SpOn 20.03.2026
17:38 Uhr

Klima-Newsletter: Viertagewoche, Homeoffice oder Tempolimit als Antwort auf Ölkrise


Wir erleben eine historische Energiekrise, da könnte man historische Antworten finden. Einige Länder werden schon kreativ, um ihre Nachfrage nach fossilem Brennstoff zu senken. Wie war das noch mal 1973?

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Klimakrise

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Schon jetzt markieren die Folgen von Trumps Irankrieg einen Rekord der negativen Art. Weil kaum Tankschiffe durch die Straße von Hormus kommen und wenige Pipelines ein Ventil bieten , fehlen dem Markt täglich rund 15 Millionen Fass Öl – von etwa 100 Millionen Fass, die üblicherweise global produziert werden. Dies sei »die größte Angebotsstörung in der Geschichte der Ölmärkte«, schreibt die Internationale Energieagentur (IEA) in einem an diesem Freitag veröffentlichten Bericht .

Die größte Störung, das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen. Größer als 1956, als Ägypten den Verkehr durch den Suezkanal blockierte. Größer als 1973, als arabische Opec-Staaten nach dem Jom-Kippur-Krieg westlichen Unterstützern Israels mit Embargo drohten. Größer als 1979, nach der islamischen Revolution in Iran. Die beiden Ereignisse in den Siebzigern wurden als erste und zweite Ölkrise bekannt. Dann stecken wir wohl mitten in der dritten.

Die IEA wurde als Reaktion auf die erste Ölkrise gegründet – um dem Kartell der Ölanbieter ein Kartell der Ölverbraucher entgegenzusetzen. Beide Seiten haben Macht in diesem Markt. Die größte Macht der Verbraucher liegt in ihrer Möglichkeit, sich vom Öl abzuwenden. Die Idee des Energiesparens wurde aus der Not geboren, folgte vorwiegend wirtschaftlichen und geostrategischen Motiven. Nebenbei können Mensch, Natur und Klima auch noch profitieren.

Problem nur verschoben, nicht gelöst

Nun rät die IEA: Regierungen, Unternehmen und Privatleute sollten ihre Nachfrage nach dem fossilen Brennstoff senken. Die ebenfalls historische Freigabe strategischer Reserven von 400 Millionen Fass Öl könne den Preisschock nur vorübergehend abfedern, ebenso wie all die massiven Steuersenkungen und Subventionen, die jetzt im Gespräch sind. In der Gaspreiskrise 2022 wegen des Ukrainekriegs haben die EU-Staaten sich solche Hilfen 540 Milliarden Euro kosten lassen, davon allein Deutschland 158 Milliarden Euro. Früher oder später könnten die Staaten die Rechnung nicht mehr übernehmen. Derweil profitieren die Ölverkäufer – das Problem wird nur von Konsumenten zu Steuerzahlern verschoben, statt an der Wurzel gelöst.

Als kurzfristig wirksame Instrumente nennt die Agentur etwa, ins Homeoffice zu wechseln statt zu pendeln, wo dies möglich ist; Tempolimits um mindestens zehn Kilometer pro Stunde zu senken; vom Auto auf Bus und Bahn umzusteigen, kurze Wege mit dem Fahrrad zu fahren oder zu Fuß zu gehen; Fahrgemeinschaften zu bilden; Flüge möglichst zu vermeiden.

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Das klingt klein, brächte zusammengenommen laut IEA aber schon eine gewaltige Ersparnis. Man könnte denken, dass Autofahrer von sich aus weniger Benzin oder Diesel tanken, wenn das teurer wird. Doch jede Evidenz spricht stark dafür, dass Energiesparen nur als koordinierte Aktion gelingt. Es braucht politischen Willen, der stärker ist als wirtschaftliche Interessen.

