Die Verbrechen und ihre Folgen ändern sich, aber eines bleibt: Seit 50 Jahren hilft der WEISSE RING Opfern von Straftaten und ihren Angehörigen. Kristina Erichsen-Kruse ist die langjährige Vizechefin des Hamburger Landesverbands und seit Jahrzehnten eines der prägenden Gesichter der Opferhilfe in der Hansestadt. Die heute 84-Jährige hat zahlreiche Opfer und Hinterbliebene begleitet und kennt die Folgen von Gewalt, die Grenzen des Helfens und beschäftigt sich mit der Frage, warum Betroffene ihr früheres Leben oft nie zurückbekommen. Am 20. Oktober wird sie für ihr jahrzehntelanges Engagement mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. WELT AM SONNTAG: Frau Erichsen-Kruse, das Wort „opfern“ bezeichnet ursprünglich den religiösen Akt, etwas unter eigenem Verzicht herzugeben. Heute ist „Du Opfer“ eine gängige Beleidigung auf Schulhöfen. Was ist ein Opfer für Sie? Kristina Erichsen-Kruse: Man wird ja zum Opfer gemacht. Niemand entscheidet sich freiwillig dafür. Trotzdem haftet dem Wort etwas Anrüchiges an. Aber es gibt kein anderes Wort, das wirklich beschreibt, was einem Menschen widerfahren ist. Wichtig ist mir, dass der Mensch, der vor mir sitzt, in erster Linie Mensch ist und erst in zweiter Linie Opfer. Wir weigern uns, jemanden auf sein Opferdasein zu reduzieren. WAMS: Warum empfinden viele Menschen den Begriff als belastend? Erichsen-Kruse: Weil niemand Opfer sein will. Das Wort bringt Menschen dazu, innerlich auf Abstand zu gehen. Sie haben das Gefühl, mit etwas belastet zu werden, das sie lieber nicht wissen möchten. Bei vielen verändert sich die Wahrnehmung erst, wenn sie selbst betroffen sind oder jemand aus ihrem Umfeld. Opfer ist zudem nicht nur, wer direkt von einer Tat betroffen ist. Eine Straftat erfasst häufig die gesamte Familie. Hinterbliebene verlieren nicht nur einen geliebten Menschen. Sie verlieren auch ihr bisheriges Leben. WAMS: Was ist die Aufgabe eines Opferschutzvereins wie dem Weißen Ring? Erichsen-Kruse: Wir sind ein Opferhilfeverein und kein Opferschutzverein. Wir können Opfer nicht schützen. Für die Menschen, die zu uns kommen, ist die Straftat bereits geschehen. Aber wir können ihnen helfen: Unsere Aufgabe ist, sie durch das Hilfesystem zu lotsen, ihnen Möglichkeiten aufzuzeigen und sie dabei zu unterstützen, ihr Leben so zu gestalten, dass es für sie gut und würdig ist. WAMS: Warum braucht es dafür einen privaten Verein? Erichsen-Kruse: Weil Behörden darauf nicht ausgerichtet sind. Die Polizei ermittelt, die Staatsanwaltschaft klagt an, das Gericht entscheidet über Schuld und Strafe. Aber damit sind die Probleme der Betroffenen nicht gelöst. Jemand muss zuhören, erklären und zu Behörden, zum Gericht oder zu einem Anwalt begleiten. Manchmal vermitteln wir Psychologen, helfen bei der Suche nach einer Wohnung oder überbrücken eine finanzielle Notlage. Wir helfen ihnen, ihr Leben wieder so zu gestalten, dass es für sie gut und würdig ist. Manchmal sind es die kleinen Dinge. Stellen Sie sich vor, Sie werden auf der Straße zusammengeschlagen. Ihre Jacke ist voller Blut und wird von der Polizei als Beweismittel sichergestellt. Sie können sich aber nicht einfach eine neue kaufen. Dann kann es eine große Hilfe sein, gemeinsam loszugehen und dafür zu sorgen, dass Sie wieder eine warme Jacke haben. Das klingt nach wenig. Aber solche Gesten zeigen einem Menschen: Du wirst gesehen. Aber wir sagen den Menschen nicht, wie sie ihr Leben führen sollen. Die Verantwortung für ihre Entscheidungen bleibt bei ihnen. WAMS: Der Weiße Ring wird am 24. September 50 Jahre alt. Der Hamburger Senat wird den Landesverband an diesem Tag mit einem Empfang im Rathaus ehren. Das ist eine nette Geste. Aber welchen Stellenwert haben Opfer in unserer Gesellschaft wirklich? Erichsen-Kruse: Der Verein hat wesentlich dazu beigetragen, dass Opfer heute ein besseres Standing besitzen. Ohne die rechtspolitischen Forderungen des Weißen Rings gäbe es nach meiner Überzeugung das Sozialgesetzbuch XIV und die Opferrechtsreformgesetze jedenfalls nicht