SpOn 19.03.2026
01:11 Uhr

Iran-Krieg und Inflation: Wirtschaft unter Druck durch steigende Energiepreise


Der Irankrieg treibt die Preise auch in Deutschland. Wie schlimm wird die Inflation?

Iran-Krieg und Inflation: Wirtschaft unter Druck durch steigende Energiepreise

Thomas Pfaff hat etwas, um das ihn derzeit viele Menschen in Deutschland beneiden dürften: eine eigene Tankstelle.

Die schwarze Zapfsäule auf dem Hof seiner Hamburger Spedition rattert, als Pfaff die Tankstelle vorführt und einen Lastkraftwagen betankt. Er spricht liebevoll von »seinen Autos«, auch wenn es sich meist um tonnenschwere Lkw für Spezialtransporte handelt.

Das Problem: Pfaff hat zwar gerade erst den 40.000-Liter-Tank nachgefüllt, aber seine Firma kommt damit nicht weit. Pro Monat verbrauchten seine rund 60 Lkw zusammen bis zu 80.000 Liter Diesel, rechnet der Speditionskaufmann vor.

Logistikunternehmer Pfaff: 80.000 Liter Diesel pro Monat

Logistikunternehmer Pfaff: 80.000 Liter Diesel pro Monat

Foto: Johannes Arlt / DER SPIEGEL
»Das ist viel, viel Geld.«

Thomas Pfaff, Geschäftsführer Pfaff Spezialtransporte

Weil der Dieselpreis seit Beginn des Irankriegs massiv gestiegen ist, muss sein Unternehmen derzeit monatliche Mehrkosten von 30.000 Euro stemmen – bei einem Preissprung von rund 40 Cent je Liter binnen weniger Tage. »Das ist viel, viel Geld«, sagt Pfaff.

Der 55-Jährige führt die mittelständische Spedition mit mehr als 200 Beschäftigten in zweiter Generation, zusammen mit seinem Bruder. In der Logistik sind die Gewinnmargen dünn, der Branchenverband BGL beziffert sie auf oft nur ein oder zwei Prozent. Vom Umsatz bleibt wenig hängen. Wer so arbeitet, kann steigende Kosten nicht lange schlucken.

So bleibt dem Spediteur kaum etwas anderes übrig, als die höheren Preise weiterzureichen. Die Dieselzuschläge für seine Kunden hat Pfaff schon erhöht. Zum Beispiel auf der Strecke Hamburg-München: Vor der Krise kostete eine komplette Ladung hier noch zwischen 1700 und 2000 Euro. Jetzt werden 2200 bis 2400 Euro fällig. Und trotzdem rechnet Pfaff damit, zumindest auf einem Teil der höheren Dieselpreise sitzenzubleiben.


Es könnte der Beginn einer Spirale sein. Am Anfang steht der gestiegene Ölpreis. Er lässt die Kosten für Transportfahrten, Vorprodukte oder Dünger klettern. Diese Kosten schlagen dann auf viele andere Preise durch: Lebensmittel, Maschinen oder Haushaltsprodukte werden teurer. Was schon jetzt für Wut an der Tankstelle sorgt, wird mit Verzögerung auch im Supermarkt ankommen.

Die Angst vor steigenden Preisen, sie ist wieder da. Dabei steckt der letzte Inflationsschub von 2022 den Verbrauchern noch in den Knochen. Auch damals, zu Beginn des russischen Angriffs auf die Ukraine, wurden Öl und Gas in kurzer Zeit teurer. Am Ende kostete fast alles mehr, die Preissteigerungsrate in der Eurozone erreichte im Oktober 2022 den Höchststand von 10,6 Prozent. Inflation frisst sich wie Säure durch die Wirtschaft – sie vernichtet Kaufkraft und Wohlstand.

Die Deutschen sind dafür besonders sensibel, auch aus historischen Gründen. Die Hyperinflation der Weimarer Republik wirkt bis heute nach, auf dem Höhepunkt der Geldentwertung dienten Geldscheine als Tapetenersatz. So ist die gefühlte Inflation der Deutschen sogar meist höher als die gemessene. Und ihre Angst lähmt den Konsum.

Schon jetzt kämpft das Land mit Trumps chaotischen Zöllen und strukturellen Problemen. Konjunkturforscher trauen der Wirtschaft in diesem Jahr nur ein Miniwachstum zu. Die Folgen einer neuen Inflationswelle würden noch weiter reichen. Könnte der Irankrieg eine globale Rezession, vielleicht sogar eine neue Finanzkrise auslösen?


