Welt 29.07.2026
11:15 Uhr

Deutschlands Glück war es, bei dieser Friedenskonferenz außen vor zu bleiben


An der „Konferenz der 21 Nationen“ ab dem 29. Juli 1946 nahmen 33 Staaten teil – aber nicht das besetzte Deutschland. Etwas Besseres hätte kaum passieren können. Seit 1990 ist das Thema Friedensvertrag erledigt.

Deutschlands Glück war es, bei dieser Friedenskonferenz außen vor zu bleiben

Wer schwere Aufgaben vor sich hat, tut gut daran, zuerst an leichteren Herausforderungen zu üben. Zwar hätten alle Teilnehmer der Friedenskonferenz von Paris (verlinkt auf https://www.forost.ungarisches-institut.de/pdf/19470210-2.pdf) , die im Hochsommer 1946 begann, entschieden bestritten, an einem Probelauf teilzunehmen. Dennoch wussten die Vertreter der internationalen Presse ebenso wie die meisten der fast 2000 Delegierten aus 33 Staaten weltweit, dass es genau so war. Denn in dieser Konferenz sollten Friedensverträge zwischen den ehemaligen Verbündeten von Hitlers Drittem Reich und den Staaten der Anti-Hitler-Koalition ausgehandelt werden. Eine Herkulesaufgabe angesichts der Erfahrungen der letzten großen Friedenskonferenz. Wenige Minuten nach 16 Uhr am 29. Juli 1946 fand im rotgoldenen Mahagonisaal des Palais de Luxembourg (verlinkt auf https://parisjetaime.com/eng/culture/senat-palais-du-luxembourg-p1046) in Frankreichs Hauptstadt die feierliche Eröffnung der „Konferenz der 21“ statt, die ihren Namen der Zahl der stimmberechtigten Nationen verdankte. Deutschland stand nicht auf der Tagesordnung und war auch nicht vertreten. Denn erstens war ein (seinerzeit durchaus noch angestrebter) formaler Friedensvertrag mit der unstrittig am Zweiten Weltkrieg alleinschuldigen Macht eine so gewaltige Herausforderung, dass man erst einmal in Verhandlungen über die Beendigung des Kriegszustandes mit Italien, Bulgarien, Rumänien, Ungarn und Finnland Routinen entwickeln wollte. Wie man nämlich die Fehler der Konferenzen in den Pariser Vororten Versailles (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article196245111/Frieden-1919-Versailles-die-Urkatastrophe-des-20-Jahrhunderts.html) , Saint-Germain (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article199996636/Nach-dem-Ersten-Weltkrieg-Beim-Tee-zerstueckelten-sie-das-Habsburgerreich.html) , Neuilly-sur-Seine (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204875518/Voelkerbund-Deshalb-scheiterte-die-Idee-des-ewigen-Friedens.html) , Trianon (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kalenderblatt/article155912510/Im-Frieden-von-Trianon-wird-Ungarn-zerstueckelt.html) und Sèvres (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article204875518/Voelkerbund-Deshalb-scheiterte-die-Idee-des-ewigen-Friedens.html) 1919/20 diesmal vermeiden könnte. Zweitens gab es anders als bei den fünf ehemaligen Verbündeten im Sommer 1946 überhaupt noch keine legitime deutsche Regierung, die hätte verhandeln können. Im Gegenteil: Die drei Hauptsiegermächte und, als Entgegenkommen der USA und Großbritannien, Frankreich hatten das nach der Potsdamer Konferenz im Sommer 1945 bereits territorial verkleinerte Deutschland in Besatzungszonen aufgeteilt. Wann es eine nationale Regierung geben würde, stand ein Jahr später noch in den Sternen. Als Gastgeber eröffnete Frankreichs Ministerpräsident Georges Bidault die Konferenz. In seiner Rede beteuerte er: „Wir sind überzeugt, dass alle unsere Länder im Geiste einer freundschaftlichen Zusammenarbeit an der bedeutenden Aufgabe arbeiten werden, die ihnen übertragen worden ist.