Welt 14.09.2026
15:36 Uhr

Die Differenz schärft den Blick


Die Hamburger Kunsthalle erzählt in der Ausstellung „This Is The Modern World – Durchbrüche in der Kunst 1900 – 1960“ die Moderne neu – mit Gegenüberstellungen, die neue Ansichten und Einblicke ermöglichen.

Die Differenz schärft den Blick
US-Präsident Donald Trump während des Fluges mit der Air Force One von Shannon (Irland) zur Joint Base Andrews in Maryland.
Julia Demaree Nikhinson/AP Photo

Der Erfindungsreichtum der Klassischen Moderne wird in der neuen Sammlungspräsentation der Kunsthalle durch zwei einleitende Werke deutlich. Da hängt erstens Henri Rousseaus Gemälde „Eva im irdischen Paradies“ von 1906: Der Maler ließ die Menschheitsmutter ohne Adam auftreten und warf damit althergebrachte Erzählweisen über Bord. Zweitens ist dort das abstrakte „Raumkonzept“ von Lucio Fontana aus dem Jahr 1960 zu sehen: Das Ölbild leuchtet zwar in heiterem Sonnengelb, doch der Künstler versah die Leinwand mit Löchern und Einschnitten, sodass die dahinterliegende Schwärze sichtbar wird. Wahrnehmung und Bewusstsein öffnen sich in der Moderne neuen Dimensionen. Paula Modersohn-Becker im Dialog mit Edvard Munch Unter dem Titel „This is the Modern World – Durchbrüche in der Kunst 1900 – 1960“ hat Toby Kamps, der seit Anfang 2025 als Sammlungsleiter Moderne am Haus tätig ist, die Dauerausstellung im Gründungsbau frisch konzipiert. Das Konzept setzt auf Gegenüberstellungen: Am Anfang führen, je nach Startpunkt, entweder Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch einen Dialog – oder Max Beckmann und Anita Rée, die zu Leitfiguren der Schau werden. „Beide haben ihre Stile permanent entwickelt, beide waren Provokateure“, sagt Kurator Kamps. Unter den frühen Selbstbildnissen von Rée ist eine neue Dauerleihgabe: Ihr „Profilkopf auf Rot“ stammt aus der Beruflichen Schule Uferstraße, wo die Künstlerin 1929 ein Wandbild gestaltete – das 1942 auf Geheiß der Nationalsozialisten übermalt wurde. Auch die Werke der Künstlergemeinschaft „Brücke“ sind von den Nazis als „Entartete Kunst“ diffamiert, aus den Museen beschlagnahmt oder zerstört worden. Die Schau zeigt dynamische, farbintensive Meisterwerke etwa von Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff oder Emil Nolde, die laut Brücke-Manifest „unmittelbar und unverfälscht“ das wiedergeben wollten, was sie „zum Schaffen drängte“. Neue Sachlichkeit steht dem Bauhaus gegenüber Weitere Räume sind der Weimarer Republik und dem Zweiten Weltkrieg gewidmet. Maler wie George Grosz oder Otto Dix setzten sich mit der Gesellschaft auseinander und betrachteten die Verhältnisse mit schonungslos-analytischem Blick. Die Kunst der Neuen Sachlichkeit steht den abstrakten Ansätzen von Konstruktivismus und Bauhaus gegenüber: Da korrespondieren zum Beispiel Gemälde von Willi Baumeister oder Paul Klee mit Bildern von Franz Radziwill oder Max Ernst. Besonders symbolkräftig: René Magrittes „Palast der Vorhänge“ (1928). Das Bild zeigt anthropomorphe Türen in andere Welten, deren Wälder entlaubt, deren Himmel bewölkt sind. „Der Mensch ist allein im Universum“, sagt Kamps über das innere Selbstverständnis der Nachkriegskunst. Angesichts der Schrecken der Vergangenheit und der Bedrohung durch den Kalten Krieg entwickelten die Künstler neue Ausdrucksformen. So suchten etwa der Informel-Maler Wols oder der Bildhauer Alexander Calder Antworten in der Abstraktion. Calders Stahlplastik „Kaktus“ wechselwirkt mit dem von schwarzen Balken geprägten „Gemälde, 26. Dezember 55“ von Pierre Soulages: „Die Energie wird weitergegeben“, erklärt der Kurator. Kunst der Hamburgischen Sezession als Schlusspunkt Den Schlusspunkt der Schau bildet Kunst aus Hamburg, etwa von Ivo Hauptmann, Paul Kayser, Eduard Bargheer oder Elsa Haensgen-Dingkuhn. Sie alle gehörten der Hamburgischen Sezession an, die sich 1911 zusammenschloss, um die Stadt zu einem Zentrum für zeitgenössische Kunst zu machen, gemeinsam auszustellen und wilde Künstlerfeste zu feiern. Im März 1933 wurde die 12. Sezessions-Ausstellung von den Nazis vorzeitig geschlossen, da sie mit Karl Kluths Gemälde „Akt auf rotem Sofa“ ein angeblich „pornografisches“ Werk gezeigt hatte. Im selben Jahr löste sich die Künstlervereinigung auf, um sich so dem Zwangsausschluss jüdischer Mitglieder zu widersetzen. Ihr verbliebenes Vereinsvermögen investierten die Sezessionisten in eine letzte Party.