SpOn 19.09.2026
15:13 Uhr

Russland: Pussy Riot-Aktivistin Rita Flores über ihre Angst als FSB-Spitzel


Ende August outete sich Rita Flores als Ex-Spitzel des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB: Jetzt verriet die frühere Pussy-Riot-Aktivistin Einzelheiten, wie ihre Führungsoffiziere sie erpressten.

Russland: Pussy Riot-Aktivistin Rita Flores über ihre Angst als FSB-Spitzel

Sie sollte Putin-Gegner denunzieren, regimekritischen Künstlern persönliche Informationen entlocken und schließlich an der Entführung und Ermordung eines Kremlgegners mitwirken: So schilderte die russische Künstlerin Rita Flores, 29, ehemaliges Mitglied des feministischen, kremlkritischen Kollektivs Pussy Riot, Ende August in einem Videogespräch  ihre Aufgaben als »Harley«. Unter diesem Pseudonym arbeitete sie demnach – ihrer Aussage nach wider Willen – rund drei Jahre als Spitzel für den russischen Inlandsgeheimdienst FSB.

Wenige Tage zuvor war die 29-Jährige aus Russland geflohen. Im »Guardian«  sprach Flores jetzt über weitere Details ihrer Spitzeltätigkeit, über ihre beiden Führungsoffiziere beim FSB – und darüber, wie es ihr nach ihrer Flucht geht. »Zum ersten Mal seit Jahren fühle ich mich wohl und ruhig«, sagte die 29-Jährige der Zeitung. »Die ganze Zeit über habe ich davon geträumt, hier wegzukommen und über all das sprechen zu können.«

Flores, auch bekannt als Margarita Konovalova, steht den Angaben zufolge seit 2020 mit Pussy Riot in Verbindung. Damals wurde sie nach einem Auftritt in der Nähe des Kreml festgenommen, wie Medien berichteten.  Sie verbüßte mehrere kurze Haftstrafen, wurde öfter überwacht, die Polizei durchsuchte mehrfach ihre Wohnung.

»Ich habe ihnen geglaubt«

Im Februar 2023 wurde die Künstlerin dem »Guardian« zufolge nach einer Hausdurchsuchung vom russischen Geheimdienst angeworben. Zwei Männer seien zurückgeblieben und hätten sich als FSB-Beamte zu erkennen gegeben. Sie hätten Flores gedroht, wegen eines Instagram-Beitrags, in dem sie Tötungen durch russische Streitkräfte in der Ukraine kritisiert hatte, ein Strafverfahren gegen sie einzuleiten. Und angedeutet, sie könnten ihre Mutter ermorden lassen, falls sie die Unterlagen zur Zusammenarbeit mit dem FSB nicht unterzeichne.

»Ich habe ihnen geglaubt«, wird die ehemalige Pussy-Riot-Aktivistin zitiert. »Ich habe ihnen geglaubt, dass sie all das tun könnten, womit sie mir gedroht haben. Meine Angst war übermächtig. Ich sorgte mich sehr um meine Familie und auch um mich selbst.« Vom »Guardian« heißt es, die Zeitung könne Einzelheiten von Flores’ Schilderungen nicht überprüfen und unabhängig bestätigen lassen.

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Als Gegenleistung für ihre Unterschrift erhielt sie nach eigenen Angaben eine einmalige Barzahlung von 30.000 oder 40.000 Rubel, umgerechnet grob 400 Euro. Anfangs sollte Flores, so berichtet sie es dem »Guardian«, Informationen über andere regimekritische Künstler aus ihrem Umfeld sammeln und diese an den FSB weiterleiten.

Die beiden Beamten, die sie angeworben hatten, seien dann zu ihren festen Kontaktleuten geworden, die weitgehend die »Good Cop, Bad Cop«-Masche angewandt hätten. Den ranghöheren Beamten, einen derben Mann Ende vierzig, der sich mit wechselnden Namen vorstellte, habe sie selten zu Gesicht bekommen. Sie habe ihn schließlich »das Sakko« genannt, in Anspielung auf das Outfit, das er häufig getragen habe. Der jüngere Beamte namens Iwan habe oft freundlich und hilfsbereit gewirkt. Konkrete Drohungen habe er meist dem »Sakko« überlassen.

