SpOn 08.03.2026
17:09 Uhr

Politik als Brettspiel: Zehn Spiele rund um Wahl, Koalition und Intrigen


Wahlen, Intrigen, Realpolitik: Wir stellen neun Gesellschaftsspiele vor, in denen Politik mit all ihren Facetten simuliert wird – vom »Gnomenparlament« bis »Secret Hitler«.

Politik als Brettspiel: Zehn Spiele rund um Wahl, Koalition und Intrigen

Dieser Testbericht erschien erstmals am 30. August 2024. Wir haben zwei neue Spiele getestet und den Artikel aktualisiert.

Gnomenparlament: Versprochen, gebrochen, bestochen

Gnomenparlament: Eine Frage der Ehre – und der Täuschung

Gnomenparlament: Eine Frage der Ehre – und der Täuschung

Foto:

Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Keine Spur von Politikverdrossenheit im Reich der Gnome! Die kleinen Gesellen sind mit Begeisterung bei der Sache, wenn es darum geht, Gesetze zu erlassen, zu ändern, sie neu auf die Agenda zu heben und damit an den eigenen parlamentarischen Prozeduren herumzuschrauben. Denn das Gnomenparlament befasst sich ausschließlich mit sich selbst.

Dabei wollen die Gnome immer mit der Mehrheit stimmen, weil das als besonders ehrenhaft gilt. Es wird geblufft, getäuscht, versprochen, gebrochen und bestochen, um andere in die Irre zu leiten und selbst gut dazustehen. Das Verhandlungsspiel lebt von den munteren Interaktionen – je mehr mitmachen, desto besser. Manche Gesetze sind permanent, manche wirken nur einmal und sie alle sind willkürlich. Mal wird die einsame Neinstimme belohnt, mal über das Gesetz zur Vermeidung unnötiger Gesetze abgestimmt.

Die Abstimmungen erfolgen geheim, Lobbystimmen können strategisch eingesetzt werden. Wenn der Präsident zu hoch gepokert hat, wird er abgesetzt. Am Ende gewinnt wie immer der Gnom mit den meisten Ehrenpunkten. Der eigentliche Spaß ist aber, über alles und jedes ausgiebig zu diskutieren. Das Spiel von Channing Jones eignet sich für vier bis acht Personen ab zehn Jahren und dauert rund 45 Minuten.


Dindex: Viel Spaß im Kanzleramt

Dindex: Taktieren, täuschen und überraschen

Dindex: Taktieren, täuschen und überraschen

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Unsere ganze Runde stöhnt auf, als Udo einmal mehr ankündigt, mit seinen Wählern in einen »offenen Dialog auf Augenhöhe« über die Probleme unserer Zeit ins Gespräch kommen zu wollen. Wir wissen alle: Der will doch nur billig Wähler abgreifen.

»Dindex« ist die Kurzform für »demokratischer Index«. Das klingt nicht sehr lustig, aber in der schmucklosen kleinen Schachtel befindet sich ein überraschend kurzweiliges und tiefgründiges Kartenspiel. Wir sind, je nach geheim zugeteilter Rolle, Demokraten oder Oligarchen. Die einen wollen die Demokratie bewahren, die anderen Staat und Regierung ins Chaos stürzen.

Man vermutet ein Spiel aus der Langeweilezone der politischen Bildung, mit erhobenem Zeigefinger. Doch dann steckt man mittendrin in einem mitreißenden Geschehen aus politischem Taktieren, Täuschung, überraschenden Koalitionen und Schadenfreude. Als Demokraten gieren wir nach Regierungspunkten und Ministerämtern. Gelingt es, die Karten mit politischen Problemen zu entschärfen, wird auch das belohnt. Als Oligarchen wollen wir den demokratischen Index drücken. Je tiefer wir in die Niederungen von Populismus und Extremismus geraten, desto mächtigere Aktionskarten können ausgespielt werden.

Luft nach oben gibt es bei der Gestaltung und den anfangs etwas schwer zugänglichen Regeln. Aber die kleine Mühe des Einarbeitens lohnt sich, nach ein paar Runden haben alle das Spiel begriffen. Außer im Handel ist »Dindex« auch direkt beim Verlag Adverunde  erhältlich. Es stammt von Lars-Michael Stock, eignet sich für zwei bis sieben Personen ab zwölf Jahren und dauert zwischen 30 Minuten und zwei Stunden.


Friedrich Ebert – Der Weg zur Demokratie: Dringende Briefe

Friedrich Ebert: Welchen Brief lese ich nur zuerst?

