Die Ansage war mehr als deutlich: „ There will be no deal with Iran except UNCONDITIONAL SURRENDER! (verlinkt auf https://truthsocial.com/@realDonaldTrump/posts/116182551337254643) “, schrieb US-Präsident Donald Trump am 6. März 2026 um 14.50 Uhr US-Ostküsten-Zeit auf seiner Plattform „Truth social“, typischerweise teilweise geschrien, nämlich in Großbuchstaben: „Es wird keinen Deal mit dem Iran geben außer der BEDINGUNGSLOSEN KAPITULATION!“ Schon wenig später relativierte er seine Mitteilung in einem Telefon-Interview mit „Axios“, einer US-Nachrichten-Website: „ Eine bedingungslose Kapitulation könnte bedeuten, dass sie (gemeint: die Iraner, d. Red.) sie verkünden. (verlinkt auf https://www.axios.com/2026/03/06/trump-iran-war-unconditional-surrender) Sie könnte aber auch eintreten, wenn sie nicht mehr kämpfen können, weil sie niemanden und nichts mehr haben, mit dem sie kämpfen könnten.“ Weder das eine noch das andere hat jedoch sonderlich viel mit der Beendigung von Kriegen (oder auch nur einzelnen Kämpfen innerhalb eines Krieges) zu tun, die man unter der mehr als 160 Jahre alten Bezeichnung „ unconditional surrender (verlinkt auf https://www.jstor.org/stable/2614534) “ versteht. Trump hat offenbar lediglich das Schlagwort benutzt, ohne dessen Inhalt zu kennen. Bekannt wurde die Formulierung im Jahr 1862. Der damalige Brigadegeneral der Union, also der Nordstaaten, Ulysses S. Grant (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article184258512/Chattanooga-1863-Ulysses-S-Grant-schlaegt-Konfoederierte.html) belagerte das Fort Donelsen in Tennessee, das von Anhängern der Sezession, also den Südstaaten besetzt war. Grants Truppen standen kurz vor dem Einbruch in die feindlichen Linien, als der Kommandeur der Aufständischen, Brigadegeneral Simon B. Buckner, am 16. Februar 1862 morgens einen Boten zu ihm schickte. Grant übermittelte die Bitte um einen sofortigen Waffenstillstand und eine gemeinsame Besprechung beider Seiten, um Kapitulationsbedingungen auszuhandeln. Möglicherweise hatte Buckner gehofft, der Nordstaaten-General würde ihm gegenüber großzügig sein, denn er hatte ihm Jahre zuvor aus einer Notlage geholfen. Doch die Antwort fiel knapp aus. Grant schickte persönlich eine Depesche, in der es unter anderem hieß: „Es können keine anderen Bedingungen als die bedingungslose und sofortige Kapitulation akzeptiert werden.“ Buckner fand diese Reaktion „ungroßzügig und unritterlich“, konnte aber nicht anders als zu akzeptieren. Der General hatte fortan einen Beinamen: „Unconditional surender“ Grant. Das war weder das allererste Auftreten des Begriffs: Er wurde beispielsweise schon 1788 von dem britischen Militärhistoriker Francis Grose in seinem Buch „ Military Antiquities respecting a History of the English Army (verlinkt auf https://archive.org/details/militaryantiquit01grosuoft/page/n13/mode/2up) “ verwendet. Noch gar die erste faktische Umsetzung: Die gab es bereits seit Beginn der Kriegsgeschichte, als etwa im Jahr 425 v. Chr. eine spartanische Garnison von Athens Feldherr Kleon gezwungen wurde, sich auf Gedeih oder Verderb zu ergeben. Doch bekannt wurde die Formulierung erst ab 1862. In den zahlreichen militärischen Konflikten nach dem ebenfalls durch eine „unconditional surrender“ beendeten US-Bürgerkrie (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article254061580/Amerikanischer-Buergerkrieg-Die-siegreichen-Suedstaatler-betranken-sich-das-war-ihr-Fehler.html) g tauchte diese Forderung jahrzehntelang kaum mehr auf: Bismarck beendete die Kriege 1864, 1866 und 1870/71 eben durch Verhandlungsfrieden, wenn auch oft mit harten Auflagen und massiven Drohungen, aber nicht formal durch bedingungslose Kapitulation. Erst im Ersten Weltkrieg brachten US-Politiker die Forderung wieder auf. Der einflussreiche Senator Henry Cabot Lodge (verlinkt auf https://www.senate.gov/senators/FeaturedBios/Featured_Bio_Lodge.htm) schrieb am 7. Oktober 1918 an den ehemaligen Präsidenten Theodore Roosevelt, „das amerikanische Volk will einen vollständigen Sieg und eine bedingungslose Kapitulation“ Deutschlands. Von einem „Frieden durch Verhandlungen“ wollte auch Cordell Hull (verlinkt auf https://history.state.gov/departmenthistory/people/hull-cordell) nichts wissen, zu dieser Zeit ein wenig bekanntes Mitglied des Repräsentantenhauses: „Wie kann man mit Schurken und Verbrechern, mit Mördern und Freibeutern, mit Wegelagerern und Desperados über irgendetwas verhandeln!