DEIN SPIEGEL: Wir haben unsere Fragen für heute ausgedruckt. Wenn wir sie auswendig hätten lernen müssen, wie wären wir am besten vorgegangen?
St. Ange: Am besten denkt man an einen Raum, den man gut kennt. Dann verbindet man die Fragen durch eine lustige Geschichte mit einer Abfolge, die man oft wiederholt, zum Beispiel morgens. Ich starte im Bett, da ist meine erste Frage. Dann stelle ich den Wecker auf meinem Nachttisch aus, zweite Frage. Anschließend stehe ich auf, die dritte Frage verknüpfe ich mit meinen Hausschuhen vor dem Bett. Und so weiter. Je komischer die Geschichte ist, desto besser bleibt sie im Kopf.
DEIN SPIEGEL: Kann man Lernen lernen?
St. Ange: Eigentlich müssen wir das gar nicht. Ihr kennt die Namen von Fußballspielern und wisst vieles über Internetstars. Das zeigt: Ihr könnt bereits prima lernen. Nur geht es in der Schule oft um Sachen, die man weniger spannend findet. Dafür gibt’s Methoden, die man trainieren kann.
DEIN SPIEGEL: Mal angenommen, wir müssten uns die Infos aus einem Text merken.
St. Ange: Dann lest ihr den Text, macht das Buch zu und schreibt auf ein Schmierblatt alles, was euch im Kopf geblieben ist. Wenn euch nichts mehr einfällt, lest ihr den Text noch mal. Diesmal werden euch neue Sachen auffallen. Das Ganze wiederholt ihr ein drittes Mal, schließt das Buch und schreibt alles auf. Danach sitzt der Text.
Warum kann man mühelos den Titelsong der Lieblingsserie auf Englisch mitsingen, aber bei den Vokabeln aus der Schule hapert es? Was sorgt dafür, dass etwas im Gedächtnis bleibt und anderes aussortiert wird? In der neuen Ausgabe des Kinder-Nachrichtenmagazins DEIN SPIEGEL geht es um Erkenntnisse aus der Gedächtnisforschung. Die Titelgeschichte erklärt, wie man den Speicher im Gehirn austricksen kann, damit neues Wissen im Kopf bleibt. Außerdem im Heft: Halbzeit in Washington – worum geht es bei den Midtermwahlen, und warum sind sie entscheidend für US-Präsident Donald Trump? DEIN SPIEGEL gibt es am Kiosk, ausgewählte Artikel online. Erwachsene können das Heft auch hier kaufen:
DEIN SPIEGEL: Wie motiviert man sich, wenn man keine Lust hat?
St. Ange: Lernen ist wie Brokkoli essen: sinnvoll und gesund, aber Lust darauf hat man nicht unbedingt. Die Motivation kommt fast immer, wenn ihr angefangen habt. Deshalb müsst ihr euch austricksen. Nehmt euch vor, zehn Minuten durchzuhalten. So lange kann man alles aushalten, auch die nervigste Hausaufgabe. Sobald die Zeit abgelaufen ist, denkt man oft: Was soll’s, ich mache die Aufgabe noch fertig. Und zack, werden daraus 20 Minuten – oder man schafft sogar alles. Viele fangen aber gar nicht erst an, vielleicht weil sie den Zehn-Minuten-Trick nicht kennen. Und dann ist es plötzlich kurz vor dem Test, und sie müssen alles auf einmal machen.
DEIN SPIEGEL: Woher weiß ich, dass ich etwas verstanden habe?
St. Ange: Wenn du es anderen erklären kannst. Erklär den Schulstoff am besten deinen Eltern oder einem Kuscheltier.
DEIN SPIEGEL: Wie kann jemand Schüchternes im Unterricht mündlich gut sein?
St. Ange: Leg dir am Anfang der Stunde drei Dinge vorn ans Pult. Radiergummi, Spitzer, Bleistift. Wenn du dich einmal gemeldet hast, darf ein Gegenstand zurück ins Mäppchen. Am Ende der Stunde hast du dich dreimal gemeldet, und die Lehrkraft merkt vermutlich, dass du dir Mühe gegeben hast.
DEIN SPIEGEL: Wie schaffe ich den Hausaufgabenberg, wenn ich nach der Schule erst mal Pause brauche?
