbarkeit bei der Umsetzung – das war sein Erfolgsrezept. WELT: Die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung (verlinkt auf https://www.kas.de/de/) hat zum 150. Geburtstag ihres Namenspatrons 47 namhafte Karikaturisten (verlinkt auf https://www.kas.de/de/einzeltitel/-/content/adenauer-auf-der-wolke-himmlische-karikaturen-zum-150-geburtstag) gebeten, den Gründungskanzler aus heutiger Sicht zu zeichnen. Mehrere lassen Adenauer von seiner Wolke im Himmel herabschauen auf Friedrich Merz. Was könnte er ihm Ihrer Meinung nach wohl sagen? Kießling: Hartnäckigkeit, konzeptionelle Klarheit und politischen Mut – das würde sich, glaube ich, Adenauer auch von der heutigen Politik wünschen. Dieser wiederum möchte man raten, sich Adenauers politischen Führungsstil, der eben nicht einfach autoritär war, sondern viele weitere Facetten hatte, genau anzusehen. Man wird nicht alles für heute brauchen können, manches aber eben schon. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Neben dem Nationalsozialismus und der SED-Diktatur zählt die Bundesrepublik zu seinen Themenschwerpunkten, besonders in der Ära Adenauer.