Welt 18.07.2026
07:39 Uhr

Das „Jahrhundert-Bauwerk“ hielt keine sechs Wochen


Mehr als eine Milliarde Mark hatte die alte Idee gekostet, den Hamburger Hafen mit dem westdeutschen Kanalnetz zu verbinden. Am 18. Juli 1976 war der Traum vorerst ausgeträumt. Die Bundeswehr verhinderte noch Schlimmeres.

Das „Jahrhundert-Bauwerk“ hielt keine sechs Wochen

Die feierliche Eröffnung lag erst gut vier Wochen zurück: Am 15. Juni 1976 hatten Bundesverkehrsminister Kurt Gscheidle, der Hamburgs Erster Bürgermeister Hans-Ulrich Klose und Ernst Albrecht, der Ministerpräsident von Niedersachsen, den 115 Kilometer langen Elbe-Seitenkanal (verlinkt auf https://www.gdws.wsv.bund.de/DE/wasserstrassen/01_bundeswasserstrassen/05_westdeutsches_Kanalnetz/ESK.html) offiziell dem Betrieb übergeben. Doch schon am 18. Juli 1976 brach der Damm an einer Unterführung für die Landwirtschaft von Ebensberg nach Nutzfelde. Etwa vier Millionen Kubikmeter Wasser fluteten das Gebiet östlich von Lüneburg auf einer Fläche von fast 15 Quadratkilometern. Begonnen hatte dieser Juli-Sonntag wie andere Sommersonntage auch: Im Scharnebecker Hof, einem Gasthaus am gleichnamigen Schiffshebewerk (verlinkt auf https://schiffshebewerk-scharnebeck.de/) , rüstete sich die Wirtin für den Ansturm der Gäste, die seit der Eröffnung des Kanals jedes Wochenende das seinerzeit weltgrößte Bauwerk dieser Art in Betrieb sehen wollten. Bis zu 38 Meter hoben hier zwei gewaltige Tröge Schiffe einer Länge bis zu 100 Metern, elf Metern Breite und drei Metern Tiefgang. Doch die Besucher, die dann am 18. Juli kamen, waren beruflich unterwegs – und hatten keine Zeit, im Scharnebecker Hof einzukehren. Es waren Feuerwehrleute, Polizisten, Sanitäter, Mitarbeiter des Technischen Hilfswerks sowie ganze Einheiten des Bundesgrenzschutzes und der Bundeswehr. Gegen 10.30 Uhr begann es, genau am Kanalkilometer 102,7 und ohne jede Vorwarnung. Mit eigenen Augen sah niemand den Moment des Bruchs – am Sonntagvormittag sind auch in Niedersachsen wenig Bauern auf dem Feld unterwegs. So konnte man nur anhand des Schadensbildes rekonstruieren, was passiert sein dürfte. Die Wasserstraße, die in einem von Nord nach Süd ausgerichteten Damm verläuft, überquert hier den Wirtschaftsweg – und genau hier, an der Nahtstelle der Kanalsohle und der Brückenkonstruktion darunter, riss der westliche Damm auf. Als ob eine Riesenfaust zugeschlagen hätte, wurde die viele Tonnen schwere Konstruktion nach draußen gedrückt. Der Wasserdruck vergrößerte das Leck immer weiter, und bald waren die Felder und Waldgebiete nördlich der Bundesstraße 216 von Lüneburg nach Lüchow-Dannenberg mehr oder minder stark überflutet. Rund hundert Häuser wurden überflutet, teilweise weggespült, mehrere Straßen zerstört. Hubschrauber mussten Menschen von Hausdächern in Erbstorf retten – befahrbare Wege gab es nicht mehr und für Boote war der Weg durch das überflutete Gebiet zu hindernisreich. Auf dem Sportplatz des TuS Erbstorf (verlinkt auf https://www.tus-erbstorf.de/verein/vereinsgeschichte/) stand zwei Meter hoch das Wasser, die Tore wurden in benachbarte Vorgärten fortgetrieben. Über Stunden blieb ein Mann vermisst; man sorgte sich bereits, er könnte von den Wassermassen mitgerissen worden sein. Doch dann tauchte er unversehrt wieder auf. An der Bruchstelle tobte das Wasser, braun, brodelnd und rauschend wie ein Wasserfall, aus dem Kanaltrog; beide Seiten wurden von den Fluten immer mehr ausgehöhlt. Allerdings sperrte niemand die Gefahrstelle ab, wie der WELT-Reporterin vor Ort auffiel: „Kinder spielten halsbrecherisch nahe an dem künstlichen Kliff“, schrieb Susanne von Bargen (verlinkt auf https://www.welt.de/print-welt/article409040/Eine-Stadt-zeigt-Herz-So-hilft-Hamburg-den-Opfern-der-Hochwasser-Katastrophe.html) in ihrem Bericht. In dem knapp 40 Kilometer langen Kanalabschnitt zwischen Erbstorf und Jastorf, den beiden der Bruchstelle