Schuld gewesen sein soll eine Kuh. Nach verschiedenen Berichten soll das Tier Daisy, Madeline oder Gwendolyn geheißen haben. Fest steht immerhin der Name ihrer Besitzerin: Catherine O'Leary (verlinkt auf https://web.archive.org/web/20110110110402/http://www.chicagohistory.org/fire/oleary/essay-2.html) . Die 44-jährige Immigrantin aus Irland habe, so hieß es später in einem Artikel der Zeitung „Chicago Republican“, am Abend des 8. Oktober 1871 ihr Milchvieh gemolken. In der Scheune hinter ihrem Haus in der DeKoven Street 137 (verlinkt auf https://chicagology.com/chicago-fire/fire052/) , westlich des Chicago River, soll die Kuh jedoch bald nach 21 Uhr eine Laterne umgestoßen haben, woraus sich ein verheerender Großbrand entwickelte. Er wütete bis in die Morgenstunden des 10. Oktober, als ein großes Regengebiet die Flammen erstickte. Im offiziellen Bericht der Feuerwehr (verlinkt auf https://web.archive.org/web/20110614071804/http://www.chicagohistory.org/fire/oleary/report.html) der damals zweitgrößten Stadt der USA über die Katastrophe hieß es: „Das vom Brand zerstörte Gebiet umfasst etwa 2150 Acres“, also mehr als acht Quadratkilometer. „Der Gesamtschaden wird auf etwa 200 Millionen US-Dollar geschätzt; zwischen 17.000 und 18.000 Gebäude wurden zerstört.“ Zu diesem Zeitpunkt war die Zahl der Opfer noch offen, denn geborgen worden waren lediglich die sterblichen Überreste von 117 Menschen. Die Kommission rechnete mit etwa 200 Toten; am Ende erhöhten sich die Schätzungen auf bis zu 300 Opfer. Doch das war angesichts der Ausmaße der Katastrophe noch wenig: Von den rund 324.000 Einwohnern der Stadt 1871 verloren etwa 90.000, also ein gutes Viertel der Bevölkerung, durch die mehr als 30 Stunden wütenden Flammen ihr Dach über dem Kopf. Obwohl die Untersuchungskommission erkennbar versuchte, eine denkbare Mitverantwortung der Feuerwehr kleinzureden, ließ sich der Ablauf des Brandes recht gut rekonstruieren. Fest steht, dass der wichtigste Brandherd tatsächlich auf dem Grundstück der O’Learys lag – in deren Scheune kurz zuvor trockenes Heu und anderes brennbares Material geliefert worden war. Die erste Alarmmeldung über Flammen erreichte die Feuerwehr am Sonntagabend gegen 21.30 Uhr – allerdings von einem Feuermelder eine Meile weg vom Brandherd. Denn ausgelöst hatte diesen Alarm nicht ein unmittelbarer Augenzeuge vor Ort, sondern ein Nachtwächter, der auf der Kuppel des Gerichtsgebäudes Dienst tat. Deshalb fuhren die Firefighter mit ihren pferdebespannten Pumpwagen zuerst zum falschen Ort; der echte Brand konnte sich so zunächst ungehindert ausbreiten. Das wurde befördert von einer ungewöhnlichen Wetterlage (verlinkt auf https://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Great_Chicago_Fire_of_1871#/media/File:Reconstructed_weather_map,_October_8,_1871.png) : Ein starkes Tiefdruckgebiet über Colorado und Nebraska hinderte sehr heiße Luft, aus dem Gebiet westlich und südlich des Lake Michigan (im Wesentlichen über Iowa, Illinois und Wisconsin) abzuziehen. Und nicht nur das: Da Wind auf der Nordhalbkugel der Erde stets gegen den Uhrzeigersinn um Tiefdruckgebiete weht, pumpte die Großwetterlage heiße Luft von Südwesten über Chicago. Die Wirkung entsprach einem überdimensionalen Blasebalg in einem Kamin. Im Untersuchungsbericht hieß es über die Situation etwa um 21.45 Uhr Ortszeit: „Da der Wind zu dieser Zeit stark aus Südwesten wehte und das Feuer in einer Nachbarschaft, die ausschließlich aus trockenen Holzbauten bestand und in der in jeder Scheune und unter jedem Haus Holzspäne gestapelt waren, von Gebäude zu Gebäude trug, hatte sich der Brand bereits zu schnell ausgebreitet, als dass die beim ersten Alarm alarmierten Löschfahrzeuge es noch hätten unter Kontrolle bringen können.