Auch die ewige Frage nach der korrekten Schreibweise des Namens ist nach diesem urschönen Premierenabend im Hansa-Theatersaal, einem wahren Schmankerl im historischen Schmuckkasterl am Steindamm, beantwortbar. Das berühmte Hotel am Wolfgangsee im Salzkammergut heißt „Im weissen Rössl“. So steht es bis heute an der Fassade über dem Eingang – sowohl in St. Wolfgang als auch auf der Bühne in St. Georg, in der Kulisse von Miriam Busch, die das Hotel reduziert und blumenbalkondominiert darstellt. Die Revue-Operette von 1930 hingegen trägt den Titel „Im weißen Rössl“, wird also mit einem „scharfen s“ geschrieben, wie der Österreicher das „ß“ zu nennen beliebt. Ausgerechnet der Film mit Peter Alexander als Oberkellner Leopold von 1960, der bis heute zu den kitschigsten Versionen der Revue zählt, tanzte dabei mit „Im weissen Rössl“ aus der Buchstabenreihe – wie in Berlin die legendäre Theaterfassung von Ursli Pfister in der Bar jeder Vernunft in Berlin mit Otto Sander, Max Raabe und Meret Becker von 1994 – da lautete der Schriftzug am Hotel „Im weißen Rössl“. Sachen gibt’s. Kunst als Echo von Kitsch Der Kitsch der 50er- und 60er-Jahre steht eigentlich gar nicht im Stück, er muss hineininterpretiert werden. In Umkehrung von Kurt Tucholsky gibt es hier also Kunst zur Abwechslung mal als Echo vom Kitsch. Daher entfaltet sich das „Weiße Rössl“ seit Donnerstag in der Regie und unter der musikalischen Leitung des Musiktheaterspezialisten Franz Wittenbrink am Steindamm als ungeheuerlicher Liebes-, Geschäfts- und Intrigenstadl. Das gelingt, weil der Regisseur die skizzierten Figuren ernst nimmt. Da wird die Folklore augenzwinkernd auf die Schippe genommen, ohne sie zu verraten. Da halten sich satirische und seifenopernartige Elemente die Waage, wenn es zum Kampf der (Sprach)Kulturen zwischen den Berliner sowie norddeutschen Gästen einer- und den einheimischen Oberösterreichern andererseits kommt. Getragen wird die aktuelle Fassung von einem elfköpfigen Spitzenensemble singender Schauspielerinnen und Schauspieler. In den Hauptrollen glänzen Michael Rotschopf als hoffnungslos in seine Chefin verliebter und erstaunlich facettenreicher Leopold und Susanne Jansen als herbe Rössl-Wirtin (mit Zigarette durch die Operette), die ihr Herz an den Rechtsanwalt Doktor Siedler (prächtig: Stephan Schad) verloren hat, der wiederum ein Auge auf Ottilie (emanzipiert: Victoria Fleer) geworfen hat, die Tochter des Korsagen-Fabrikanten Gieseke (sensationell unwirsch: Michael Prelle). Der wäre nicht nur lieber im Ostseebad Ahlbeck auf Usedom, sondern zieht für seine Tochter eher eine Heirat mit dem schönen Sigismund (flott: Holger Dexne) in Betracht, dem Sohn seines ewigen Konkurrenten Sülzheimer. Der aber hat sich in Klärchen verguckt (quirlig: Anneke Schwabe), die Tochter des klammen Geologen Professor Hinzelmann (geerdet weltfremd: Torsten Hammann) – eine Identifikationsfigur für all jene im Publikum, die von einem Urlaub im Viersternehotel nur träumen können. Toni Slama glänzt als Kaiser Franz-Josef II. Die überschaubare Nebenrolle des Kaiser Franz-Josef II. wird von keinem Geringeren als dem Nestroy-Preisträger Toni Slama verkörpert. Er beweist, dass der Kaiser auch ohne Backenbart glaubwürdig gespielt werden kann und sorgt mit seiner Dankesfloskel „Es war sehr schön. Es hat mich sehr gefreut“ immer wieder für schöne Momente. Die höchst agile Eva Mayer (Nestroy-Spezialpreis 2011) gibt