“ Die vier Siegermächte hatten 17 Staaten eingeladen, über den Frieden mit den fünf ehemaligen Hitler‑Verbündeten stimmberechtigt mitzuverhandeln, um eine Grundlage für künftig friedliche Beziehungen in Europa zu legen. Sieben weitere Länder nahmen mit Beobachterstatus teil. Doch im Kern ging es um zwei Nationen: Italien und Finnland. Denn beide hatten es verstanden, sich 1944 dem direkten Zugriff der Sowjetunion zu entziehen. Die gemeinsamen Verhandlungen in Paris dauerten bis Ende Oktober 1946. Dann verlagerte sich die Ausarbeitung der Dokumente in diplomatische Zirkel. Schließlich wurden am 10. Februar 1947 die Verträge förmlich unterzeichnet. Wenig überraschend war, dass Italien sein unter dem faschistischen Diktator Mussolini zusammengeraubtes, aber faktisch bereits 1943 verlorenes Kolonialreich in Nordafrika auch formal abgeben musste. Ebenso die Rückabwicklung der Grenzverschiebungen in Europa, die 1938 bis 1941 unter Hitlers Ägide stattgefunden hatten, etwa infolge des Münchner Abkommens oder durch die beiden „Wiener Schiedssprüche“. Die Halbinsel Istrien ging zum größten Teil an Jugoslawien. Dagegen durfte Italien das 1920 von Österreich abgetretene Südtirol behalten – die Regierung in Wien verzichtete auf Einwände. Schmerzhafter waren die Regelungen über Kriegsreparationen. Italien sollte (nach dem Goldwert vom 1. Juli 1946) insgesamt 360 Millionen US-Dollar zahlen, abgestuft an Jugoslawien, Griechenland, die Sowjetunion, Äthiopien und Albanien. Diese Summe entsprach etwa 310 Tonnen 24-karätigem Gold oder nach heutigem Goldwert etwa 40 Milliarden Dollar. Die Banca d’Italien hatte jedoch 1939 nur etwa 120 Tonnen Gold gelagert, die zudem bis 1945 auf nur noch 20 Tonnen zurückgegangen waren. Das deutlich kleinere Finnland sollte 300 Millionen Dollar Reparationen an die Sowjetunion bezahlen – auch wenn die Goldreserve des Landes 1939 bei nur sieben Tonnen gelegen hatte. Umgerechnet wären etwa 260 Tonnen Gold abzuliefern gewesen, natürlich gestreckt auf viele Jahre und vorwiegend abgezweigt aus der laufenden (Industrie-)Produktion. Die Reparationsforderungen der Sowjetunion an Ungarn, Bulgarien und Rumänien betrugen insgesamt noch einmal 500 Millionen Dollar (= 430 Tonnen Gold). Doch das war eher theoretisch, denn alle drei Länder waren von sowjetischen Truppen besetzt, die ohnehin requirierten, was sie konnten. 1948 erließ Stalin Finnland sowie Ungarn, Rumänien und Bulgarien jeweils die Hälfte der Schulden – sie hätten ohnehin nicht bezahlt werden können. Wie hoch nach diesen Maßstäben Reparationsforderungen an ein wiedervereinigtes Deutschland ausgefallen wären, kann man sich kaum ausmalen. Im Gespräch war beim Treffen der „Großen Drei“, Roosevelt, Churchill und Stalin, in Jalta Anfang 1945 eine Größenordnung von 20 Milliarden Dollar – also das 55-fache der Forderung an Italien. Die Ansprüche der anderen von der Wehrmacht besetzten und verwüsteten Länder waren zu dieser Zeit noch nicht einmal quantifiziert. Es wäre ganz sicher um den Gegenwert von mehreren Tausend Tonnen Gold gegangen – bei einer gesamten weltweit existierenden Goldmenge von etwa 32.000 Tonnen im Werte von etwa 36 Milliarden US-Dollar Ende 1945, von denen zwei Drittel in den USA lagerten. Die Forderungen an Deutschland waren auf einer kleineren Pariser Konferenz im Januar 1946 besprochen worden. Die dabei gegründete Kommission sollte die im Potsdamer Abkommen festgelegten Regeln praktisch umsetzen – doch die Weltpolitik und speziell der Kalte Krieg überholten die Diplomaten: Im Londoner Schuldenabkommen 1953 wurde die Klärung der Reparationsforderungen an Deutschland auf die Zeit nach der Wiedervereinigung vertagt. Eine solche Friedenskonferenz mit dem vereinigten Deutschland gab es allerdings nie. 1990 trat der Zwei-plus-Vier-Vertrag (verlinkt auf https://www.auswaertiges-amt.de/resource/blob/243466/2851e102b97772a5772e9fdb8a978663/vertragstextoriginal-data.pdf) an die Stelle eines formellen Friedensabkommens: Als „Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland“ war klar, dass es völkerrechtlich danach keinen Handlungsbedarf mehr als Folge des Zweiten Weltkrieges geben sollte. Für die Bundesrepublik war das ein absoluter Glücksfall, denn alle ehemaligen Feindstaaten erkannten diese Regelung an. Auch wenn in Polen (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article198772721/Reparationen-Warum-in-Polen-850-Milliarden-gefordert-werden.html) und Griechenland (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article196642623/Reparationsforderungen-Linkspartei-deutet-Gutachten-um.html) politische Hardliner das weiterhin bestreiten und aus meist innenpolitischen Gründen Reparationen fordern.