“ Nun weitete sich das Feuer rasend schnell und verheerend aus; es zerstörte alles auf seinem Weg. Die Löschzüge waren alle auf der Westseite des Chicago Rivers im Einsatz, doch inzwischen brannte es auch auf dem Ostufer. Die Firefighter konnten den Fluss nicht schnell genug überqueren, um dort rechtzeitig mit den Löscharbeiten zu beginnen. So sprangen die Flammen, vom Wind vorangetrieben, immer mehr Richtung Osten und Nordosten. Ein unmittelbar nach der Katastrophe verfasster und daher hinsichtlich des Brandablaufes wohl zuverlässiger Bericht der „Chicago Tribune“ bestätigte, dass in den frühen Morgenstunden das Wasserwerk Feuer fing. Die Feuerwehrleute mussten sich zurückziehen. Dadurch fiel das Hydrantennetz aus, sodass es kein Wasser mehr zum Löschen gab. Am 9. Oktober 1871 stürzte gegen 2.30 Uhr die Kuppel des Gerichtsgebäudes ein, das gut eine Meile entfernt vom Wasserwerk stand. Über dem brennenden Areal der dicht vorwiegend mit Holzhäusern bebauten Stadt bildete sich ein besonderes Phänomen: ein Feuersturm (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article246544236/Zweiter-Weltkrieg-Wie-das-biblische-Gomorrha-als-Hamburg-im-Feuersturm-vergluehte.html) . So nennt man eine spezielle Form eines Stadtbrandes, bei dem durch die Hitze brennender Häuser eine Art Kamineffekt entsteht, der die Flammen ständig anfacht und weiterträgt. Orkanartig saugt das Feuer allen verfügbaren Sauerstoff an; wer dort hineingerät, hat kaum eine Überlebenschance, sondern wird in die Flammen gerissen oder erstickt. Bei den Untersuchungen nach dem Feuer in Chicago (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article181798900/Grosser-Brand-Chicagos-1871-Erst-zerstoerten-die-Flammen-Chicago-dann-der-Mob.html) wurde dieses Phänomen erstmals systematisch beschrieben. Das Ausmaß der Katastrophe wurde schnell weltweit bekannt. Schon am 11. Oktober druckte die „Neue Zürcher Zeitung“ ein Telegramm aus New York ab, in dem es hieß: „Die Hälfte von Chicago ist abgebrannt. Man sucht dem Brande durch Sprengungen von Häusern Einhalt zu tun. 100.000 Personen sind gegenwärtig ohne Obdach. Die Brandstätte nimmt einen Raum von zwei Quadratmeilen ein.“ Das stimmte in den Größenordnungen – bemerkenswert für eine Zeit, in der aktuelle Nachrichten ausschließlich per Morsealphabet übermittelt werden konnten. Übrigens vernahm die Untersuchungskommission auch Catherine O'Leary. Natürlich bestritt die fünffache Mutter die Darstellung, ihre Kuh habe den Brand verursacht. Ihre Nachbarn hätten in der Brandnacht im Haus direkt gegenüber gefeiert, sagte sie. Später habe man ihr erzählt, einige Gäste seien in ihre Scheune gegangen – sie hätten frische Milch für einen (damals beliebten) Milchpunsch holen oder auch stehlen wollen. Mrs. McLaughlin, die Nachbarin, bestritt jedoch, einen solchen Punsch angeboten zu haben. 22 Jahre nach der Katastrophe, 1893, widerrief der Journalist Michael Ahern die Story über die „Kuh mit der Laterne“ und gab zu, dass sie frei erfunden war. Doch sein Geständnis konnte die Legende nicht aus der Welt schaffen, ebenso wenig wie eine Wiederholung 1911, zum 40. Jahrestag des Brandes. Catherine O'Leary lebte da schon nicht mehr; sie war 1895 im Alter von 68 Jahren gestorben. 1997 wurde die irische Einwanderin offiziell vom Stadtrat Chicagos entlastet – aber eben posthum. Tatsächlich war es ausgesprochen unplausibel, die Bäuerin hätte eine ihrer Kühe um 21 Uhr melken sollen. Die übliche Zeit dafür ist aus biologischen Gründen fünf bis sieben Uhr morgens sowie 17 bis 19 Uhr abends. Natürlich konnte sich diese Arbeit auch immer mal verspäten – aber gleich um zwei Stunden? Die Legende von der schuldigen Kuh, ob sie nun Daisy, Madeline oder Gwendolyn geheißen hat, hält sich trotzdem. Bis heute gibt es, in Chicago ebenso wie im Internet, T-Shirts mit entsprechenden Aufdrucken zu kaufen (verlinkt auf https://fullcoveragetees.com/products/olearys-farm-great-chicago-fire-t-shirt?srsltid=AU7gw4UiH48oaxVOAyYzjlQrlod_Ip8N14I5fYxrehOVuQnyhgp6i4Tc) . In den sozialen Medien kursieren unzählige mehr oder weniger komische Memes dazu. Die Erfindung von Michael Ahern (die allerdings auch andere für sich beanspruchten) ist wohl einfach zu gut.