Während die Bundesregierung im Krisenmodus steckt, sehen Ökonomen für die Wirtschaft endlich Lichtblicke. Die Industriestaatenorganisation OECD geht wieder von einem stärkeren Wirtschaftsaufschwung in Deutschland in diesem Jahr aus. Dem jüngsten Ausblick der Organisation zufolge wird das Wachstum auf 1,1 Prozent prognostiziert – und damit 0,4 Prozentpunkte höher als in ihrer letzten Schätzung im Juni.
Für das kommende Jahr rechnet die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unverändert mit einem Plus von ebenfalls 1,1 Prozent.
Auch im Euroraum und mit Blick auf die Weltwirtschaft hat die OECD ihre Prognosen für dieses Jahr leicht angehoben. Sie geht von 1,0 Prozent beziehungsweise 2,9 Prozent Zuwachs aus. Für das kommende Jahr ist ihr Ausblick mit ebenfalls 1,0 Prozent und 3,0 Prozent allerdings etwas pessimistischer als noch im Juni.
Trotz der negativen Folgen durch den Konflikt im Mittleren Osten blieb das Wachstum in der ersten Jahreshälfte der OECD zufolge in vielen Ländern robust. Große Ölvorräte, Lieferungen von außerhalb der Golfstaaten und staatliche Unterstützungsmaßnahmen federten die Folgen demnach ab.
Auch die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute sind zuversichtlicher für die deutsche Wirtschaft als zuvor. Sie erhöhten ihre Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf 1,3 Prozent in diesem Jahr, im Frühjahr waren sie noch von 0,6 Prozent Wachstum ausgegangen.
Das sind die Gründe für den Optimismus
»Im ersten Halbjahr 2026 sind die Exporte überraschend stark gestiegen, was unter anderem an der steigenden Nachfrage nach elektronischen Produkten und Ausrüstungen im Zuge des KI-Booms liegt«, sagte OECD-Experte Robert Grundke zu dem optimistischeren Ausblick. Diese dürfte weiterhin hoch bleiben.
»Auch die steigenden öffentlichen Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur haben zur konjunkturellen Erholung beigetragen«, erklärte Grundke. Die OECD verwies zudem auf Reformen im Bereich der öffentlichen Vergabe und der Beschleunigung von Planungs- und Genehmigungsverfahren für Infrastrukturprojekte. Damit stünden die Chancen für einen schnelleren Ausbau der öffentlichen Infrastruktur und eine stärkere Unterstützung des Wachstums gut.
Wozu die Ökonomen raten
Zugleich verwiesen die Forscher auf dringenden Reformbedarf. »Auch wenn sich die Konjunkturaussichten verbessert haben, ist es wichtig, die notwendigen Strukturreformen voranzubringen, um das langfristige Wachstumspotenzial der deutschen Volkswirtschaft zu verbessern«, betonte Grundke.
So sollten Wettbewerbsschranken abgebaut und der hohe Verwaltungsaufwand weiter reduziert werden, um den Markteintritt von neuen Unternehmen und Investitionen zu erleichtern. Bestehende Regulierungen und Verwaltungsverfahren müssten überprüft, vereinfacht und harmonisiert werden. Beschränkungen wie die Meisterpflicht in vielen Handwerksberufen sollten abgebaut, die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung beschleunigt werden.
Auch rät die OECD, Anreize im Steuer- und Transfersystem zu verbessern. Dazu gehörten eine Reform des Ehegattensplittings, eine Beschränkung der Minijobs auf Studierende und Schüler sowie die Umsetzung der geplanten Sozialstaatsreform.
»Eine Senkung der Steuer- und Abgabenbelastung für Arbeitseinkommen wäre aus Sicht der OECD eine weitere wichtige Maßnahme, um das Arbeitsangebot zu erhöhen und den Fachkräftemangel zu lindern«, sagte Grundke. Dies könne über eine Streichung von Steuervergünstigungen und -ausnahmen finanziert werden.
-
10 Min
-
2 Min
Diese Unsicherheiten sehen die Forscher
Die OECD versah ihre positive Prognose allerdings mit Einschränkungen: Der Ausblick hänge stark davon ab, ob eine dauerhafte Lösung des Konflikts im Nahen und Mittleren Osten gefunden werde. Zölle und Ausfuhrbegrenzungen seien zusätzliche Unwägbarkeiten.
»Eine längere Dauer oder eine weitere Eskalation des Konflikts im Nahen Osten würde zu höheren Energiepreisen und einem stärkeren Preisauftrieb sowie Vertrauensverlusten führen, was den privaten Konsum und Investitionen belasten würde«, warnte OECD-Expertin Isabell Koske. »Dies gilt umso mehr, als die Gasspeicherstände in Deutschland und Europa unter dem Durchschnitt der letzten beiden Jahre liegen.«
Entsprechend stellte die OECD klar, dass der Wirtschaftsausblick mit großer Unsicherheit behaftet sei. Sollte sich der Energiemarkt rasch normalisieren, würde das den Druck der Inflation senken und Geschäfte fördern. Erneute Störungen könnten hingegen das Wachstum dämpfen.
Als Abonnentin oder Abonnent von SPIEGEL+ haben Sie die Möglichkeit, manager+ zum Vorteilspreis dazuzubuchen. Darin enthalten sind alle Inhalte von manager magazin+ und Harvard Business manager+. Damit ist es das ideale Abo für alle, die tiefe Einblicke in die deutsche Wirtschaft, die Chefetagen großer Unternehmen und in die spannendsten Start-ups suchen. Jetzt flexibel upgraden: Sichern Sie sich manager+ für nur 2 Euro pro Woche!
Auch gebe es wetterbedingte Risiken wie einen starken El Niño, die mit Lieferengpässen und hohen Lebensmittelkosten einhergehen könnten. Zudem könnte das Wachstum gebremst werden, sollten sich Investitionen in künstliche Intelligenz nicht wie erwartet auszahlen.
Die in Paris ansässige OECD vereint Länder, die sich zu Demokratie und Marktwirtschaft bekennen. Mittlerweile sind neben großen Volkswirtschaften wie Deutschland, den USA und Japan auch Schwellenländer wie Mexiko und Chile Mitglied. Insgesamt gehören 38 Staaten der OECD an.
Die Fachleute der Organisation erarbeiten unter anderem regelmäßig Konjunkturprognosen und sind für den weltweit größten Schulleistungstest Pisa verantwortlich.
Lesen Sie hier eine Analyse , wie solide die Aussichten auf einen nachhaltigen Aufschwung sind.