St. Ange: Mach erst mal Pause! Hausaufgaben dauern meist nur so lang, weil man nicht ganz bei der Sache ist. Wer sie konzentriert macht, braucht oft nicht so lange. Der Trick ist künstliche Zeitverknappung. Ich tue so, als ob ich nur 30 Minuten Hausaufgaben machen dürfte, danach ist es verboten. In dieser halben Stunde konzentriere ich mich dafür richtig doll und habe später Zeit für andere Dinge.
DEIN SPIEGEL: Was hältst du von Schulnoten?
St. Ange: Noten sind selten gerecht. Es kann leicht passieren, dass man eine schlechte Note schreibt. Zum Beispiel, weil man Stress zu Hause hatte oder einen Blackout in der Prüfung. Viele Kinder merken sich die schlechte Note oft viel zu lange. Immer wenn das Thema später wieder vorkommt, denken sie: Das kann ich nicht. Das ist schädlich fürs Lernen.
DEIN SPIEGEL: Welche Note würdest du unserem Schulsystem geben?
St. Ange: Eine Fünf. Denn Untersuchungen zeigen: Vier von zehn 15-Jährigen in Deutschland können nicht ausreichend lesen und rechnen. Das ist schlimm. Diese Jugendlichen sind bald erwachsen. Wie sollen sie Jobs finden, ihre Arbeit gut machen? Stellt euch ein Land vor, in dem 40 Prozent der Leute nicht richtig lesen und rechnen können. Ich kann mir nicht vorstellen, was dann mit Deutschland passiert.
DEIN SPIEGEL: Wie kann sich das ändern?
St. Ange: Lehrkräfte sind in Deutschland meist verbeamtet. Das heißt, sie arbeiten für den Staat und dürfen nicht gefeuert werden. Viele Lehrkräfte sind in ihren ersten Jahren super engagiert. Doch manche geben sich irgendwann weniger Mühe und teilen dieselben Arbeitsblätter aus wie vor 20 Jahren. Trotzdem kann ihnen niemand kündigen. Das finde ich falsch. Man sollte Lehrkräften sagen können: Entweder du machst jetzt deine Arbeit gut, oder du kannst den Job nicht mehr machen.
DEIN SPIEGEL: Was machen andere Länder besser?
St. Ange: Wie gut man in der Schule ist, hängt in Deutschland oft vom Elternhaus ab. Einige Eltern können ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen, andere haben keine Zeit dafür, etwa weil sie den ganzen Tag arbeiten müssen. In manchen anderen Ländern gibt es keine Hausaufgaben. Die Schule dauert dort länger, dafür ist man danach komplett fertig. In der Schule werden gemeinsam alle Aufgaben erledigt, aber man kann auch Basketball spielen oder Klavierunterricht nehmen. So können alle Kinder coole Hobbys haben, nicht nur die, deren Eltern sich das leisten können.
DEIN SPIEGEL: Wieso ändert die Politik nichts?
St. Ange: Es gibt in Deutschland immer weniger Kinder und mehr ältere Leute. Und Kinder dürfen nicht wählen. Deshalb wird in der Politik viel über Rente gesprochen, wenig über Schule. Und: Bis ein Kind und Jugendlicher die Schulzeit durchläuft, eine Ausbildung oder ein Studium abschließt und in einem Job arbeitet, vergehen 12 bis 20 Jahre. Aber ein Politiker ist nur vier Jahre in der Regierung, mit Glück acht. Für Politikerinnen und Politiker ist es wichtig, wiedergewählt zu werden. Also geben sie lieber Geld für Dinge aus, die man direkt sieht und nicht erst in vielen Jahren.
DEIN SPIEGEL: Was würdest du als Kultusministerin beschließen?
St. Ange: In Neuseeland haben Lehrkräfte Coaches, die ihnen helfen, besseren Unterricht zu machen. Das würde ich gern in Deutschland einführen. Bisher passiert das meistens nur direkt nach dem Studium. Ich würde zudem Teams aus verschiedenen Leuten in Schulen schicken: Profis, die dafür sorgen, dass die Technik funktioniert, und mehr Schulpsychologen und Sozialarbeiter. Dann müssten sich Lehrkräfte nicht mehr um all das kümmern und könnten sich darauf konzentrieren, guten Unterricht zu machen.
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