Welt 18.08.2026
16:36 Uhr

Die Brandmauer zur AfD hat „die deutsche Politik kaputtgemacht“, urteilt der „Economist“


Die Brandmauer habe vor allem der AfD genutzt, heißt es in einem Bericht des britischen Magazins „Economist“ vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Manche in der CDU hofften demnach sogar insgeheim auf eine absolute AfD-Mehrheit.

Die Brandmauer zur AfD hat „die deutsche Politik kaputtgemacht“, urteilt der „Economist“

Knapp drei Wochen vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt rechnet das britische Nachrichtenmagazin „ Economist (verlinkt auf https://www.economist.com/europe/2026/08/16/how-the-anti-afd-firewall-broke-german-politics) “ in einem Artikel mit dem deutschen Umgang mit der AfD ab. „Wie die Brandmauer gegen die AfD die deutsche Politik kaputtmachte“, lautet die Überschrift der Analyse aus Bitterfeld in Sachsen-Anhalt. Die These: „Eine Politik, die darauf abzielte, die extreme Rechte von der Macht fernzuhalten, hat letztendlich zu ihrer Stärkung geführt.“ Anlass ist die Wahl am 6. September, für das Blatt eine der wichtigsten Landtagswahlen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Die AfD liegt in mehreren Umfragen bei mehr als 40 Prozent. Die Bilanz des „Economist“ vor der Wahl: Friedrich Merz, heute Kanzler, habe 2018 ausgelobt, die AfD zu halbieren. Seither habe sich ihr Zuspruch aber verdoppelt, während sich die CDU Rekordtiefs nähere. „Die irreguläre Migration ist stark zurückgegangen, doch die AfD ist einfach weiter nach rechts gerückt.“ Sie hetze nun gegen „kulturell fremde Arbeitskräfte“ und fordere „Remigration“, heißt es in dem Artikel. Die Brandmauer sei „so etwas wie ein Organisationsprinzip des öffentlichen Lebens“ geworden, schreibt das Magazin – bis hin zum Ausschluss von AfD-Abgeordneten aus der Fußballmannschaft des Bundestags. Vor Ort aber bröckele sie längst: Bitterfelds CDU-Bürgermeister Armin Schenk sagte dem „Economist“, man solle die AfD nicht regieren lassen. In seiner Stadt sei die Brandmauer jedoch keine Realität, weil die meisten Entscheidungen nicht ohne die AfD fielen – sie stellt 15 der 40 Ratssitze. Auch die Aussage von Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) – „Wer über Brandmauern redet, hat die Zeichen der Zeit nicht erkannt“ – findet in dem Artikel Berücksichtigung. Den größten Nutznießer der Brandmauer sieht der „Economist“ in der AfD selbst. Der AfD-Bundestagsabgeordnete Torben Braga sagte dem Blatt, sie schütze seine Partei davor, sich mit sehr schwierigen Fragen befassen zu müssen – eine Einschätzung, die das Magazin ausdrücklich teilt. Der Darmstädter Politologe Christian Stecker ergänzt, hinter der Brandmauer könne die AfD alles versprechen; sie schütze die Partei vor der Enttäuschung, die Verantwortung in einer Demokratie bedeute. Für den Wahltag am 6. September skizziert das Magazin heikle Szenarien: Verfehlt die AfD die absolute Mehrheit knapp, bräuchte die CDU wohl alle übrigen Parteien einschließlich der Linken – ein AfD-Kandidat behauptet dem Bericht zufolge, fünf CDU-Abgeordnete seien zum Überlaufen bereit. Bliebe die AfD trotz doppelt so vieler Sitze wie die CDU von der Macht ausgeschlossen, würden nicht mehr nur ihre Anhänger fragen, ob die deutsche Demokratie funktioniere, schreibt der „Economist“ weiter. Um diesem Dilemma zu entgehen, würden manche in der CDU insgeheim auf eine absolute AfD-Mehrheit in Sachsen-Anhalt hoffen. In der Partei habe es nie eine vernünftige Debatte über den Umgang mit der AfD gegeben, nur den Reflex, sie als „die neuen Nazis“ auszugrenzen, sagte der Historiker Andreas Rödder dem „Economist“. Rödder hatte 2023 den Vorsitz der CDU-Grundwertekommission niedergelegt. Zuvor hatte er sich für Offenheit gegenüber Minderheitsregierungen statt einer starren Brandmauer ausgesprochen. Einen Ausweg für den richtigen Umgang mit der AfD erkennt das Magazin ebenfalls nicht. Es schließt allerdings mit einem Urteil Steckers. Dieses fällt gleichwohl düster aus: „Für die CDU ist es zu spät, eine Kehrtwende zu vollziehen, und für die AfD ist es zu spät, irgendeine Kehrtwende zu akzeptieren.“ Er ergänzte: „Manches wird zusammenbrechen, Neues wird entstehen – und wir wissen nicht, wie das alles am Ende aussehen wird.“