in dieser Form. Aber Opfer sind im Strafverfahren noch immer nicht mit dem Täter gleichgestellt. Deshalb bleibt dieser politische Einfluss notwendig. In Hamburg sind viele Beratungsstellen auf bestimmte Delikte oder Opfergruppen spezialisiert. Wir kümmern uns dagegen um Betroffene aller Straftaten. Das ist unser besonderes Profil. In Hamburg betreuen wir ungefähr 800 Opferfälle im Jahr. WAMS: Sie sind seit 26 Jahren Teil des Weißen Rings, langjährige Vizechefin des Landesverbands. Wie kamen Sie dazu? Erichsen-Kruse: Der Auslöser war die Flucht des sogenannten Heidemörders Thomas Holst. Ich arbeitete damals in leitender Funktion im Haus 18 des Hamburger Maßregelvollzugs in Ochsenzoll. Holst war wegen der Morde an drei jungen Frauen verurteilt worden. Am 27. September 1995 entkam er aus der geschlossenen forensischen Abteilung. Wir wussten, wie gefährlich dieser Mann war. Uns ging sprichwörtlich der Hintern auf Grundeis, weil wir befürchteten, dass er erneut eine Frau in seine Gewalt bekommen könnte. Während der Fahndung stand plötzlich die Familie der von Holst ermordeten Petra Maaßen vor uns. Ihr Ehemann, ihre Mutter und die Kinder fragten: „Wie konnte das passieren?“ Und ich wusste nicht, was ich ihnen sagen sollte. WAMS: Warum nicht? Erichsen-Kruse: Ich hatte mit Opfern überhaupt keine Erfahrung und war mit der Flucht und den Vorwürfen gegen unsere Einrichtung beschäftigt. Ich glaubte außerdem, dem Haus eine gewisse Loyalität zu schulden. Im Maßregelvollzug ging es um die Insassen, ihre Behandlung und die Frage, welche Gefahr von ihnen ausging. Die Menschen, denen unsere Patienten etwas angetan hatten, kamen im Alltag kaum vor. Dann stand diese Familie vor mir, und ich sah: In dieser Familie war nichts mehr heil, gar nichts. Da stand für mich fest: Wenn ich in den Ruhestand gehe, schaue ich mir an, was dieser Verein macht. WAMS: Hatten Sie später, als Sie dann im Weißen Ring aktiv waren, noch einmal Kontakt mit der Familie von Petra Maaßen? Erichsen-Kruse: Ja. Im Jahr 2002 meldete sich die Familie beim Weißen Ring, weil eine der Töchter Hilfe brauchte. Sie war infolge der Tat schwer traumatisiert und brauchte therapeutische Unterstützung. Ich habe versucht, sie therapeutisch anzubinden und einen entsprechend ausgerichteten Pflegedienst einzubeziehen. Damals habe ich die Grenzen der Opferhilfe erlebt. Diese Familie ist nicht wieder heil geworden. Das war eines der wenigen Male, in denen ich das Gefühl hatte, nicht genug tun zu können. Ich konnte nur Scherben aufheben und zuhören. WAMS: Was muss passieren, damit man als Betroffener aus der Opferrolle heraustreten kann? Erichsen-Kruse: Die Tat bleibt Teil ihrer Geschichte, sie bekommen ihr altes Leben nicht zurück. Aber sie können ein neues Leben haben. Ein anderes, auch mit Qualität, mit Freude, mit Lachen. Dafür müssen sie bereit sein, Unterstützung anzunehmen und selbst daran zu arbeiten. Wir können niemanden retten. Wir können begleiten und Möglichkeiten eröffnen. Bei der Familie Hellwege habe ich erlebt, dass ein solcher Schritt gelingen kann. Nachdem die Tochter durch ihren Lebensgefährten getötet worden war, rief mich der Vater an und sagte: ‚Ich habe gedacht, ich schaffe das selber. Aber ich schaffe das nicht.‘ Da bin ich hingefahren. Die Familie hätte nach dem Verlust auseinanderbrechen können. Stattdessen hat sie einen Schritt ins Leben gemacht, wie er kaum schöner sein kann. Die Eltern denken jeden Tag an ihre Tochter. Sie haben eine Stiftung gegründet, helfen anderen Menschen. Der Verlust bleibt für immer. Aber die Familie ist wieder eine Einheit geworden. WAMS: Warum gelingt das manchen Familien und anderen nicht? Erichsen-Kruse: Das ist individuell. Die einen können Unterstützung annehmen und etwas daraus machen. Andere schaffen es nur ein Stück oder gar nicht. Menschen trauern sehr unterschiedlich. Frauen nehmen, glaube ich, die Trauer eher an und gehen emotionaler damit um. Sie weinen, schreien ihre Trauer unter Umständen heraus. Ich habe noch keinen Mann erlebt, der das