Friedrich Ebert: Welchen Brief lese ich nur zuerst?

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Reichspräsident Friedrich Ebert sitzt am Schreibtisch, umgeben von bis zu drei Beratern, und macht Politik. Wie kann er die Spannungen im Volk verringern? Was gehört als Nächstes auf die politische Agenda? In jeder Runde flattern neue Briefe herein, und er muss entscheiden, welches Anliegen am dringendsten ist. In mehreren Kapiteln führt das kooperative Spiel von Jonas André und Martin Thiele-Schwez vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg bis zur Weimarer Republik und stellt reale historische Ereignisse in einen spielerischen Kontext; Historiker haben daran mitgearbeitet, und es hat trotz der leichten Zugänglichkeit eine erstaunliche thematische Tiefe. Mehrere Spielmodi bieten verschiedene Schwierigkeitsgrade.

Das Spiel erscheint im ambitionierten kleinen Verlag Ostia Spiele und kostet rund 30 Euro. Wer einmal ganz allein Friedrich Ebert sein will, kann es aber auch online ausprobieren: Denn das gleichnamige, preisgekrönte Solo-Computerspiel, das dem Brettspiel zugrunde liegt, kann man hier auf der Seite der Ebert-Gedenkstätte  kostenlos online spielen.


Secret Hitler: Wer ist hier Faschist?

Secret Hitler: Fieslinge unter sich

Secret Hitler: Fieslinge unter sich

Foto: Marie-Therese Cramer / DER SPIEGEL

Hitler muss die Augen schließen und den Daumen nach oben recken. Dann wissen die Faschisten, wer von ihnen Hitler ist – aber er weiß nicht, auf wen er sich verlassen kann. Denn die anderen Spieler sind mehrheitlich Liberale; die Faschisten kennen sich untereinander, die Liberalen wissen aber nicht, wer zu welcher Seite gehört. »Social Deduction« nennt sich der Spielmechanismus, bei dem Mutmaßungen über Verbündete, Gegner und besondere Rollen über den Erfolg entscheiden. Es geht darum, klug abzuschätzen, wer zu welcher Fraktion gehört. Bis zu zehn Leute können mitmachen. Das Spiel ist seit seinem Erscheinen fester Bestandteil der Popkultur geworden – und lehrt mit sehr einfachen Mitteln, wie Faschismus funktioniert. 

Die Liberalen müssen entweder Hitler eliminieren oder fünf Gesetze durchbringen, um zu gewinnen. »Secret Hitler« (Autoren: Thomas Maranges, Max Temkin, Mike Boxleiter und Mackenzie Schubert) kann man als fertiges Spiel kaufen – oder, wenn man Zeit und eine gute Schere hat, sich auch mit den auf der Website Secret Hitler  kostenlos herunterladbaren Druckdateien selbst basteln.

Es gab immer wieder Debatten darum, ob es moralisch in Ordnung ist, aus der Nazi-Schreckensherrschaft ein Partyspiel zu machen. Die Herausgeber beantworten das auf ihre Weise: Indem sie in der FAQ-Sektion der Secret-Hitler-Website auf die Frage »Ich glaube nicht, dass Faschismus irgendetwas Lustiges oder Cooles hat. Bei wem kann ich mich beschweren?« als Beschwerdestellen US-republikanische Politiker angeben.


»Voll auf die 18«: Sprücheklopfen gegen Nazis

Voll auf die 18: Argumente in Höhe des IQ

Voll auf die 18: Argumente in Höhe des IQ

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

»Wenn du kein Nazi mehr bist, dann musst du deinen Döner nicht mehr heimlich essen« oder auch »Gerüchte zu verbreiten ist einfacher, als in Wacken Freibier loszuwerden«: In dem vergnüglichen, kooperativen Kartenspiel des Kleinkünstlers und Autors Marc-Uwe Kling (»Die Känguru-Chroniken«) geht es laut Autor darum, Nazis davon zu »überzeugen, dass es doof ist, Nazi zu sein«. Dafür spielt man Argumente aus, deren Zahlwert genau dem IQ des jeweils zu überzeugenden Nazis entsprechen.

Das Ganze läuft unter Zeitdruck: Schneller als im Minutentakt tauchen neue Rechtsradikale auf, wann das passiert, gibt eine spielbegleitende App vor. Die Herausforderungen werden dabei immer schwieriger – wenn die Gruppe alle 18 Kapitel geschafft hat, generiert die App zufällige neue.


