Die Bundesstraße B 229 ist kein Platz zum Verweilen. Alle paar Sekunden donnert ein Lastwagen durch den Weiler Linde – vorbei an einer Bushaltestelle und zwei Wohnhäusern, die kurioserweise beide die Hausnummer 1 haben. Doch wo ist der Stein, der in Linde angeblich die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen markiert? Wir klingeln an einem der beiden Häuser. Sandra Kohn öffnet die Tür. Der Stein? „Gleich schräg gegenüber“, sagt sie. Normalerweise sei er von der Türschwelle aus zu sehen. Jetzt ist dort alles zugewuchert. Ob sie in ihrem Alltag etwas von dieser alten Grenze bemerke? Klar, sagt Kohn, ohne zu zögern. Ihr Haus, Adresse Linde 1, gehört zur Kleinstadt Halver, Märkischer Kreis, Westfalen. Das Nachbarhaus, ebenfalls Linde 1, gehört zu Radevormwald, Oberbergischer Kreis, Rheinland. Für sie sei diese Randlage mit vielen Umständlichkeiten verbunden, sagt Kohn, Leitungen, Abwasser – alles wird von Halver aus geregelt, dabei orientiere sie sich am näher gelegenen Radevormwald. „Da könnte die Politik mal umdenken und was einsparen“, sagt sie. Und sonst? „Die Menschen sind anders“, antwortet Kohn. In Halver leben die eher verschlossenen Westfalen. Ein paar Kilometer weiter, in Wipperfürth, spüre man bereits rheinische Offenheit. Der Grenzstein steht tatsächlich auf der anderen Straßenseite, versteckt im Gestrüpp, ein unauffälliger grauer Stein von gut einem Meter Höhe, aufgestellt im Jahr 1815, als die Preußen die Provinzen Rheinland und Westfalen übernahmen. Die Inschrift „Düsseldorf“, laut Denkmalregister „in klassizistischer Kursivschrift“ hineingemeißelt, ist allenfalls zu erahnen – und das auch nur dann, wenn man weiß, dass es sie gibt. Was also ist die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen? Eine verwitterte Inschrift in einem Stein, den man nur nach langer Suche findet? Zwei identische Hausnummern, die zu verschiedenen Städten und Landkreisen gehören? Eine Frage der Lebensart? Wir haben Orte bereist, die gewissermaßen auf dem Bindestrich des Bindestrichlands Nordrhein-Westfalen liegen, und nach historischen und gegenwärtigen Spuren gesucht. 285 Kilometer lang ist die Grenze zwischen den Landesteilen. Sie fängt im Nordwesten bei Rees am Niederrhein an und führt in gezackter Linie gen Süden, hinauf ins Sauerland. Der Grenzstein in Linde war unsere erste Station. Station 2: Wuppertal Beim Kleingartenverein „Am Beuler Bach“ wartet Heiko Schnickmann mit Strohhut und leichten Sommerschuhen. Eine Grenzüberschreitung scheint mit ihm nur ein kleiner Spaziergang zu werden. Schnickmann, 42 Jahre alt, Historiker und Vorstandsmitglied des örtlichen Geschichtsvereins, hätte viele Plätze in Wuppertal aussuchen können, um die Grenze zu zeigen. Denn, wie sagte stets Johannes Rau, Wuppertaler und früherer NRW-Ministerpräsident? Wuppertal selbst sei der Bindestrich zwischen Nordrhein und Westfalen. Vereinfachend könne man sagen, dass im Süden der Stadt die Wupper als Grenze diente, erklärt Schnickmann. Doch er will zeigen, wie kompliziert die Sache tatsächlich war. Der Beuler Bach ist in heißen Sommermonaten nur ein Rinnsal, das man auch ohne die kleine Fußgängerbrücke queren könnte. Doch bis ins 20. Jahrhundert lag diesseits des Bachs die Stadt Barmen, Rheinland. Jenseits des Bachs: Nächstebreck, Westfalen. Beide standen seit 1815 unter preußischer Herrschaft. Und dennoch hallte ein Aufschrei der Empörung durchs Tal, als am 5. Juli 1922 Nächstebreck nach Barmen eingemeindet und damit zum Rheinland geschlagen wurde. Schon zwei Tage später gründeten die Nächstebrecker gemeinsam mit den Langerfeldern, die dasselbe Schicksal ereilt hatte, den Westfalenbund – und nervten die Obrigkeit mit Eingaben und Protestnoten. So weit, so nachvollziehbar. Doch dieses Barmen, das den westfälischen Nächstebreckern zu rheinisch war, gilt andererseits als der westfälische Teil der Stadt Wuppertal, die im Oktober 1929 aus einem Konglomerat an Dörfern und Städten geschaffen wurde. Heiko Schnickmann lacht nur, wenn er nach Erklärungen für ein solches Durcheinander gefragt wird. Als Historiker könnte er die unterschiedlichen Zeitschichten aufdröseln. Als Wuppertaler erzählt er einfach von seiner Mutter, 1949 in Barmen-Oberbarmen geboren. War sie Rheinländerin? War sie Westfälin? Schnickmann zieht die Schultern hoch. Sicher ist nur: „Zeitlebens scheute sie davor zurück, nach Elberfeld zu fahren.