gemacht hat. WAMS: Männer vergraben ihre Trauer? Erichsen-Kruse: Ja. Und das ist toxisch, das ist absolut giftig. Für eine Familie ist entscheidend, dass ihre Mitglieder trotz dieser Unterschiede wieder zueinanderfinden. Das kann man nicht erzwingen. WAMS: Sie begleiten Menschen durch die schwersten Krisen. Trotzdem haben Sie mal gesagt, dass Sie kein Mitleid mit Opfern haben. Das klingt hart. Erichsen-Kruse: Ich habe Mitgefühl und das ist nicht dasselbe wie Mitleid. Mitleid ist immer auch eine Sicht von oben herab. Ich muss mit einem Menschen fühlen und bei ihm sein können. Ich muss mich aber trotzdem abgrenzen können. Wenn ich mich von seinem Leid überwältigen lasse, verliere ich meine Handlungsfähigkeit. Abgrenzung bedeutet nicht Gleichgültigkeit. WAMS: Gibt es Fälle, bei denen Ihnen die Abgrenzung schwerfällt? Erichsen-Kruse: Ja, wenn Kinder im Spiel sind. Vor allem, wenn ein Elternteil die Kinder als Waffe gegen den anderen benutzt. Das finde ich unverzeihlich. Egal, was zwischen Erwachsenen geschehen ist: Kinder haben ein Recht auf Frieden. WAMS: Besonders Opfer häuslicher und sexualisierter Gewalt brauchen häufig sehr lange, bevor sie sich Hilfe suchen. Warum? Erichsen-Kruse: Weil bei diesen Taten sehr oft eine Schuldfrage mitschwingt. Den Betroffenen wird regelrecht eingepflanzt: Irgendetwas musst du doch getan haben, damit dir das passiert. Das ist widerlich und diffamierend. Damit sollte sich niemand abfinden. Soziale Medien verschärfen das Problem. Betroffene müssen befürchten, erneut beschimpft und verletzt zu werden. Das macht es noch schwerer, über das Erlebte zu sprechen. WAMS: Wie eng ist Ihre Zusammenarbeit mit der Polizei? Erichsen-Kruse: Sehr eng. Ich bin das Bindeglied zwischen dem Landeskriminalamt und dem Verein. Dieses Verhältnis ist nicht vertraglich geregelt, sondern über Jahrzehnte gewachsen. Es begann während meiner Zeit im Maßregelvollzug. Ich bin mit Fehlern und Schwierigkeiten immer offen umgegangen. Das hat die Polizei honoriert. Heute weiß die Mordkommission, dass sie bei mir eine feste Ansprechpartnerin hat. Dieses Vertrauen empfinde ich nicht als selbstverständlich. Dazu gehört auch, dass wir die Tatortreinigung organisieren. WAMS: Sie gehen selbst an die Tatorte? Erichsen-Kruse: Ja. Ich gehe hinein und fotografiere sie, egal, wie sie aussehen. Dann bespreche ich mit der Tatortreinigungsfirma, was getan werden muss. Manchmal sind Teppiche oder Möbel so stark verunreinigt, dass sie nicht zu retten sind. Die Reinigung wird nicht vom Staat übernommen, die Polizei sichert nur die Spuren. Den Hinterbliebenen wird überlassen, wie sie mit der Wohnung umgehen. Auf Anregung einer Oberstaatsanwältin haben Staatsanwaltschaft, Mordkommission und Weißer Ring eine Vereinbarung getroffen. Wenn das Landeskriminalamt sagt, dass eine Wohnung gereinigt werden muss, reagieren wir. In der Regel bezahlen wir die Reinigung auch. Darüber entsteht häufig unser erster Kontakt zu einer Familie. WAMS: Am 20. Oktober werden Sie für Ihre Verdienste das Bundesverdienstkreuz erster Klasse erhalten. Was verbinden Sie mit dieser außerordentlichen Ehrung? Erichsen-Kruse: Ich bin das alte Zirkuspferd, das immer verblieben ist. Aber ich bin kein Alleinunterhalter. Ich stoße vieles an. Doch meine Kolleginnen und Kollegen gehen tagtäglich in die Opferarbeit und versuchen, Menschen aus ihrer Not zu helfen. Ohne dieses Team könnte ich meine Arbeit nicht tun. Über die Ehrung freue ich mich sehr. Ich hätte mir allerdings nie vorstellen können, anders zu arbeiten, als ich es all die Jahre getan habe. Ich finde, dass ich das den Betroffenen schuldig bin. Und auch mir selbst. Ich werde diese Ehrung nutzen, um den Weißen Ring weiter nach vorn zu bringen. Sonst verschwindet die Aufmerksamkeit zu schnell. Wir brauchen Mitglieder und Spenden. Und wir benötigen vor allem weitere ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die bereit sind, Opferarbeit zu leisten und Verantwortung zu übernehmen. Opferarbeit ist nicht planbar. Wenn es losgeht, geht es los.