Welt 16.08.2026
19:11 Uhr

Eine sehr große Nachtmusik


Mit einem Festival im Festival, der „Großen Nachtmusik“ rund um den illuminierten Marktplatz, wird seit 25 Jahren das Musikfest Bremen eröffnet. Die Jubiläumsausgabe geriet mit dem Komponisten und Starpianisten Fazil Say außergewöhnlich.

Eine sehr große Nachtmusik

Wie ein spiegelverkehrtes Fragezeichen sitzt Fazil Say in sich versunken am geöffneten Flügel im Bremer Konzerthaus Glocke, gibt kompositorisch bewegend und technisch brillant in Zeiten des Klimawandels ganz große Antworten – mal voller Hoffnung in rasenden Läufen eines vulkanartig sprühenden Lebens, mal in erdbebengleich grummelnden Akkordwogen in tieferen Lagen. Mal leitet das Klavier die Orchesterpassagen seines halbstündigen Werkes „Mother Earth“ ein, mal spielt Say beim Musikfest Bremen, als sei sein Flügel ein zweites Orchester, das gemeinsam mit dem HR-Sinfonieorchester antritt, um die sinfonische Wucht zu erhöhen. Überwältigungsklassik zum Auftakt Das siebenteilige Klavierkonzert, im vergangenen Jahr in Osaka uraufgeführt, erlebte seine Bremer Erstaufführung gemeinsam mit dem Debüt des hessischen Rundfunkorchesters unter Leitung seines französischen Chefdirigenten Alain Altinoglu in der Glocke – deren Saal und Bühne gleichermaßen bis auf den letzten Platz gefüllt waren. Mit Hilfe lautmalerischer Elemente und ergreifender Motive schafft Say moderne Überwältigungsklassik, die tiefste Gefühle wachruft, wenn „Mother earth“ die Naturgewalten und -ereignisse in ein Kulturerlebnis transformiert. Vor dem aus Platzmangel millimetergenauen Umbau der Bühne, auf der mitten im Orchester knapp neben dem Dirigenten ein geöffneter Flügel stehen musste – mitunter dämpfte Say die Saiten seines Instruments, indem er mit der Linken hineingriff und mit der rechten Hand weiter auf den Tasten unterwegs war – spielte das Orchester zur Einstimmung das „Prélude à l’après-midi d’un faune“ von Claude Debussy in einer eher gemächlichen, jede Nuance sorgsam herausarbeitenden Fassung. Die dramatischen Qualitäten des Klangkörpers kamen anschließend bei „Mother earth“ umso stärker zum Ausdruck. Altinoglu harmonierte prächtig mit dem energiegeladenen Say und verband Klavierspiel und Orchesterklang präzise. Say in Kürze in der Elbphilharmonie „Mother Earth“ erklang an diesem Auftaktabend in der „Großen Nachtmusik“ mit 18 Konzerten von neun Ensembles in drei Zeitschienen nur ein einziges Mal, sein zweites Konzert um 22 Uhr nutzte Say zur Aufführung von Gershwin-Stücken, das Orchester steuerte den „Ungarischen Marsch“ von Hector Berlioz bei. Auch Hamburger, die bei der Eröffnung des Musikfests Bremen nicht dabei waren, dürfen sich auf ein Konzert mit Fazil Say freuen. Der Pianist eröffnet gemeinsam mit dem Philharmonischen Staatsorchester am 30. und 31. August unter Leitung von Omer Meir Wellber die kommende Saison des Orchesters in der Elbphilharmonie. Auf dem Programm stehen Tschaikowskys „Sinfonische Fantasie: Fatum“ und das Klavierkonzert Nr. 3 von Say. Zudem erklingen Sinfonie-Sätze von Ludwig van Beethoven, dessen 200. Todestag das Jahr 2027 und damit die gesamte kommende Saison prägt. Das Musikfest Bremen, zu dessen Auftakt und in dessen dreiwöchigem Programm neben etablierten Stars und spannenden Entdeckungen auch hervorragende Kammerensembles zu finden sind, setzte sich in der „Großen Nachtmusik“ unter anderem mit einem geistlichen Vivaldi-Konzert im St. Petri Dom fort. Unter der enthusiastischen Leitung des Violinisten und Dirigenten Jean-Christophe Spinosi, der gefühlt am liebsten jedes Instrument selbst spielen würde, erinnerte das französische Ensemble Matheus gemeinsam mit dem Chor der Académie Haendel Hendrix an Vivaldis Schaffen als Kirchenkomponist. Der Dom bot dafür eine sensationelle Akustik, wenn auch Ensemble und Chor gen Seitenschiff ausgerichtet waren, sodass nur die wenigsten Besucher die Musiker von vorn sehen konnten. Spinosis Anblick bot dafür jedoch ebenso Kompensation wie die Auftritte seiner Tochter, der Sopranistin Nina Spinosi, und jene der Altistin Javiera Barrios, die das Konzert als Solistinnen gestalteten. Zum Ausklang Mambo aus Havanna Zum Ausklang des Abends wählten viele Besucher eines der Konzerte, die nicht im klassischen Bereich zu verorten sind. Diesmal spielte unter anderem der kubanische Pianist Roberto Fonseca – der seine Karriere einst im legendären Buena Vista Social Club startete – mit einer sechsköpfigen Allstar-Band aus Havanna im Innenhof des Landgerichts, wo es einen Teil des Publikums zum Schluss beim Mambo nicht mehr auf den Stühlen hielt. Die Zuschauer tanzten praktisch aus dem Programm hinaus, um anschließend bei sommerlichen, wenn auch etwas kühleren Temperaturen als zuletzt auf dem Marktplatz noch ein wenig über die Konzerte zu plaudern und sich auszutauschen. Manche Besucher waren bei Katja Riemann gewesen, die im kleinen Saal der Glocke zu musikalischer Begleitung den „Karneval der Tiere“ vorgetragen hatte. Oder beim Klaviertrio von Franz Schubert in der Oberen Halle im Rathaus, oder beim Monteverdi-Konzert des Boston Early Music Festival Vocal & Chamber Ensembles in Unser Lieben Frauen Kirche, oder, oder. Der Auftakt des 37. Musikfests unter Leitung seines Gründers und Intendanten Thomas Albert war eine runde Sache, die „Große Nachtmusik“ wurde diesmal als sehr groß empfunden. Zur Eröffnung bei einem Empfang im Rathaus hatte bereits Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) das unermüdliche Engagement Alberts gewürdigt. Bovenschulte, nebenberuflich Kultursenator, verwies selbst erneut auf die gemeinschaftsstiftende Wirkung von Livemusik-Ereignissen und lobt die Musik als Lingua Franca, die ganz ohne Worte auskommt und doch fest eingeschrieben ist in die Partitur der Demokratie. Auch die Bremer Wirtschaft fördert das Musikfest seit Jahrzehnten verlässlich und bildet ein Bilderbuchbeispiel für eine gelungene Public-Private-Partnership. Musikfest Bremen: bis 4. September, das volle Programm: musikfest-bremen.de