“ Alles sei ihr dort fremd gewesen. Station 3: Rees am Niederrhein Im Norden, wo Rheinland und Westfalen an die Niederlande stoßen, sind wir mit Ulrike Steinkrüger verabredet, Archäologin bei der Altertumskommission des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL). Der Plan: Geländeerkundung, eine Grundlagenforschung, die klären soll, wie die preußischen Landvermesser eigentlich auf den Grenzverlauf kamen, als sie festlegten, wo die Rheinprovinz aufhören und die Provinz Westfalen anfangen sollte. Steinkrüger rät zu festem Schuhwerk und zeckensicherer Kleidung. Steinkrüger ist Expertin für alte Pilgerwege und Handelsstraßen. Wer ihnen folge, sagt sie, stoße früher oder später auf Grenzen, an denen die Wege von einem Herrschaftsbereich in den nächsten führten. Ein Grenz-Standardmodell des ausgehenden Mittelalters war die Landwehr. Herzöge, Bischöfe und andere Herrscher ließen dazu an den Rändern ihrer Territorien rund 1,50 Meter tiefe Gräben ausheben und ebenso hohe Wälle aufwerfen. „Darauf pflanzte man ein undurchdringliches Dickicht aus ineinander verflochtenen, dornigen Gehölzen“, erklärt Steinkrüger. Der Aufwand sei enorm gewesen. Ungefähr dort, wo heute die unsichtbare Grenze zwischen den rheinischen Kreisen Wesel und Kleve sowie dem westfälischen Kreis Borken verläuft, riegelte einst die Klever Landwehr die Landschaft ab. Die Herzöge von Kleve wiesen damit den im Osten herrschenden Bischof von Münster in die Schranken – und hielten heimliche Grenzgänger zurück. Ulrike Steinkrüger hat Reste dieser Landwehr auf sogenannten Lidar-Scans ausgemacht, Erhebungen und Vertiefungen zeichnen sich auf diesen Spezial-Luftaufnahmen als Schatten ab. Steinkrüger zeigt parallele Linien, die sich wie Kabelstränge durchs Land ziehen. Nun sucht die Archäologin im Gelände danach. Geleitet von den Satelliten-Koordinaten stiefelt sie zielgerichtet über Feld und Flur ins Unterholz. In Rees, Wesel und Schermbeck wird sie fündig. An einem Abschnitt verliert sich die Spur auf dem Hof des Landwirts Heinrich Friedrich Heselmann. Der macht gerade Mittagspause. Ob er etwas über die Landwehr wisse? Heselmann wedelt mit seiner Hand eine Welle in die Luft und setzt dazu eine fragende Miene auf. Dann weist er auf ein Waldstück hinterm Hof. „Aber Vorsicht“, ruft er lachend hinterher, „da steht der Deckbulle.“ Der Bulle, der inmitten seiner Herde am Gras zupft, nimmt die Besucher scharf in den Blick. Er gäbe einen guten Grenzschützer ab, wäre da nicht der Stacheldraht, der ihn von der Landwehr trennt. Eine Begehung ist also möglich. Auch wenn Wälle und Gräben nicht mehr so tief sind wie vor 600 Jahren, beeindruckend ist die Anlage noch immer. Fünf-, manchmal sechsfach nebeneinander gestaffelt ziehen sich die Bodenwellen durch den Wald. Steinkrüger fragt sich, warum an dieser Stelle ein so ungewöhnlicher Ausbau vorgenommen wurde. Auch Hofbesitzer Heselmann weiß darauf keine Antwort. Bisher sei auch noch nie jemand vorbeigekommen, der sich dafür interessiert habe, sagt er. „Aber“, wirft der 70-Jährige zum Abschied ein, „zum Thema Rheinländer und Westfalen kann ich was erzählen.“ Als sich vor einigen Jahren die Bauern vom Niederrhein mit den Kollegen aus Westfalen getroffen hätten, die nur wenige Kilometer östlich ihre Höfe haben, da habe er gestaunt, wie verschieden man als Nachbarn ticken könne. „Die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen ist ja tiefer als der Rhein bei Hochwasser“, so habe er damals vor versammelter Mannschaft ausgerufen. Heselmann lacht laut auf. Das sei aber nur Spaß gewesen. Wirklich? Anekdoten über die Unterschiede von Rheinländern und Westfalen gibt es viele. Die einen berufen sich auf ihre Prägung durch die französische Lebensart, die sie in den wenigen Jahren unter Napoleon bekommen haben wollen. Die anderen gehen angeblich zum Lachen in den Keller. Klischeebehaftete Weisheiten sind auch über die Dialekte der beiden