In Frankreich haben am Samstag die ersten Kundgebungen beim landesweiten Protesttag gegen hohe Lebenshaltungskosten und Missstände an Schulen begonnen. Zehntausende Menschen werden zu Hunderten Demonstrationen im ganzen Land erwartet.
In Paris sicherte ein großes Polizeiaufgebot das Stadtzentrum. Rund hundert Demonstranten griffen den Sitz des Senders CNews an, der zum Konzern des rechtsgerichteten französischen Milliardärs Vincent Bolloré gehört. 21 Menschen wurden festgenommen, die Gegenstände auf Fenster des Gebäudes warfen, teilte die Polizei mit. In der Hauptstadt wurden laut Polizei weitere 40 Menschen festgenommen, die Schutzausrüstung oder »verbotene Waffen« dabeigehabt hätten. Laut der Nachrichtenagentur Reuters setzte die Polizei in Paris bereits Tränengas gegen die Demonstranten ein.
Demonstranten und Polizei in Paris
Foto: Abdul Saboor / REUTERSAuch in anderen Städten gab es am Vormittag Protestaktionen. In Rennes in der Bretagne errichteten rund 20 Menschen Straßenblockaden in der Nähe eines Einkaufszentrums. In Lyon versuchten nach Behördenangaben etwa 40 Menschen, den Verkehr auf einer Brücke zu blockieren. Andere hätten sich in der Nähe einer Raffinerie versammelt.
In Marseille zerstreute die Polizei eine Menschenmenge, die gerade eine Blockade errichten wollte. Andere Demonstranten in Marseille versuchten, eine Polizeiwache anzugreifen, wie ein Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichtete.
Die Proteste hatten im vergangenen Monat an Schulen in den armen nördlichen Vororten von Paris begonnen. Dort hatte sich der Unmut über Lehrermangel und marode Gebäude rasch zu einer landesweiten Bewegung gegen sinkende Lebensstandards und mangelnde staatliche Investitionen ausgeweitet.
Bei dem Protesttag waren landesweit 1500 Aktionen, Demonstrationen oder Blockaden auf einer eigens dafür eingerichteten Website angekündigt, darunter Kundgebungen, Versammlungen auf Kreisverkehren, Straßensperren sowie Blockaden von Bahnhöfen, Brücken, Mautstellen, Tankstellen oder Raffinerien. Allein für den Großraum Paris rechnete die Polizei mit 40.000 Protestierenden, landesweit mit weiteren 150.000. Befürchtet wurden Ausschreitungen wie bei den Schülerprotesten der vergangenen Wochen.
Das Ausmaß der Proteste, zu denen sich ehemalige Gelbwesten, Schüler, Studierende, Klimaschützer und sogar Landwirte verabredet haben, war unter anderem wegen des Beginns der Ferien zunächst schwer abzusehen. Darüber hinaus haben die Gewerkschaften zu einem Protesttag am 5. November aufgerufen.
Aus dem Umfeld von Innenminister Laurent Nuñez hieß es, insbesondere in Paris und in den großen französischen Städten würden Ausschreitungen erwartet. Blockadeaktionen auf »wichtigen, zentralen Verkehrsachsen sowie an bedeutenden Einrichtungen« würden nicht geduldet.
Polizeieinsatz in Paris
Foto: Thibaud Moritz / AFPDie Proteste waren zuletzt von erheblicher Gewalt geprägt. Nach Angaben von Lecornu wurden mehr als 900 Polizisten verletzt. Gleichzeitig steht die Polizei wegen ihres harten Vorgehens in der Kritik. Die interne Polizeiaufsicht untersucht mindestens zwei Dutzend Fälle mutmaßlicher Polizeigewalt, nachdem unter anderem ein Jugendlicher durch eine Blendgranate eine Hand verloren hat. Innenminister Nuñez schloss den Einsatz solcher Waffen am Samstag nicht aus. Dies war nach schweren Zwischenfällen bei den Schülerprotesten ausgesetzt worden.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron hatte am Freitag zu Besonnenheit aufgerufen. Das Recht zu demonstrieren müsse mit Respekt einhergehen – ohne zu »beleidigen« oder zu »randalieren«, betonte er beim EU-Gipfel in Brüssel.
Frankreich steckt in einer politisch und wirtschaftlich angespannten Phase. Macron befindet sich in der Endphase seiner Amtszeit. Angesichts der hohen Staatsverschuldung und politischer Zersplitterung meiden Investoren französische Staatsanleihen, was die Kreditkosten des Landes auf den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten getrieben hat.