den flotten, frühreifen Piccolo, der vom Leopold noch so einiges lernen kann. Und die jodelnde Sabrina Ascacibar rundet die muntere Truppe als Postbotin, Präsidentin des Jodelvereins und Kuhmagd ab. Ein weiteres Pfund der aufwändigen Produktion, die im Hansa-Theatersaal auf engstem Raum reüssiert, ist das siebenköpfige Live-Orchester, in dem Franz Wittenbrink bei der Premiere und auch sonst gelegentlich selbst am Klavier sitzt. Seine Arrangements arbeiten deutlich die Macht der Musik heraus – etwa, wenn das Titellied „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ als Walzer beginnt und als Marsch endet. Der so gnadenlos mitklatschbare wie an den militärischen Stechschritt erinnernde Viervierteltakt verweist nicht zuletzt auf das Schicksal, dass die erfolgreiche Operette nach der Machtergreifung durch die Nazis 1933 erlitt. Auf der Bühne wurde das Stück wegen seiner jüdischen Schöpfer wie Ralph Benatzky (Komponist) und des Regisseurs der Uraufführung im Großen Schauspielhaus zu Berlin, Erik Charell (der das Libretto mit Benatzky und Hans Müller schrieb), verboten. Zudem erklärten die Nazis es wegen seines folklorekritischen Charakters zur „entarteten Kunst“. Zum Zeitpunkt des Verbots war die Revue allerdings bereits ein internationaler Erfolg, es gab eine englische Fassung. Charell drehte schließlich den ersten „Rössl“-Film 1935 in einer österreichisch-britischen Koproduktion. 1936 kam das Stück in der britischen Fassung von 1931 an den Broadway in New York. „Im weißen Rössl“ schlägt ein Schlager den nächsten An den internationalen Erfolg knüpften nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland neben rund tausend Theaterproduktionen weitere Filmproduktionen an, in denen meist die Heimatidylle die Hauptrolle spielte – neben dem einen oder anderen Schlagerstar als Oberkellner. Die Original-Partitur wurde erst 2009 in Zagreb wieder aufgefunden. Dabei gibt es nur wenige Operetten oder gar Musicals, die derart viele Schlager in einer Revue vereinen. Die Palette des Abends, der im ersten Teil wegen der Hitdichte noch ein wenig flotter über die Bühne geht als nach der Pause, reicht vom Titelsong „Im weißen Rößl am Wolfgangsee“, „Im Salzkammergut, da kann man gut lustig sein“ und „Es muss was Wunderbares sein“ von Ralph Benatzky über „Die ganze Welt ist himmelblau“ und „Mein Liebeslied muss ein Walzer sein“ von Robert Stolz (der die Rechte an den Liedern verkaufte und später vergeblich auf Tantiemen klagte) bis zu „Was kann der Sigismund dafür, dass er schön ist“ von Robert Gilbert und „Zuschau’n kann i net“ von Bruno Granichkirchen. „Oh, du mein Österreich“ von Franz von Suppé wurde aus einem anderen Singspiel integriert, weil’s gar so gut passt. Und Wittenbrink traut sich was, klingt die Musik doch kurz vor Schluss einmal gar nach Kurt Weill… Wie die Bar jeder Vernunft ist auch das Hansa-Theater ein Verzehrtheater – und wie einst im Berliner Spiegelzelt wurde die Speisekarte auch hier um ein paar österreichische Spezialitäten erweitert. Diesmal versteckt sich die Brettljause allerdings hinter dem Namen Hansa-Teller (wenn das der Leopold wüsst‘), daneben wird Almdudler serviert und anderes zum Andudeln. Beuschel hat der Hansa-Wirt in seiner Weisheit nicht auf die Speisekarte gesetzt. Das Gericht bleibt hübsch auf der Bühnen-Speisekarte und sorgt wie vieles andere an diesem Abend für Debatten und anhaltende Heiterkeit. Termine bis zum 3. Mai