nächstgelegenen Absperrtoren, befanden sich rund sieben Millionen Kubikmeter Wasser. Um das Auslaufen dieser Menge möglichst zu reduzieren, mindestens aber zu verlangsamen, versuchten die Verantwortlichen vor Ort zuerst, noch am frühen Nachmittag des 18. Juli, das Binnenschiff „Freienthal 1“ in dem bis zu 4,50 Meter tiefen Kanal querzulegen – an einer mit 50 Metern Breite relativ schmalen Stelle. Doch der Plan misslang: Das Schiff konnte nicht rasch genug gedreht werden; außerdem rissen die Halteseile. So blieb es in Längsrichtung auf der Kanalsohle liegen, als das Wasser unter dem Kiel abgeflossen war. Nun kam die Bundeswehr ins Spiel, konkret: das Panzerbataillon 83 (verlinkt auf https://panzerbataillon83.com/) aus Lüneburg: Drei Bergepanzer 2, zum Waten geeignete Räumfahrzeuge auf dem Fahrgestell des Leopard 1 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article146178632/Panzer-Leopard-I-Der-wohl-beste-Kampfwagen-seiner-Zeit.html) , fuhren südlich des Dammbruchs in den reißenden Strom des ausfließenden Wassers bis an die Bordwand des Schiffes. Die 40 Tonnen schweren, kompakten Kettenfahrzeuge boten den Wassermassen zu geringe Fläche bei gleichzeitig zu hohem Gewicht, um weggespült zu werden. Kaum standen die drei Panzer im Wasser, beruhigte sich der Abfluss. Doch es dauerte noch Stunden, bis die Lücken zwischen den Fahrzeugen mit Sandsäcken verkleinert, die improvisierte Sperre mit Autowrack und Müllcontainern verstärkt und schließlich mit Spundwänden einigermaßen abgedichtet wurde. Immerhin: Dank der Panzer bekamen die Helfer den Kanal zwar nicht völlig dicht, aber verlangsamten den Abfluss wesentlich. Das Bataillon kannte den Elbe-Seitenkanal gut, denn für den Fall eines Angriffs des Warschauer Paktes auf die Nato (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article119445108/Kalter-Krieg-Wie-die-NVA-die-Bundesrepublik-erobern-wollte.html) war das Bauwerk als zusätzliches Hindernis konzipiert. Die Soldaten der zuständigen Panzerbrigade 8 der Bundeswehr wussten, dass alle Brücken und Unterführungen zur Sprengung, mindestens aber zur Sperrung vorbereitet waren. Dass sie den Kanal am Auslaufen hindern müssten, hatte aber niemand erwartet. Bis zum späten Abend hatte sich der Wasserstand im Kanal nördlich des Sperrtores Jastorf um fast zwei Meter gesenkt. Schätzungsweise 2,5 bis drei Millionen Kubikmeter Wasser wurden trotzdem noch am Ausfließen gehindert. Die unmittelbaren Schäden durch den Dammbruch wurden auf 50 bis 100 Millionen Mark geschätzt; sie wären ohne die Panzer sicher weiter gestiegen. Mit dem 1,2 Milliarden Mark teuren Kanalprojekt, an dem man seit 1968 gebaut hatte, war ein jahrzehntealter Plan Wirklichkeit geworden: Hamburgs Hafen wurde an das westdeutsche Kanalnetz angeschlossen. Um für Binnenschiffe der Europa-Klasse (bis zu 1350 Tonnen Tragfähigkeit) befahrbar zu sein, mussten zwei gigantische Bauwerke errichtet werden – neben dem Schiffshebewerk in Scharnebeck die Schleuse Esterholz bei Uelzen. Die Reparatur des Schadens dauerte elf Monate, bis Juni 1977. Dabei wurden die Dämme beiderseits des Kanaltrogs auf fast ganzer Länge deutlich verstärkt. Außerdem baute man sämtliche Unterführungen für Straßen, Wege und Bäche massiv aus. Denn auch wenn aufgrund der Zerstörung durch die Fluten die Beweise vernichtet waren: Die wahrscheinlichste Erklärung für den Dammbruch blieb, dass die Nahtstelle von Kanalsohle und Unterführung undicht gewesen war. Seit der Flutung des Kanals im Frühjahr 1976 war hier Wasser durchgesickert und hatte den Trog an einer der empfindlichsten Stellen geschwächt. Ob es sich um Pfusch am Bau handelte oder um eine planungsseitig zu schwache Auslegung, konnte nie geklärt werden. Alle möglichen Spuren waren fortgespült, Ermittlungen mussten deshalb ins Leere laufen. Es blieb die Erleichterung, dass kein Mensch bleibende Schäden davongetragen oder sogar sein Leben verloren hatte.