1. Die Politdarstellerin Wagenknecht zündelt
Die Blicke richten sich aktuell auf die bevorstehende Wahl in Sachsen-Anhalt. Wie auch immer das Ergebnis ausfällt – es wird wohl die politische Tektonik der Bundesrepublik nachhaltig verändern. Dabei geht fast unter, wie prekär die Lage gerade in Thüringen ist. Nicht ausgeschlossen, dass die Koalition aus CDU, SPD und BSW auseinander kracht, bevor im Nachbarland gewählt wird. Als Brandstifterin betätigt sich – mal wieder – BSW-Gründerin Sahra Wagenknecht. (Lesen Sie hier einen Kommentar dazu )
Parteigründerin Wagenknecht, Weggefährten: Gegen ihren Widerstand
Foto: Michael Kappeler / dpaZwischen dem Landes- und Bundesvorstand des BSW ist ein offener Streit über die Thüringer Regierungsbeteiligung ausgebrochen. Die Handlungsfähigkeit der Koalition im Erfurter Landtag war vom Tag eins ihrer Existenz labil, da sie nur exakt über die Hälfte der Abgeordneten verfügt und somit bei allen Abstimmungen auf die Stimmen der Linken angewiesen ist. Zwei wichtige Vertreter des Wagenknecht-Lagers im Thüringer BSW stellen die Koalition von Ministerpräsident Mario Voigt nun infrage, weil der seinen Doktortitel verloren hat.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass es ihnen herzlich egal ist, ob der einen Titel trägt: Sie exekutieren, was Wagenknecht aus der Ferne vorgibt. Sie kann die Zündelei nicht lassen. Obwohl weder sie noch Thüringens AfD-Chef Björn Höcke aktuell zu einer Wahl stehen, flirtet Wagenknecht mit dem Rechtsextremen und bittet ihn zum TV-Duell. Die Gesellschaft ist polarisiert wie nie, doch statt auf Ausgleich zu setzen, macht die Politdarstellerin Stress, wo sie nur kann. Wie groß muss ihr Geltungsdrang sein?
Am Samstag stellt sich Voigt zur Wiederwahl als Thüringer CDU-Vorsitzender. Zumindest seine Partei steht hinter ihm. Voigt hat sich heute kämpferisch gezeigt: »Wir lassen uns nicht auseinandertreiben und Thüringen nicht zum Spielball parteitaktischer Manöver machen.«
Lesen Sie hier mehr: Zerbröselt jetzt das BSW?
2. Der Gegenwind für Infantino nimmt zu
Der frühere DFB-Präsident Wolfgang Niersbach bringt den Chef der Confederation of North, Central America and Caribbean Association Football (Concacaf), Victor Montagliani, als einen möglichen Gegenkandidaten für Fifa-Präsident Gianni Infantino ins Spiel. Montagliani sei ein »fähiger Mann«, sagte Niersbach »T-Online«. Infantino will im März 2027 erneut für das Amt kandidieren. Die Organisation FairSquare fordert seinen Ausschluss, weil er sich ihrer Auffassung nach bereits in seiner dritten und letzten Amtszeit befinde. Die Fifa rechnet die erste Amtsperiode seit 2016 dagegen nicht vollständig auf die Amtszeitbegrenzung an. FairSquare kritisiert mangelnde Transparenz und wirft Infantino einen autoritären Führungsstil vor.
Victor Montagliani spricht auf dem Fifa-Kongress im April
Foto: Darryl Dyck / The Canadian Press / AP / dpaEine ernsthafte Alternative zu Infantino gibt es bislang nicht, da sich noch niemand eindeutig positioniert habe. Dem Kanadier Montagliani werden laut »The Athletic« Ambitionen auf das Fifa-Präsidentenamt nachgesagt. Als Nichteuropäer könnte er auch über die Verbände von Concacaf und Uefa hinaus Unterstützung finden.
Infantino steht seit Wochen unter Druck. Auslöser waren Pläne, Teile der Vermarktungsrechte an Fußball-Weltmeisterschaften an Investoren zu veräußern. Nach Widerstand verwarf die Fifa das Vorhaben, dennoch hält die Uefa an ihrer Drohung fest, Fifa-Wettbewerbe zu boykottieren.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Ex-DFB-Chef Niersbach sieht Montagliani als Alternative zu Infantino
3. Moskau droht Großbritannien
Der Ukraine gehen Patriot-Abfangraketen aus (hier mehr) , der wichtigste Schutz gegen die von Russland abgefeuerten ballistischen Geschosse. Immer häufiger sind die Ukrainer den Iskander-Raketen der Russen schutzlos ausgeliefert. Bei einem der schwersten Angriffe der letzten Zeit starben am 5. August in Kyjiw 17 Menschen.
Brennendes Lagerhaus bei Moskau, 16. August: Ukraine soll britische Drohnen für Angriffe ins russische Hinterland nutzen
Foto: Anadolu Agency / IMAGODer globale Bedarf an Patriots verschärft die Lage. Die USA verbrauchten im Krieg gegen Iran seit Ende Februar mehr als 1500 Stück; ihre Bestände sollen auf rund 1700 gesunken sein. Zugleich seien westliche Lieferungen an die Ukraine 2026 gegenüber dem Vorjahr um zwei Drittel zurückgegangen. Russland feuerte im Juli 198 ballistische Raketen auf die Ukraine; 437 Zivilisten wurden laut Uno getötet.
Für Kyjiw ist dies auch wirtschaftlich und strategisch bedrohlich: Angriffe auf Energieversorgung und Rüstungsproduktion könnten im Winter die Verteidigungsfähigkeit schwächen. Eine von Donald Trump zunächst in Aussicht gestellte ukrainische Patriot-Lizenz nahm er später zurück (hier mehr) Eine heimische Alternative wäre frühestens in mehreren Jahren einsatzfähig.
