Die Bewegung ist fließend, einstudiert und blitzschnell: ein paar Schritte nach vorn, eine rasche Drehung des Oberkörpers, ein kräftiger Schwung mit dem Arm. Dann lässt Malte die Scheibe los. Sie saust durch die Luft, leitet eine sanfte Linkskurve ein und verschwindet weit entfernt hinter einem Hügel – ungefähr dort, wo der Korb steht. »Das war ganz okay«, sagt Malte. »Aber es geht noch besser.«
Malte spielt Discgolf. Bei der Sportart geht es darum, Frisbees mit möglichst wenigen Versuchen in Körbe zu werfen. An Letzteren sind Metallketten befestigt, damit sich die Frisbees im Ziel verfangen, statt davon abzuprallen. Der erste Wurf erfolgt beim Discgolf von einem festen Startpunkt aus. Danach muss immer von dort aus geworfen werden, wo die Scheibe nach dem vorherigen Wurf gelandet ist.
Wie beim Golf oder Minigolf setzt sich ein Discgolf-Kurs aus mehreren Bahnen zusammen. Kleine Kurse bestehen meist aus 9 Bahnen und volle Kurse aus 18. Malte spielt gerade einen Kurs in einem Stadtpark in Hannover. »Der hat 15 Bahnen, was eher untypisch ist«, sagt der Elftklässler, während er auf den Hügel zugeht, hinter dem seine Scheibe verschwunden ist.
Einige Schritte später hat Malte sein Frisbee entdeckt. Es liegt unter einem Baum, etwa zehn Meter vom Korb entfernt. Malte beugt sich zu seinem Rucksack. Als er den Verschluss öffnet, wird es bunt. Eine Reihe neonfarbener Frisbees kommt zum Vorschein: Sie leuchten grün, gelb, pink, blau, weiß und violett. »Ich habe ungefähr 20 Stück dabei, und zu Hause liegen noch viele weitere.«
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Im Discgolf gibt es für jede Spielsituation eine passende Scheibe. Sie unterscheiden sich in Gewicht, Material, Höhe und Tiefe. »Scheiben mit breiterem Rand fliegen weiter, sind also für lange Distanzen am besten«, erklärt Malte. »Es gibt auch Scheiben für mittlere Distanzen oder für Links- und Rechtskurven.« Für den finalen Wurf in den Korb eignen sich sogenannte Putter am besten. »Sie fliegen langsamer, aber recht kontrolliert.«
Malte greift sich einen seiner Putter, begibt sich in Position, fixiert sein Ziel und wirft. Treffer! Für die 75 Meter vom Startpunkt bis zum Korb hat der 17-Jährige bloß zwei Würfe gebraucht. Eigentlich ganz einfach, oder?
Nein, Malte hat es bloß leicht aussehen lassen. Wenn ein Anfänger zur Scheibe greift, zeigen sich die Frisbees von einer anderen Seite: Sie flattern kläglich in der Luft, senken sich bereits nach 20 Metern ab, prallen unkontrolliert gegen Baumstämme oder verschwinden in einem Strauch Brennnesseln. »Man braucht ein paar Würfe, bis man den Dreh raushat«, sagt Malte. Spaß macht es aber schon vorher.
Für Malte ist Discgolf inzwischen mehr. Vor rund drei Jahren hat er mit dem Spielen angefangen. Heute gehört er deutschlandweit zu den besten Discgolfern seiner Altersgruppe. Er steht im Junioren-Nationalkader und nimmt überall im Land an Turnieren teil. »Während der Saison von März bis Oktober bin ich fast jedes Wochenende unterwegs«, sagt er. Bei längeren Anreisen lässt sich Malte von der Schule freistellen. »Ich habe zum Glück eine total coole Klassenlehrerin und eine Schule, die mir das ermöglichen.«
Ein Profi ist Malte allerdings noch nicht. »Ich wäre gern eines Tages bei der Pro Tour dabei, aber dafür muss ich noch besser werden.« Die Pro Tour ist so etwas wie die Champions League im Discgolf. Sie wird größtenteils in den USA ausgetragen, der Heimat der Sportart. Ein US-Amerikaner hat sie in den Siebzigerjahren erfunden. Aus dem Land kommen die weltweit besten Spielerinnen und Spieler. »Um mit denen mitzuhalten, fehlt es mir an Konstanz und Weite.«
Dabei legt Malte mit seinen Scheiben bereits lange Strecken zurück: Er kann sie bis zu 130 Meter weit werfen. Auf dem Kurs in Hannover misst die längste Bahn 105 Meter. Um die Entfernung zum Ziel besser einschätzen zu können, hat Malte immer einen Distanzmesser dabei. Er zeigt an, wie viele Meter ein Korb entfernt ist. »Das hilft mir bei Bahnen, die ich noch nie oder selten gespielt habe.« In Hannover braucht Malte das Gerät nicht. »Dafür kenne ich mich mit diesem Kurs zu gut aus. Ich habe ihn rund 250-mal gespielt.«
Freestyle, Ultimate, DDC – die Welt der Disc-Sportarten ist vielfältig. Einen Überblick behält der im Jahr 1990 gegründete Deutsche Frisbee-Sportverband. Speziell zu Discgolf informiert der DFV unter www.discgolf.de .
Heute ist Malte hier der einzige Discgolfer. Das könnte am Wetter liegen: Es nieselt. »Eigentlich ist Regen beim Discgolf nicht weiter schlimm«, sagt Malte. Schirm, Jacke und Handtücher würden helfen. Das wahre Problem sei der Wind. »Er ist unberechenbar und beeinflusst die Flugbahn.« Deshalb hat Malte immer einige Stücke Kreide in einer Socke dabei. »Wenn ich mir damit in die Hand schlage, entsteht Kreidestaub, der mich die Windrichtung erkennen lässt.« Außerdem hilft die Kreide, schwitzige Hände zu trocknen.
Anfängerinnen und Anfänger brauchen solche Hilfsmittel eher nicht. Hierzulande ist Discgolf mehr Freizeitvergnügen als Wettkampf. Als Sportart wird der Frisbeespaß in Europa erst langsam bekannter. »In Skandinavien ist der Sport bereits viel größer als bei uns«, sagt Malte, der im Finnland-Urlaub das erste Mal zur Scheibe gegriffen hat. »Es hat mir damals sofort Spaß gemacht. Das Tolle an Discgolf ist, dass es jeder ausprobieren kann. Die meisten Kurse sind öffentlich zugänglich, und ein Starter-Set Scheiben bekommt man schon für 20 Euro.«
Malte schultert seinen Rucksack. Für heute hat er genug. Die Bahnen in Hannover hat er in wenigen Würfen absolviert. Wie oft schaffen es gute Discgolferinnen und Discgolfer eigentlich, die Scheibe mit nur einem Versuch im Korb zu versenken? »Extrem selten«, antwortet Malte. »Das ist wie beim Golf: mehr Glück als alles andere.«
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