SpOn 15.03.2026
09:19 Uhr

Jürgen Habermas: So reagiert Deutschland auf den Tod des großen Denkers


»Die Welt hat einen intellektuellen Giganten verloren«: Deutschlands wichtigste Politiker und Intellektuelle erinnern sich an Jürgen Habermas – von Friedrich Merz über Herfried Münkler bis Rachel Salamander.

Jürgen Habermas: So reagiert Deutschland auf den Tod des großen Denkers

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier richtete sich in einem Kondolenzschreiben an die Kinder des Philosophen: »Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat«, schrieb er darin. »Er hat uns das Ethos des demokratischen Diskurses gelehrt und die Emanzipation des Menschen als unaufgebbares Ziel begründet. Über viele Jahrzehnte hat Jürgen Habermas den wissenschaftlichen wie auch den politischen Diskurs in unserem Land und weit darüber hinaus geprägt, bereichert und vorangetrieben. In seinem Wirken verbanden sich auf unverwechselbare Weise theoretische Präzision, analytische Kraft, kritische Selbstreflexion, Sprachmacht und republikanische Einmischung.« Der Bundespräsident endete mit: »Wir werden seine Stimme vermissen. Unser Land verdankt ihm unendlich viel.«

Die Literaturwissenschaftlerin Rachel Salamander erinnert sich in der »Süddeutschen« an ihren letzten Besuch bei Habermas im Januar: »Sein Temperament war noch ungebrochen. Obwohl der Welt prominentester Intellektueller, bewies er stets großen Sinn für das Allzumenschliche, für das rein Persönliche bis zum Klatsch. Wieder ging es um die Fragmentierung der Öffentlichkeit, vom ›Projekt der Moderne‹ aber war kaum mehr die Rede. [...] Beim Abschied verabredeten wir uns fürs Frühjahr.«

Unser Nachruf

Bundeskanzler Friedrich Merz schrieb, Deutschland und Europa hätten »einen der bedeutendsten Denker unserer Zeit« verloren. »Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See. […] Seine Stimme wird fehlen.«

Die Philosophin Seyla Benhabib schrieb: »Mit dem Tod von Jürgen Habermas hat uns einer der letzten intellektuellen Giganten des 20. Jahrhunderts verlassen. Es wird schwer sein, sich Deutschland und Europa ohne seine Stimme und seine Texte vorzustellen. In seinen Beiträgen zu öffentlichen Debatten tadelte er seine Zeitgenossen bisweilen für ihre Blindheit und ihre Unfähigkeit, die verborgenen Implikationen ihrer Haltungen herauszuarbeiten. Wer sonst hätte im Historikerstreit die impliziten Annahmen gesehen, über die deutsche Nachkriegsidentität, die Schuld und Verantwortung für den Holocaust? Wer sonst hätte vor den militaristischen Konsequenzen der ›Zeitenwende‹ und den Gefahren eines Aufbaus des deutschen Militärs im Namen der Hilfe für die Ukraine gewarnt? Habermas scheute nicht davor zurück, zu verärgern und sogar zu verletzen – tat es aber niemals absichtlich.«

Der Politikwissenschaftler Herfried Münkler glaubt, Habermas dürfe unter den »Entwicklungen in den letzten Jahren sehr gelitten haben«. Der Aufstieg populistischer Bewegungen, die Handlungsunfähigkeit des demokratischen Europas und das Zerbrechen der wertgestützten und regelbasierten internationalen Ordnung seien alles schwere Schläge für die »fundamentalen Annahmen« von Habermas Theorie gewesen. »Tragisch« findet Münkler das.

Historiker Norbert Frei erinnert sich an die Gespräche mit Habermas: »Meist ging es um nichts weniger als um die Aussichten Europas und die Zukunft der Demokratie, zuletzt natürlich vor allem im Zeichen von Putin und Trump und des ›neuen Strukturwandels der Öffentlichkeit‹. [...] Es war seine überwache, um nicht zu sagen journalistische Präsenz, die unsere Gespräche bestimmte, sein enormes Gespür für politische und gesellschaftliche Veränderungen – und seine Lust, die Reflexion der eigenen Zeitgenossenschaft dem auszusetzen, was er für den Kontrollblick des Zeithistorikers hielt. Ich beginne erst, zu ahnen, wie sehr ich diese Gespräche vermissen werde.«

Der Soziologe Heinz Bude nennt Habermas einen »durch und durch politischen Denker.« Denn: »Bei allem, was er anpackte, holte er eine vitale Dimension heraus, die auf die Fragen nach dem Ort des Politischen, der politischen Wirkung philosophischer Gedanken zielten und auf die Verbindung von politischen Motiven im Blick auf die verallgemeinerbaren Interessen und die öffentliche Beratschlagung zu ihrer Durchsetzung. [...] Wenn heute wieder mit großer Dringlichkeit nach einer Position Europas angesichts des Hegemoniekonflikts zwischen den USA und der Volksrepublik China gesucht wird, fehlt Jürgen Habermas schmerzlich.«

mbo