Im Gegenzug attackiert die Ukraine immer häufiger Ziele tief in Russland, zuletzt auch mit Drohnen aus britischer Herstellung. Moskau warnte jetzt die Regierung in London vor »Konsequenzen«. Das Vereinigte Königreich werde sich für die militärische Zusammenarbeit mit der Ukraine »verantworten« und einen »Preis« zahlen müssen, erklärte die russische Botschaft in London.
Lesen Sie hier mehr: Ukraine soll britische Drohnen eingesetzt haben – Russland reagiert empört
Was heute sonst noch wichtig ist
Neues Zentrum für Drohnensicherheit nimmt Arbeit auf: Innenminister Dobrindt hat ein Forschungszentrum eröffnet, das Möglichkeiten für die Drohnenabwehr entwickeln soll. Erst vor zwei Wochen entging der Flughafen Leipzig bei einem Vorfall knapp einer Katastrophe.
Frankreichs Justizminister Darmanin verzichtet auf Kandidatur bei Präsidentschaftswahl: In Frankreich wird im kommenden Jahr ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Justizminister Darmanin fürchtet ein mögliches Duell der Extreme in der Stichwahl – und stellt deswegen eigene Ambitionen zurück.
30 Jahre nach der Tat – 81-Jähriger gesteht in Koblenz Mord an US-Studentin: 1994 wurde die junge US-Amerikanerin Amy Lopez in Koblenz Opfer eines Gewaltverbrechens. Nun steht der mutmaßliche Täter vor Gericht. Auch sein Verteidiger erwartet eine Verurteilung wegen Mordes.
Mein Lieblingsinterview heute: Spin des Lebens
Niklas Grapatin / DER SPIEGEL
Mein Kollege Claudio Rizzello hat ein Interview geführt, das mich sehr abgeholt hat, wie man heute so sagt. Claudio hat mit Nico, 17, und Sina, 18, über die Liebe gesprochen und darüber, was die Sexualisierung von Frauen im Netz bei jungen Menschen, insbesondere jungen Männern, anrichtet. Die beiden Teenager erzählen sehr reflektiert. »Manche Freundinnen von mir sagen dauernd: ›Ich hasse Männer!‹«, sagt Sina. »Man kann doch nicht mal eben die halbe Menschheit hassen«, sagt Nico. »Irgendwie müssen wir doch miteinander klarkommen!«
Sinas Vorbild sind Oma und Opa. Sie seien einander die erste Liebe und bis ganz zum Schluss zusammen gewesen. Spätestens da wurde ich an meine eigenen Töchter, fast 17 und 20, erinnert, die ihre ersten Partnerschaften schon hinter sich haben. Beide bewunderten auch ihre Großeltern, die bis zum Tod der Ehemänner gemeinsam mit ihnen durchs ganze Leben gingen. Mr. Right wird ihnen sicher noch begegnen.
Lesen Sie hier die ganze Geschichte: Gibt es sie noch, die erste Liebe?
Was heute weniger wichtig ist
Earl Grey: 29 Jahre nach dem Tod von Diana, Fürstin von Wales, hat ihr Bruder, der Earl of Spencer, 62, ein Buch über ihr Leben geschrieben. »Nun, da sich der 30. Jahrestag von Dianas tragischem Tod nähert, werde ich erneut mit Interviewanfragen zu meiner Schwester überhäuft«, sagt Charles Spencer. »Swan Song. Diana, meine Schwester« erscheint am 22. September in zwölf Sprachen. Es schmerze ihn, so viele Meinungen über sie lesen zu müssen, so Spencer. »Viele von ihnen beruhen auf Unwahrheiten, die im Laufe der Zeit fälschlicherweise zu Tatsachen geworden sind.«
Mini-Hohlspiegel
Von der Website des Beauftragten der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, bundesdrogenbeauftragter.de
Hier finden Sie den ganzen Hohlspiegel.
Cartoon des Tages
Entdecken Sie hier noch mehr Cartoons.
Thomas Plaßmann
Hier noch ein Hinweis in eigener Sache: Zwei Menschen, zwei Meinungen, ein Gespräch – der SPIEGEL macht mit bei »Deutschland spricht 2026«. Die deutschlandweite Initiative bringt Leute mit unterschiedlichen politischen Sichtweisen für persönliche Gespräche zusammen. SPIEGEL-Chefredakteur Dirk Kurbjuweit nennt die Teilnahme an der Aktion »eine gute Tat für die Demokratie«. Haben Sie Interesse? Dann beantworten Sie die folgenden Fragen und registrieren Sie sich. Für das Gespräch am 30. August laden wir auch in die SPIEGEL-Kantine nach Hamburg ein. Hier geht es zur ersten Frage:
Und heute Abend?
Könnten Sie den neuen Song von Ikkimel hören (hier mehr dazu). Meine Tochter, seit Anfang August für ein Austauschschuljahr in Kansas City, USA, schickte uns vor ein paar Tagen einen Snap. Mit ihrer Gastschwester fuhr sie über den Highway und beide hörten volle Pulle einen älteren Song der Berliner Rapperin im Autoradio. Mit Ikkimel lerne ihre Gastschwester Deutsch, erzählte unsere Tochter. Immerhin wird im neuen Song »Miss Universe« mit Tommy Cash auch Englisch gesungen. So lernt hoffentlich auch sie.
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Einen schönen Abend. Herzlich
Ihr Janko Tietz, Leiter des SPIEGEL-Nachrichtenressorts