Die Macher: Mutter der Politikspiele

»Die Macher: Komplexe politische Herausforderungen

»Die Macher: Komplexe politische Herausforderungen

Foto: Spielworxx

Das mehrstündige Strategiespiel von Karl-Heinz Schmiel simuliert eine Bundestagswahl, mit Schattenkabinetten, Parteiprogrammen, Meinungskarten und Spendengeld. Es ist schon fast 40 Jahre alt – wer das Glück hat, auf dem Flohmarkt oder im Netz noch eine alte Version zu ergattern, macht also einen Abstecher in die bundesdeutsche Geschichte: Im Original waren nur die westlichen Bundesländer enthalten, die Themen der Parteien sind ganz andere als heute. Es kamen im Laufe der Jahre noch mehrere überarbeitete und aktualisierte Fassungen für bis zu fünf Spielerinnen und Spieler heraus; zuletzt gab es vor vier Jahren eine Crowdfunding-Kampagne, die das Spiel noch einmal modernisierte.


Hegemony: Klasse Kampf, der Klassenkampf

Hegemony: Widerstreitende Interessen

Hegemony: Widerstreitende Interessen

Foto: Maren Hoffmann / DER SPIEGEL

Arbeiterklasse gegen Kapitalisten, Mittelschicht gegen Staat, alle gegen alle: Vier Gruppierungen streben nach der Hegemonie, nach der Vormachtstellung im Staat, gegen fragile Allianzen, und versuchen, ihre Interessen durchzudrücken. Dabei spielt jede Fraktion nach eigenen Regeln, was taktische Erwägungen besonders reizvoll macht.

»Hegemony« von Varnavas Timotheu und Vangelis Bagiartakis macht das Ineinandergreifen verschiedener gesellschaftlicher Kräfte sowie politische Auseinandersetzungen über Gesetze erlebbar – und zeigt, wie der Staat durch deren Einfluss seine Position zwischen Sozialismus und Neoliberalismus findet. Die Arbeiterklasse verlangt hohe Löhne und Sozialleistungen, die Mittelschicht ächzt unter den Abgaben, der Staat will die Staatspleite vermeiden und die Kapitalisten denken gern an sich selbst, verkaufen das aber als Fortschritt. Eine ausführliche Besprechung gibt es hier.


Wir sind das Volk: Wirtschaftswunder und Wende

Wir sind das Volk: Osten oder Westen?

Wir sind das Volk: Osten oder Westen?

Foto: histogame

Bei diesem preisgekrönten, hochpolitischen Spiel von Peer Sylvester und Richard Sivél stehen Ost- und Westdeutschland einander gegenüber. Eigentlich ist es ein Zwei-Personen-Spiel, das aber mit der 2017 erschienenen Erweiterung »2 + 2« auch zu viert spielbar ist. Die Republik ist geteilt, jeder ist Oberhaupt eines der beiden Deutschlands und will innere Unruhen im Land bewältigen und die Wirtschaft voranbringen.

Lustigerweise gab es anfangs Kritik, weil der Westen immer bessere Chancen aufs Gewinnen zu haben schien – bis ein Spieler ein Schlupfloch in den Regeln entdeckte, das der DDR einen fast sicheren Sieg schenkte. Daraufhin wurden allerdings die Regeln offiziell angepasst.

Historische Ereigniskarten treiben das Spielgeschehen voran und verlangen kluge taktische Entscheidungen. Wie kann man die Bevölkerung beglücken? Wie geht man mit Ölkrise und Montagsdemos um? Die DDR gewinnt übrigens, wenn sie bis Spielende nicht zusammenbricht.


Zoocracy: Wal-Wahlen und Löwenanteile

Zoocracy: Futter macht Stimmvieh

Zoocracy: Futter macht Stimmvieh

Foto: Haas Games

Wer politische Spiele mit Abstimmungen, viel interaktiven Aktionen und Strategien mag, aber lieber frei von historischen oder aktuellen Gegebenheiten, kann es mit dieser tierischen Variante versuchen. Jeder bekommt eine Fraktion zugeteilt, die klug Futter verteilt, um an Wählerstimmen zu kommen. Man strebt nach Ämtern, setzt als Opposition die Regierung unter Druck und macht harten Wahlkampf. Nach der Wahl geht es um Koalitionen und darum, eigene politische Ziele auf die Schiene zu bringen.

Alle zwei Runden wird ein Präsident gewählt – den man aber über ein Misstrauensvotum auch wieder wegmobben kann. Schließlich können einige zufällige Ereignisse die Situation immer wieder durcheinanderbringen und die Spieler dazu zwingen, ihre Pläne zu ändern.


Hintergrund: Produkttests im Ressort Tests