Viertagewoche in Sri Lanka, Tempolimit in Pakistan

Bisher sind solche Maßnahmen in der aktuellen Krise hauptsächlich aus Entwicklungs- und Schwellenländern in Asien bekannt, die direkt von Öl aus dem Persischen Golf abhängen:

  • für öffentliche Einrichtungen in Sri Lanka ist jetzt jeden Mittwoch ein zusätzlicher Feiertag, Benzin gibt es nur noch gegen staatliche Gutscheine: Privatautos dürfen maximal mit 15 Litern betankt werden, Motorräder mit fünf Litern

  • Vietnam ruft die Unternehmen auf, Beschäftigte von zu Hause arbeiten zu lassen; ansonsten sollen die Menschen Fahrgemeinschaften bilden oder Rad fahren

  • Pakistan hat die Höchstgeschwindigkeit auf Autobahnen von 120 auf 100 km/h gesenkt, auf Landstraßen von 100 auf 80 km/h

  • Thailand hat das Tanken in Benzinkanister verboten, im öffentlichen Dienst sollen die Beamten nicht mehr Aufzug fahren und die Klimaanlage auf eine höhere Temperatur einstellen

  • in Myanmar gibt es Fahrverbote: tageweise abwechselnd dürfen nur Autos mit gerader oder ungerader Kennziffer auf dem Nummernschild fahren

Rikschafahrer wartet vor Tankstelle in Sri Lanka

Rikschafahrer wartet vor Tankstelle in Sri Lanka

Foto: Ishara S. Kodikara / AFP

Ziemlich restriktiv. So wurde auch im Westen die Reaktion auf die Ölkrise 1973 empfunden – als Einschränkung der Freiheit. Nach einer wütenden Kampagne des ADAC und Widerstand der unionsregierten Länder endete die kurze Phase, in der die Bundesrepublik tatsächlich einmal ein allgemeines Tempolimit auf Autobahnen einführte. Für 111 Tage von November 1973 bis März 1974 galt Tempo 100. Die sozialliberale Bundesregierung wollte daraus ein dauerhaftes Limit von 130 km/h machen, heraus kam nur eine Empfehlung.

Prägende Bilder der Zeit brachten die vier autofreien Sonntage im November und Dezember 1973. Es war ein radikales Verbot, das die empfundene Notsituation unterstrich. Dabei wurde Öl nicht wirklich knapp und der Benzinpreis blieb im Pfennigbereich – im Rückblick kaum dramatisch, selbst wenn man die Inflation seitdem gegenrechnet. Es bot aber auch eine neue Perspektive für die Deutschen, auf ihr Land und auf ihre Mitmenschen.

VW Golf, Fahrradstadt Kopenhagen – Ölkrise als Wendepunkt

Kurzfristig mögen die symbolischen Aktionen nicht viel Energie gespart haben. Aber weithin wuchs das Bewusstsein, dass fossile Brennstoffe endlich sind. Und so kamen einige Entwicklungen in Gang, deren volle Wirkung erst Jahrzehnte später so richtig sichtbar wird.

Kontrolle am autofreien Sonntag 25. November 1973 bei Köln: Autobahn nur mit Ausnahmegenehmigung

Kontrolle am autofreien Sonntag 25. November 1973 bei Köln: Autobahn nur mit Ausnahmegenehmigung

Foto: Roland Scheidemann / picture-alliance/ dpa

Der neue VW Golf etwa schlug gerade deshalb 1974 als Erfolg ein und rettete das pleitebedrohte Volkswagenwerk, weil plötzlich sparsame Autos gefragt waren. Es folgte ein Boom der Kompakt- und Kleinwagen, nach der zweiten Ölkrise sanken die typischen Verbräuche in den Achtzigerjahren unter zehn Liter pro 100 Kilometer. Viele entdeckten das Fahrrad wieder als nützliches Verkehrsmittel. In Kopenhagen etwa gilt 1973 als der Wendepunkt, um sich von nur zehn Prozent Radverkehrsanteil über Basisbewegungen und den Umbau der Straßen zur modernen Fahrradstadt schlechthin zu wandeln. Tüftler begannen auch wegen des Ölschocks, an Windrädern, Solaranlagen und Elektroautos zu arbeiten.

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Daher haben wir jetzt die Mittel, um uns noch schneller aus der Abhängigkeit lösen zu können.

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Ihr Arvid Haitsch,
Redakteur Mobilität