Auf dem Hof von Jakob Haslinger nahe Bad Tölz wähnte man sich von solchen Fragen weit weg. Im Stall schnauben die Milchkühe, der Zwiebelturm der Dorfkirche ist in Sichtweite. Ein Oberbayern-Idyll.

Landwirt Haslinger: »Der Hof ist unser Leben«

Landwirt Haslinger: »Der Hof ist unser Leben«

Foto: Jana Islinger / DER SPIEGEL
»Der Landwirt ist der letzte in der Lebensmittelkette.«

Jakob Haslinger, Landwirt

Doch auch bei Haslinger sind die Folgen des neuen Nahostkrieges angekommen. Für den 44-jährigen Landwirt beginnt jetzt die Feldsaison, er muss düngen und die Wiesen pflegen. 14.000 Liter Diesel verbrauche er im Schnitt jährlich, sagt Haslinger, vor allem mit seinen Traktoren. Beim aktuellen Preisanstieg bedeute das für ihn Mehrkosten von 650 Euro im Monat.

Einen Teil der Energiesteuer, die im Dieselpreis steckt, kann sich der Landwirt im kommenden Jahr vom Finanzamt erstatten lassen. Aber den Anstieg des Preises muss er allein stemmen. Für das Futter für seine Kühe haben ihm die Lieferanten bereits einen Frachtkostenzuschlag angekündigt, 40 Euro Mehrkosten monatlich. Die Preise für Düngemittel sind bis zu 25 Prozent gestiegen. Bei Kraftfutter hat Haslinger bis zum Sommer feste Preise mit dem Hersteller vereinbart. Zum Glück, sagt er.

In Trachtenhemd und Weste im Lodenstil sitzt Haslinger an seinem Küchentisch und überschlägt die Zahlen. »Eine gewisse Anspannung«, so beschreibt er seine Gemütslage. »Wir leben unseren drei Söhnen vor, optimistisch zu sein«, sagt er. »Der Hof ist unser Leben.«

Schon seit dem Ukrainekrieg kämpft Haslinger mit höheren Kosten. Zugleich ist der sogenannte Auszahlungspreis, den er von der Molkerei für seine Milch bekommt, gesunken – seit November um etwa zehn Cent auf 44 Cent. »Der Landwirt ist der Letzte in der Lebensmittelkette«, sagt Haslinger. Was ihm helfen würde, wenn die Energiepreise hoch blieben? Höhere Milchpreise.

Jeden zweiten Tag werden im Schnitt rund 2700 Kilogramm Milch von Haslingers Hof zur Molkerei Berchtesgadener Land ins gut 110 Kilometer entfernte Piding an der Grenze zu Österreich gefahren.


Dort sitzt Bernhard Pointner in einem Besprechungsraum, auf dem Boden liegt ein Kuhfellteppich. Er wolle die aktuellen Entwicklungen so gut wie möglich von seinen 1500 Bauern fernhalten, sagt der Molkereigeschäftsführer. Aber es sei aktuell viel Milch auf dem Weltmarkt: »Wir fahren die Gewinne auf eine schwarze Null und sparen in der Molkerei jeden Euro.«

Molkereichef Pointner: »Wenn diese Krise länger andauert, können wir Preiserhöhungen nicht vermeiden«

Molkereichef Pointner: »Wenn diese Krise länger andauert, können wir Preiserhöhungen nicht vermeiden«

Foto: Jana Islinger / DER SPIEGEL
»Wir fahren die Gewinne auf eine schwarze Null und sparen in der Molkerei jeden Euro.«

Bernhard Pointner, Chef der Molkerei Berchtesgadener Land

Für die Molkerei mit ihren 90 Fahrzeugen, darunter Dutzende schwere Milchlaster und Vierzigtonner, rechne er aktuell mit Spritmehrkosten von etwa 100.000 Euro im Jahr, kalkuliert Pointner. Hinzu kommen weitere Energiekosten. 1,1 Millionen Kilogramm Milch werden täglich verarbeitet, müssen erhitzt und gekühlt werden.

