Seit den Sommermonaten gibt es zu wenig Wasser in deutschen Flüssen und Seen. Dieser Trend setzt sich im Oktober fort. Weil es kaum regnet, entspannt sich die Lage nur wenig. So fiel der Pegelstand des Bodensees am Wochenende unter die Marke von 2,50 Metern. Der Wasserstand liegt damit derzeit auf einem für die Jahreszeit extrem niedrigen Niveau.
Bodensee am vergangenen Wochenende in Ermatingen: Pegel fällt unter 2,50 Meter
Foto: Gian Ehrenzeller / KEYSTONE / dpaWegen der anhaltenden Trockenheit und weil der See ab dem Spätsommer üblicherweise Wasser verliert, rechnet die Landesanstalt für Umwelt in den kommenden Wochen mit einem weiteren Absinken. Nach Angaben der Fachleute fehlte nach einem schneearmen Winter das Schmelzwasser aus den Alpen. Dazu kamen seit Monaten zu geringe Niederschläge und eine hohe Verdunstung während des warmen Sommers.
Auch in vielen Flüssen sind die Wasserstände weiterhin extrem niedrig. Besonders betroffen ist der Rhein, der wegen anhaltender Trockenheit sehr wenig Wasser führt. Bereits im August und September wurden etwa teils Rekordniedrigstände und sogar Negativ-Pegelwerte im Rhein gemessen. Zwar stieg der Pegel in Düsseldorf seit Montag von minus neun auf minus einen Zentimeter, eine deutliche Entspannung ist aber nicht in Sicht.
In Kaub, Köln und Düsseldorf erwarten die Prognosen kaum Veränderungen. Für eine Erholung brauche es etwa zwei Wochen Landregen, besonders im Südwesten, sagt Jens Schwanen vom Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt. Auf dem Mittelrhein zwischen St. Goar und Mainz fahren nur noch vereinzelt Güterschiffe; sie können weniger Ladung aufnehmen. Bei Fahrrinnentiefen von 1,20 bis 1,50 Metern könnten viele Schiffe nicht mehr verkehren.
»Im Moment speist sich der Rhein – grob gesagt – nur noch aus Kläranlagen, Gletschereis und ein bisschen Grundwasserzufluss«, erläutert Florian Krekel vom Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt in Bingen. Bei den Gletschern in den Alpen dürfte die »Abschmelzrate« aber bald zurückgehen, weil die Sonne nicht mehr so stark scheinen werde wie in den vergangenen Monaten. Das Grundwasser regeneriere sich eher nicht in warmen und trockenen Zeiten mit Verdunstung und durstiger Vegetation. »September und Oktober sind die klassischen Niedrigwassermonate«, sagt Krekel. Nicht zuletzt die Binnenschiffer warten daher sehnlich auf ergiebigen Herbstregen.
Mittlerweile kommt es auch zu Kollateralschäden: In Düsseldorf saß ein Frachter tagelang mit Mercedes-Transportern auf einer Sandbank fest. In Neuss legte das Niedrigwasser eine Weltkriegsbombe frei. Weißer Phosphor entzündete sich an der Luft; die Feuerwehr ließ die Munition kontrolliert abbrennen.
Problematisch sind auch ausbleibende oder kostspieligere Lieferungen, da bei Niedrigwasser weniger oder nicht durchgängig Waren auf dem Wasserweg transportiert werden können. Am Rhein liegen bedeutende Industriezentren wie Duisburg und Mannheim sowie der Chemiestandort Ludwigshafen.
Ähnlich dramatisch sind die Pegelstände in der Donau. Auch hier ist bisher keine Erholung in Sicht.
Bundesumweltminister Schneider fordert einen neuen Umgang mit Wasser
In ganz Westeuropa gab es laut EU-Klimawandeldienst Copernicus diesen Sommer zu wenig Niederschlag und extrem hohe Temperaturen – mit einer Durchschnittstemperatur von 21,7 Grad Celsius lagen die Werte 2,5 Grad über dem Schnitt der Jahre 1991 bis 2020. Durch die hohe Verdunstung, weniger Schmelzwasser aus den Bergen und lange Trockenperioden floss viel weniger Wasser durch Europas Flüsse als üblich, sie verzeichneten im Sommer die niedrigsten mittleren Abflussmengen seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1992. Folge sei ein erhöhter Druck auf Bewässerung, Kühlung von Kernreaktoren, Wasserkraft, Süßwasserverfügbarkeit und Energieversorgung gewesen.
Niedrigwasser am Rhein in Köln: Die deutsche Wirtschaft ist bedroht
Foto: Marc John / IMAGOAngesichts der anhaltend niedrigen Pegelstände deutscher Gewässer hat Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) die Bundesländer zu massiven Investitionen in die Wasserinfrastruktur aufgerufen. »Die Lage am Rhein und am Bodensee ist eine dramatische Belastung, nicht nur für die Natur, sondern auch für die Wirtschaft«, sagte Schneider dem »Kölner Stadt-Anzeiger« am Sonntag. Deutschland benötige einen anderen Umgang mit Wasser, betonte der Minister. »Die Länder tun gut daran, die Mittel aus dem Sondervermögen zu einem guten Teil in die Wasserinfrastruktur zu investieren«, sagte Schneider. Die Verfügbarkeit von Wasser sei ein zentraler Faktor für Sicherheit und Wirtschaft.
Bei einer Sonderkonferenz am Montag in Berlin will Schneider mit EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall über Möglichkeiten eines neuen Umgangs mit Wasser sprechen. Teilnehmen werden Vertreter von Ländern, Unternehmen und Verbänden.
