Nach der Wahl ist vor der Wahl. Selten gilt dieser Satz so sehr wie in diesen Wochen, in denen ein politischer Stimmungstest den nächsten jagt. In der ZDF-Gesprächsrunde „Maybrit Illner“ lautet die Frage des Abends: „Kriegt der Kanzler noch die Kurve?“ Noch nicht erholt von der Sachsen-Anhalt-Wahl, drohe der CDU und Merz am Sonntag schon der nächste Schlag, fasst Illner die Lage zusammen: In Schwerin fürchte die CDU aus dem Landtag zu fliegen und in Berlin hinter den Linken zu landen. CDU-Generalsekretärin Franziska Hoppermann betont zunächst im Modus der abstrakten Parteitagsrede, dass man „geschlossen nach vorne gehen“, Stabilität zeigen und am Kanzler festhalten müsse. Konkreter wird sie erst, als sie über geplante Entlastungen bei den Spritpreisen spricht. Anfang Oktober wolle sie eine Entlastung von „21, 23, 25 Cent“ pro Liter angehen. Einen Rat für Merz, wie er verlorenes Vertrauen wiedergewinnen könne, hat die Professorin für Strafrecht, Elisa Hoven, parat: „Wichtig ist, dass ihn der Anflug von Demut nach dem Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt weitertreibt.“ Außerdem verweist Hoven auf die Bedeutung von guter Politik und Zukunftsvisionen für Deutschland. Der parteilose Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, ist aus Frankfurt per Video zugeschaltet. Palmer kenne keine bessere Lösung, als sich den Sachfragen zuzuwenden. Außerdem nimmt er eine ungewöhnliche Perspektivverschiebung vor: „Vielleicht wäre es auch mal gut, zu sagen, dass der Kanzler etwas Gutes getan hat.“ Die Lockerung der Schuldenbremse, sagt er, habe seiner Stadt Investitionen ermöglicht und sei „die Rettung gewesen“, um Infrastruktur zu sanieren. Den schärfsten Verriss des Abends liefert der „Newsfluencer“ Fabian Grischkat. Seine Kritik richtet sich gegen die lasche Social-Media-Performance der CDU. Wie erfolgreich die AfD und Spitzenkandidat Ulrich Siegmund darin seien, Follower und Reichweite zu gewinnen, habe man lange unterschätzt. Sven Schulze könne eben nicht einfach mal so in kurzer Zeit zum TikTok-Star werden. Fassungslos zitiert der 26-Jährige ein Video des CDU-Fraktionsvorsitzenden im Landtag von Sachsen-Anhalt, auf dem dieser sich einen Fahrradhelm aufsetzt und den „dann noch irgendwie klickend zugemacht“ hat. „Das“, urteilt Grischkat, „kann man sich auch als CDU heute nicht mehr leisten.“ Er könne ja verstehen, „dass man in einer konservativen Volkspartei wie der CDU nicht von heute auf morgen die pfiffigsten Ideen für TikTok hat. Aber so eingestaubt! Das geht nicht mehr! Dann landet man am Ende unter 20 Prozent.“ Palmer trägt Drei-Faktoren-These vor Als Hoppermann Manuela Schwesig für ihren Wahlkampf kritisiert, widerspricht Hoven prompt: „Es schwimmt immer mit, als hätte Schwesig eine Verantwortung für die CDU. Da müssten wir doch ganz vehement widersprechen. Das bedient die Vorstellung, dass sich alle tradierten Parteien vereinen im Kampf gegen die AfD, und eigentlich nicht mehr wirklich zu unterscheiden sind. Es ist doch klar, dass Schwesig keine Rücksicht auf die CDU nimmt, sondern dass sie Wahlkampf für sich und ihre Partei in ihrem Bundesland macht.“ Auch WELT-Autor Gordon Repinski argumentiert: „Sie brauchen die CDU in Schwerin nicht, um eine Politik aus der Mitte zu machen.“ Das strategische Problem der CDU sei, „dass sie in Mecklenburg-Vorpommern komplett überflüssig ist“. Gegen Ende äußert Illner einen schwerwiegenden Befund: Die Bürger würden sich nicht ernst genommen fühlen. Hat Palmer eine Idee, wie man den Draht zu ihnen wieder aufbauen kann? Es gebe drei neue Faktoren, die zur Politikverdrossenheit beitrügen, so Palmer: Erstens stelle die AfD alle Politiker als unfähig und elitär dar, zweitens werde der Staat aufgrund vieler Probleme als dysfunktional wahrgenommen, und drittens hätten wir „ein Problem mit der Meinungsfreiheit in unserem Land erschaffen“. Die Politik der vergangenen Jahre habe immer mehr belehrt. „Wenn man sagt: ‚Ich erwarte, dass Flüchtlinge uns nicht dauerhaft auf der Tasche liegen‘, oder: ‚Ich will nicht, dass durch Flucht/Migration die Gewalt in unserem Land zunimmt‘, oder: ‚Ich will nicht, dass in unseren Schulen die Leistungen zurückgehen, weil wir zu schnell zu viele Kinder aufnehmen, die kein Deutsch sprechen‘, dann werden Sie als Rassist oder Rechtsradikaler oder ‚Geh doch zur AfD‘ diffamiert. Das sind nun mal Auffassungen, die sehr viele Menschen vertreten haben. Mit denen wurde nicht mehr im Dialog gesprochen, sondern von oben herab. Das sorgt für Staatsverdruss und für gute AfD-Ergebnisse.“ Palmer fordert, auch mit Menschen respektvoll in den Dialog zu treten, die „subjektiv eine unerträgliche Meinung“ haben. Unterstützung erfährt seine Diagnose von Hoven. „Man hat sehr schnell Menschen für Aussagen, die heute in Talkshows getätigt werden, in die rechte Ecke gedrängt.“ Das habe zur Folge, dass Leute, denen man sagt, dass die AfD gesichert rechtsextrem sei, nur noch mit den Augen rollten oder mit den Schultern zuckten: „Es gibt ja sogar T-Shirts mit der Aufschrift: Dann bin ich halt gesichert rechtsextrem.“