Sein Problem: Viele Verbraucher sehen Lebensmittel als Sparposten – und die Produkte der Molkerei befinden sich im oberen Preissegment. »Kurzfristig können wir unsere höheren Kosten nicht in höhere Produktpreise umlegen. Das würden die Verbraucher nicht akzeptieren«, sagt Pointner. »Aber wenn diese Krise länger andauert, dann können wir Preiserhöhungen nicht vermeiden.«

Der gestiegene Ölpreis habe schon jetzt »Folgewirkungen entlang der gesamten Wertschöpfungsketten«, warnt der ökonomische Beraterkreis von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) in einem aktuellen Kurzgutachten. »Für Europa insgesamt ergeben sich steigende Energiekosten, erhöhte Inflationsrisiken und zusätzliche Investitionsunsicherheit.«

Während der hohe Ölpreis in Form von teurem Sprit schnell bei den Haushalten ankommt, ist es bei den Strom- und Gaspreisen komplizierter: Viele energieintensive Industriebetriebe und Kraftwerkbetreiber spüren die Steigerungen schon jetzt, bei Verbrauchern dauert es oft länger.

Ökonomen hoffen, dass die deutsche Wirtschaft den Preisanstieg glimpflich übersteht. So prognostiziert das Kiel Institut für Weltwirtschaft jüngst einen Anstieg der Inflationsrate auf 2,5 Prozent für das Jahr 2026 – vorausgesetzt, der Ölpreis bleibt nur für einige Monate hoch. Das würde die zaghafte deutsche Konjunkturerholung bremsen, aber nicht stoppen.

Andererseits haben Experten die Inflation schon einmal gnadenlos unterschätzt. Als die Preise in der Coronapandemie stiegen, hielten Notenbanker das für ein Übergangsphänomen. Das Zauberwort in ihren Reden lautete »transitorisch«. Als Wladimir Putin dann die Ukraine angriff, folgte ein historischer Inflationsschub. Bis Notenbanken die Inflation wieder einfangen konnten, vergingen Jahre. Erst im Jahr 2024 konnte EZB-Chefin Christine Lagarde die Zinsen wieder senken.

Niemand weiß, wie lange der Krieg diesmal dauert, die Kriegsziele von US-Präsident Donald Trump sind unklar. Also denken Forscher in Szenarien. Im günstigsten Fall wäre die Straße von Hormus an Irans Küste, durch die normalerweise die Öltanker fahren, bald wieder frei und der hohe Ölpreis nur eine vorübergehende Erscheinung. Aber was, wenn nicht?


Torsten Schmidt, Konjunkturchef des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen, hat durchgerechnet, was eine Eskalation des Irankriegs bedeuten würde. Schmidt geht dabei von einem Ölpreisanstieg bis auf 150 Dollar aus – das wäre nominal der höchste Ölpreis in der Geschichte. »Schlimmstenfalls könnte die Inflation in diesem Jahr auf bis zu sechs Prozent steigen«, warnt er.

Die Folgen eines solchen Preisanstiegs für die deutsche Wirtschaft wären enorm. »Bei einem solchen Inflationsimpuls würde das deutsche Wachstum praktisch aufgefressen«, sagt Schmidt.

Absehbar sei, dass die Menschen ihre Konsumausgaben reduzieren. Danach drohen Zweitrundeneffekte, bei denen die Gewerkschaften wegen der gestiegenen Preise höhere Löhne fordern – was die Produktionskosten und damit die Inflation weiter steigen ließe. Noch, sagt Schmidt, sei das Zukunftsmusik.

Doch im Geldbeutel spüren die Menschen die höheren Preise schon jetzt. Seit Beginn des Konflikts habe Europa zusätzliche sechs Milliarden Euro für Importe fossiler Brennstoffe ausgegeben, rechnete EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen kürzlich vor, »das ist der Preis unserer Abhängigkeit«.

Die Bundesregierung setzt bislang vor allem bei den Spritpreisen an: Tankstellen sollen nur noch einmal am Tag die Preise erhöhen dürfen, zudem sollen die Kraftstoffanbieter Erhöhungen künftig begründen müssen – die Wirksamkeit beider Maßnahmen gilt als umstritten. Von einer Neuauflage des Benzinpreisdeckels oder einer Senkung der Mineralölabgaben will Berlin nichts wissen.

Auch die EU-Kommission ist alarmiert: Zwar habe die EU kein Problem mit der Versorgungssicherheit, da man nicht viel Gas und Öl aus der Golfregion beziehe, sagte Energiekommissar Dan Jørgensen. Aber: »Wir haben ein Preisproblem.« Brüssel denkt darüber nach, den Gaspreis im Großhandel zu deckeln oder zu subventionieren – vor allem, damit der Strom aus Gaskraftwerken nicht unbezahlbar wird.


