Kyjiw, Ukraine (17.7.)
»Nein zu einer Armee nach Sowjetstil!«, rufen die Menschen in Kyjiw. Auf den Plakaten steht: »Holt Fedorow zurück«. Seit der überraschenden Absetzung des beliebten Verteidigungsministers am Mittwoch gibt es landesweit Proteste – und viel Frust:
Serhij, Demonstrant:
»Was mich am meisten stört, ist die fehlende Kommunikation zwischen der Regierung und der ukrainischen Bevölkerung. Warum genau wurde der Verteidigungsminister abgelöst?«
Dass die Absetzung eines Ministers Menschen zu Protesten auf die Straßen treibt, ist ungewöhnlich. Doch Mychajlo Fedorow ist äußerst beliebt bei den Menschen. Der 35-Jährige ist technikaffin und galt als Reformer.
Charkiw (16.7.)
Auch in Charkiw, unweit der Front, gingen Tausende Menschen auf die Straße. Wo sonst Rücktritte gefordert werden, fordern Demonstrierende hier genau das Gegenteil.
Dmytro, Veteran und Demonstrant
»Er ist einer der ganz wenigen Menschen, für die ich wirklich bereit bin, auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. Sie entlassen ausgerechnet jemanden, der in nur sechs Monaten phänomenale Ergebnisse erzielt hat.«
In nur sechs Monaten im Amt hat Fedorow die Digitalisierung der Streitkräfte und den Einsatz von Drohnen im Krieg maßgeblich vorangetrieben – und alte Systeme hinterfragt. Dadurch kam es zu Konflikten mit Armeechef Syrskyj, einem Mann der alten Schule. Vor der Presse quittiert Fedorow:
16.7.
Mychajlo Fedorow , Ex-Verteidigungsminister:
»Anstatt einen Weg zu finden, Russland asymmetrisch zu besiegen – was die Aufgabe des Oberbefehlshabers ist –, hat Syrskyi einen Weg gefunden, das Land zu spalten.«
Die Personalie ist Teil einer größeren Regierungsumbildung. Das Parlament stimmte am Donnerstag für eine neue Regierung unter Führung des neuen Ministerpräsidenten Serhij Korezkyj, einem ehemaligen Energiemanager.
Zum neuen Verteidigungsminister ernannte Präsident Selenskyj den amtierenden SBU-Chef Viktor Chmara. Er habe sich bei technologischen Kampfeinsätzen besonders hervorgetan. Zunächst wird Chmara das Amt kommissarisch leiten – die Bestätigung durch das Parlament steht noch aus.
Kyjiw (17.7.)
Die Solidarität auf der Straße gilt weiter dem Entlassenen; einige hier haben noch Hoffnung:
Valeriia, Demonstrantin:
»Ich bin fest davon überzeugt, dass die Regierung letztendlich doch auf die Forderungen der Bevölkerung hören wird. Ich hoffe es.«
Die Schlammschlacht um den Posten des Verteidigungsministers kennt aus Sicht vieler hier nur einen Gewinner: Der Kreml freut sich über jede Uneinigkeit.