“ Ein knappes Vierteljahrhundert später war Hull schon seit zehn Jahren Außenminister der Vereinigten Staaten und Chefstratege der Regierung von Präsident Franklin D. Roosevelt. Anfang Januar 1943 wurde im Weißen Haus die bevorstehende Besprechung mit den britischen Verbündeten in Casablanca vorbereitet, zu der eigentlich auch der dritte wesentliche Verbündete Josef Stalin erwartet worden war, der freilich wegen der Kämpfe um Stalingrad abgesagt hatte. In einer Besprechung am 7. Januar 1943 kam Roosevelt erstmals auf die Möglichkeit zu sprechen, von Hitler-Deutschland die „unconditional surrender“ zu verlangen. Das sollte vor allem ein Signal an Stalin sein, dass Teilkapitulationen ausgeschlossen seien. Natürlich war dem Präsidenten klar, dass seine Forderung möglicherweise den Krieg verlängern konnte, andererseits hatten sowohl Hitler als auch die japanische Führung immer wieder ostentativ einen „Kampf bis zum Letzten“ angekündigt. Auf der Pressekonferenz am Ende des Treffens in Nordafrika am 24. Januar kam Roosevelt öffentlich auf das Thema zu sprechen. Die bedingungslose Kapitulation hatte bei den Beratungen zuvor kaum eine Rolle gespielt; in der offiziellen US-Dokumentation der Konferenz (verlinkt auf https://history.state.gov/historicaldocuments/frus1941-43) kam sie auf mehr als 350 Seiten nur dreimal kurz vor. Tatsächlich aber war das Signal nach Moskau wohl durchdacht: Die Forderung nach bedingungsloser Kapitulation sollte nach Roosevelts Willen strategisch das wichtigste Ergebnis der Konferenz von Casablanca werden. Irgendeine Untersuchung darüber, welche Bedeutung die Formel für die faktische Kriegführung haben könnte, diskutierten die militärischen und politischen Gremien in den USA weder vor noch nach Casablanca. Der Begriff „Unconditional surrender“ diente, an Stalin gerichtet, als Antwort der Alliierten auf die beharrlich erhobene Forderung der UdSSR nach einer „zweiten Front“, einer großen Invasion in Westeuropa zur Entlastung der Roten Armee. Die Forderung hatten weiterhin den Vorteil, alle Diskussionen um die Ziele dieses Krieges zu dämpfen. „Die Kosten und Mehrkosten, die ein Festhalten an der Kapitulationsforderung mit sich bringen würde, ihr unelastischer Charakter, wurden demgegenüber von der Roosevelt‘schen Administration gar nicht erst in Rechnung gesetzt“, analysierte der deutsch-amerikanische Historiker Alfred Vagts (verlinkt auf https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1959_3_3_vagts.pdf) schon 1959. Roosevelts Manöver schlug in der Heimat durch: Eine (frühe) repräsentative Meinungsumfrage in den USA im Frühjahr 1943 ermittelte, dass 81 Prozent der Wähler der Forderung nach einer unbedingten Kapitulation zustimmten. Nicht ganz so glücklich waren die politischen Praktiker und vor allem die militärischen Kommandeure. Cordell Hull, 1944 aus dem Amt geschieden, hatte inzwischen Zweifel an der Klugheit der Forderung, und Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber aller alliierten Truppen in Europa, träumte von einem „deutschen Badoglio“, also der (Teil-)Kapitulation eines prominenten deutschen Heerführers nach dem Vorbild des italienischen Marschall Pietro Badoglio (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article119646272/Pietro-Badoglio-Als-Mussolinis-Nachfolger-insgeheim-kapitulierte.html) im Sommer 1943. Nach der bedingungslosen Kapitulation zuerst der Wehrmacht am 7. Mai, dann Japans am 2. September 1945 zeigte sich, dass der Westen gerade nicht auf die formal zweifellos mögliche Unterdrückung des geschlagenen Gegners setzte. Das hatte viel mit dem aufkommenden Kalten Krieg und der Aggressivität der stalinistischen Sowjetunion zu tun. Allerdings auch mit der Einsicht, dass die Forderung nach „unconditional surrender“ für die Zeit nach einem Krieg kontraproduktiv sein könnte. Daher verzichteten westliche Staaten nach dem Kuwaitkrieg 1990/91, den Konflikten mit Serbien in den 1990er-Jahren und dem Irakkrieg 2003 auf solche Formulierungen. Anders übrigens die radikalislamischen Taliban in Afghanistan 2021: Sie verlangten der Regierung der 2004 auf westliche Initiative gegründeten Islamischen Republik Afghanistan und ihrer Armee ausdrücklich die bedingungslose Kapitulation ab. Es war eine abfällige Geste an den Westen, ein politisch-strategischer Stinkefinger. Von all dem weiß Donald Trump vermutlich nichts. Er hat einfach nur ein ihm vage bekanntes Schlagwort verwendet, das ihm gerade in den Sinn kam – das belegt seine nachgeschobene Relativierung im Interview mit „Axios“. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.