In den Fokus rückt auch der europäische Emissionshandel. Er gilt als zentrales Klimaschutz-Instrument, indem er dem CO₂-Ausstoß von Industrie und Kraftwerken einen – tendenziell steigenden – Preis verpasst. Das ist ökologisch sinnvoll, treibt aber auch die Inflation. Bundeskanzler Friedrich Merz fordert eine schnelle »Überprüfung« des Mechanismus und hat dabei mehrere Verbündete unter den EU-Regierungschefs. Noch sind die Mitgliedstaaten uneins: Ist die Nahostkrise derart anhaltend, dass Brüssel ein zentrales Klimaschutzinstrument opfern muss?

EZB-Chefin Lagarde: Der Preisschock stürzt die Notenbanker in ein Dilemma

EZB-Chefin Lagarde: Der Preisschock stürzt die Notenbanker in ein Dilemma

Foto: Thomas Lohnes / Getty Images

Der Preisschock stürzt auch die Notenbanken in ein Dilemma. Lange hatten die Märkte darauf gewettet, dass Europäische Zentralbank (EZB) oder die amerikanische Federal Reserve (Fed) in diesem Jahr die Leitzinsen gleich mehrfach senken würden. Die Inflation schien halbwegs im Griff, in den USA schickt Trump den designierten Chairman Kevin Warsh ab Mai mit der ausdrücklichen Botschaft in die Fed, die Zinsen drastisch zu senken – möglichst auf ein, maximal zwei Prozent von derzeit 3,5 bis 3,75 Prozent.

Doch der Irankrieg hat die Kalkulation über den Haufen geworfen. Am Mittwochabend entschied die Fed, die Leitzinsen vorerst nicht anzurühren. Zwar signalisierte sie, den Satz später im Jahr um einen Viertelpunkt zu senken. Aber das ist wenig bis nichts im Vergleich zu dem, was vorher spekuliert wurde und Trump sich wünscht.

Und das ist auch logisch, denn bleiben die Energiepreise so hoch wie jetzt, wird auch die Inflation steigen. Dann aber müssten die Zentralbanken die Leitzinsen anheben, allein schon, um sich nicht wie in den Jahren von 2021 an Schlafmützigkeit vorwerfen zu lassen.

Das Problem: Steigende Leitzinsen verteuern Kredite und kühlen die Wirtschaft herunter mit dem Ziel, dass sich die Inflation beruhigt. Aber weder in den USA noch in Europa ist die Konjunktur so heiß gelaufen, dass sie eine Abkühlung bräuchte.

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Schlimmstenfalls würde das Wachstum auf der Stelle treten – und die Preise steigen trotzdem. »Stagflation« nennen Ökonomen dieses gefürchtete Szenario. In so einer Lage können Notenbanken eigentlich nur das Falsche tun.

Hinzu kommt, dass die Crashgefahr an Finanzmärkten groß ist. Ein schwelender Problemherd ist der zwei Billionen Dollar große Markt der sogenannten Private-Credit-Fonds, bei dem Schattenbanken zu hohen Zinssätzen Darlehen an Unternehmen vergeben, die bei traditionellen Geldhäusern kaum noch an Geld kämen. Steigen die Zinsen, könnten die Schattenbanken zusammenbrechen. Finanzaufseher fürchten um die Geldgeber, die ihre Investments womöglich abschreiben müssen: Banken, Versicherer, Pensionsfonds. Die Gefahr einer Kettenreaktion an den Finanzmärkten ist real – ausgelöst durch Trumps Angriff auf Iran.

Das Misstrauen der Anleger lässt sich am Anleihemarkt ablesen. Die Kurse von US-Bonds, mit denen der Staat seine Schulden finanziert, sind seit Kriegsausbruch stark gefallen. Im Gegenzug sind die Renditen deutlich gestiegen, neue Schulden werden teurer für die USA. Auch für die Bundesrepublik ist Schuldenmachen teurer geworden, weil Anleger angesichts der gestiegenen Preise mit höherer Inflation und höheren Zinsen rechnen.

Was also tun? Spediteur Pfaff experimentiert bereits mit neuer Technik. Seit Kurzem fährt für seine Firma der erste E-Lkw, ein E-Actros 600 von Mercedes.

Doch Pfaff zweifelt daran, dass er seine gesamte Flotte schnell umrüsten kann. »Das Auto ist durch die Akkus schwerer, hat also weniger Nutzlast«, sagt er. Vor allem aber seien die elektrischen Lkw-Modelle doppelt so teuer wie ein herkömmliches Modell.

Es ist das Dilemma der deutschen Wirtschaft:

Der Weg aus der Rohstofffalle kostet viel Geld. Die Abhängigkeit aber auch.