Landesteile im Umlauf. Rheinseits der Grenze heißt es demnach „Spocht“ für Sport, in Westfalen hingegen dehnt man das Wort zum „Spooaat“. Lässt sich der Unterschied tatsächlich auf einen so einfachen Nenner bringen? Station 4: Wenden im Sauerland Georg Cornelissen zieht bei dieser Frage die Stirn in Falten. Cornelissen war viele Jahre Leiter der Abteilung Sprachforschung beim Landschaftsverband Rheinland, ist Autor der „Kleinen Sprachgeschichte von Nordrhein-Westfalen“ und einer Menge anderer Dialektstudien. Das Ganze sei viel zu kompliziert, um es in ein paar Sätzen zu erklären, sagt er. Sprachgrenzen gebe es viele. Nur eines könne man ganz grob sagen: Westfälische Dialekte gehen auf die alten sächsischen Sprachen zurück, rheinische Dialekte auf die Franken. Dann holt er eine Karte hervor, auf der NRW in drei Farbflächen aufgeteilt ist. Rechts: Grün für Westfälisch, links oben: Rosa für Niederfränkisch, links unten: Blau für Mitteldeutsch. Cornelissen fährt mit dem Finger an den unteren Rand der Karte. Wo sich die Linien kreuzen, ist ein rosafarbener Fleck hingetupft, der von Blau und Grün umflossen wird wie eine Insel. In diesem Fleck liegt Wenden. Dorthin solle man fahren, sagt Cornelissen. Bernd Clemens, Bürgermeister von Wenden, erwartet den Besucher in luftiger Höhe, bei einem Stein, der archaisch anmutet wie ein Hinkelstein. Wie lange er schon im Boden steckt, weiß niemand. Sicher ist nur, dass hier das Land NRW zu Ende ist – und damit auch die Grenze zwischen Rheinland und Westfalen. Nach Süden blickt man nach Rheinland-Pfalz. Im Westen: Rheinland. Ostwärts führt ein verwachsener Pfad ins Sauerland, Westfalen. Die Wendener, erzählt Clemens, seien stolz auf ihr „Wendsch Platt“, wie der Dialekt hier heißt. Vor zwei Jahren erschien ein Wörterbuch eines hiesigen Dialektforschers – schon die zweite Auflage ist ausverkauft. „Es gibt einen Stammtisch und Gottesdienste auf Platt, und derzeit wird eine App für unseren Dialekt entwickelt“, berichtet Clemens. Der 59-Jährige, seit zehn Jahren im Amt, ist in Wenden geboren und aufgewachsen. Er erinnert sich daran, dass sein Großvater, der aus dem benachbarten, ebenfalls westfälisch-sauerländischen Olpe zugezogen sei, „ganz andere Wörter und eine andere Grammatik verwendete als wir“. Doch nicht der Großvater war der Dialektsonderling, vielmehr hat die Grenzlage in Wenden eine eigene Sprache entstehen lassen, in der Einflüsse aller angrenzenden Regionen verschmolzen sind. So kommt es, dass dieses Stück Westfalen auf der Karte des Sprachforschers Cornelissen dieselbe Farbe trägt wie Düsseldorf und Kleve. Station 5: Halver-Anschlag Die Reise auf dem Bindestrich geht zu Ende, wie sie begonnen hat: mit einer Fahrt zwischen Bergischem Land und Märkischem Kreis. Hinter Halver kommt man durch das Dorf Anschlag. Der Name erinnert an einen Schlagbaum, an dem früher Zölle zu entrichten waren. Etwas außerhalb steht ein Grenzstein am Straßenrand, mannshoch, geformt wie ein Obelisk und nicht zu übersehen. Er leuchtet in Grün, Weiß und Rot, der Sockel ist zusätzlich in den Farben der Fußballklubs 1. FC Köln und Borussia Dortmund gestrichen. Links vom Stein wurde eine Tafel aufgestellt, die zum Kölner Dom zeigt. Rechts eine Tafel nach Westfalen. Nach einem offiziellen Denkmal sieht dieses skurrile Ensemble nicht aus. Also fragen wir auf einem Hof, der in Sichtweite steht. Dort lebt der Landwirt Martin Hevendehl. Ursprünglich habe der Grenzstein etwas versetzt gestanden, sagt er. „Völlig unbeachtet. Den Stein braucht ja kein Mensch mehr.“ Der schwarz-weiße Anstrich aus der Preußenzeit sei längst abgeblättert gewesen. Seit ein paar Jahren kümmern sich Familie Hevendehl und ihre Nachbarn um den Platz am Straßenrand. Und kürzlich habe er den Stein in den NRW-Landesfarben gestrichen, sagt Hevendehl. Vielleicht gibt dieser Platz an der Straße zwischen Halver und Wipperfürth sogar eine Antwort auf die Frage, was es heute mit der Grenze zwischen Rheinland und Westfalen auf sich hat. Ist sie nicht wie dieser Stein, den niemand mehr braucht? Und der trotzdem mit liebevoller Hingabe, viel Sinn für Humor und ein wenig frischer Farbe gepflegt wird.