»›Du wirst Russland lieben und eine gehorsame Ehefrau sein‹«

»Wann immer ich mich mit Ivan und ›dem Sakko‹ gemeinsam traf, schwieg Ivan. ›Das Sakko‹ war unhöflich und drohend; er beleidigte mich als Frau. Er war der leibhaftige Teufel. Wenn ich mich dann nur mit Ivan traf, war er nett und freundlich«, erinnert sich Rita Flores. »Er sagte gern: ›Der FSB wird dich umerziehen, ich werde dich umerziehen; du wirst ein schönes, ruhiges Leben führen, Russland lieben, Kinder bekommen und eine gehorsame Ehefrau sein‹.«

Ihre beiden Führungsoffiziere hätten den psychologischen Druck durch wiederholte Drohungen aufrechterhalten; selbst der freundlicher wirkende Ivan habe gelegentlich mit schwerwiegenden Konsequenzen gedroht, falls sie sich ihm widersetze, wird Flores zitiert. »Er sagte ganz ruhig: ›Sie werden deine Mutter umbringen, und du wirst nichts beweisen können‹ oder ›Wenn du ins Ausland gehst, werden sie dich sofort finden und töten‹ – und dann kicherte er, als wäre das alles nur ein Scherz. ›Das Sakko‹ hingegen machte nie Witze. Seine Drohungen waren direkter.«

Im Mai vergangenen Jahres hätten »Ivan« und »das Sakko« schließlich begonnen, sie zu Pjotr ​​Wersilow zu befragen, einem Aktivisten, der früher mit Pussy Riot in Verbindung gebracht wurde, heute in der Ukraine lebt und in der ukrainischen Armee gegen Russland kämpft. Flores zufolge sollte sie Informationen über Wersilow beschaffen und ihre alte Freundschaft zu ihm nutzen, um ein Treffen in Serbien zu arrangieren. Dort sollte er von FSB-Leuten entführt und getötet werden. So berichtet es die junge Frau.

Zu diesem Zeitpunkt, so Flores, habe sie begonnen, ihre Flucht zu planen. Hilfe habe sie dabei von ihrem Anwalt Dimitry Sachwatow erhalten.

»Angst kann einen Menschen verändern«

Flores erklärte dem »Guardian«, sie sei überzeugt davon, dass die FSB-Anwerbung von Personen aus Aktivistenkreisen ein »Massenphänomen« darstelle. In ihrem Umfeld habe es mindestens eine Person gegeben, die sie denunziert habe. Sie habe davon erfahren, als sich herausstellte, dass der FSB über ein heimlich von dieser Person aufgenommenes Sexvideo von ihr verfügte.

Das rund anderthalbstündige Videogespräch, das Flores mit ihrem Anwalt geführt hatte, war in dem kremlkritischen Magazin »Port« veröffentlicht worden. Flores berichtete, sie habe seit der Veröffentlichung Kontakt zu den Personen aufgenommen, die sie denunziert habe; ebenso zu anderen früheren Freunden, um ihr Verhalten zu erklären. Alle hätten, so erzählt es Flores, verständnisvoll reagiert.

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»Es ist kein großes Geheimnis, dass die Arbeit für den FSB keine erstrebenswerte Sache ist, doch Angst kann einen Menschen verändern«, sagte Pussy-Riot-Aktivistin Alechina. Es sei wichtig, dass Flores Russland inzwischen verlassen und offen ausgesprochen habe, was ihr widerfahren sei. Niemand sei ihretwegen getötet oder ins Gefängnis gebracht worden. »Das«, wird Alechina zitiert, »ist also eine gute Nachricht.«

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels haben wir den Spitznamen des FSB-Beamten mit »Jacke« übersetzt, korrekt ist »Sakko«. Wir haben die Angaben korrigiert.

fok