SZ 09.07.2026
14:44 Uhr

(+) Schongau am Tag danach: Krisenintervention in der Schule kurz vor den Sommerferien


Nach dem Amoklauf am Schongauer Welfen-Gymnasium sind noch viele Fragen offen. Der 16-jährige mutmaßliche Täter befand sich offenbar in einer psychischen Ausnahmesituation. Unklar ist, woher er die Waffe hatte.

(+) Schongau am Tag danach: Krisenintervention in der Schule kurz vor den Sommerferien
Am Tag nach dem Amoklauf am Welfen-Gymnasium gibt es viel aufzuarbeiten. Foto: Michael Nibel/HMB-Media/IMAGO

Dieser späte, sommerliche Schultag hat kein gewöhnlicher werden können im oberbayerischen Schongau. Das Schuljahr geht zwar auch in Bayern erkennbar auf die großen Ferien zu, doch in Schongau hatten die Schülerinnen und Schüler am Donnerstag plötzlich wieder sehr viel zu besprechen. Miteinander, mit ihren Eltern, mit den Lehrkräften, aber auch mit Notfallseelsorgern und mit den Leuten vom Kriseninterventionsdienst.

Denn am Mittwoch, nur einen Tag zuvor, hat ein 16-Jähriger auf dem Schulgelände des Schongauer Welfen-Gymnasiums zwei 13 Jahre alten Mädchen mit einem Messer schwerste Verletzungen beigebracht. Und zu dieser Amoktat mitten in der 13 000-Einwohner-Stadt sind noch viele Fragen offen. Zum Beispiel die nach dem möglichen Motiv für die Tat und nach der Schusswaffe, die der 16-jährige Ex-Schüler des Gymnasiums am Mittwoch auch dabeihatte.

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Woher der 16-Jährige diese Pistole hatte, muss die Polizei noch ermitteln, so wie vieles andere auch. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hatte noch am Mittwoch von einer Aussage des mutmaßlichen Amok-Täters gesprochen, wonach dieser sie „aus dem Darknet“ habe. Einen einzigen Schuss hat er mit dieser Waffe abgegeben und damit noch niemanden verletzt. Dann versagte sie offenbar ihren Dienst – aus bisher ungenannten Gründen, aber ziemlich sicher zum großen Glück von vielen Menschen am Schongauer Schulzentrum.

Eine ebenfalls 13-jährige Schülerin aus der Parallelklasse der beiden schwer verletzten Mädchen hat die Tat direkt miterlebt. „Meine Beine sind ganz schwach geworden“, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.  „Ich habe gar nicht mehr gewusst, wie ich jetzt reagieren soll, ob ich irgendwie kurz nach Hilfe rufen soll – oder mich einfach ganz leise verhalten soll.“ Sie habe sich mit zwei Freunden für die zweite Variante entschieden. „Wir haben dann einfach weggeschaut und gehofft, dass der uns nicht bemerkt.“

Gut 800 junge Menschen besuchen das Welfen-Gymnasium in Schongau. Die diesjährigen Abiturienten haben die Schule schon verlassen. In direkter Nachbarschaft des Gymnasiums liegen aber noch eine Grund- und eine Mittelschule sowie die Pfaffenwinkel-Realschule mit zusammen weiteren rund 1700 Schülerinnen und Schülern. Sie alle hatten am Mittwoch irgendwann möglichst geordnet ihre Gebäude verlassen müssen, was die ersten Beobachter als ein großes Durcheinander beschrieben haben.

Eine Amoktat wie die vom Mittwoch ist eine extreme Ausnahmesituation, doch in Schulen gibt es Pläne und Regeln für solche Fälle. Nach dem Ernstfall vom Mittwoch lässt sich überprüfen, ob die vorgesehenen Abläufe in realen Situationen wie dieser wirklich funktionieren.

Nach dem Alarm, der bei der Polizei nach deren Angaben um etwa 12.50 Uhr einging, hat es nicht lange gedauert, bis die ersten Beamten eintrafen. Nach Angaben von Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU), in dessen Wahlkreis Schongau liegt, haben Lehrkräfte und Polizisten den 16-Jährigen nur 17 Minuten nach dem ersten Alarm in der Nähe der Sporthalle auf dem Schulgelände festgesetzt. Zunächst haben ihn offenbar die beiden Lehrer überwältigt, ehe ihn die Polizeibeamten festgenommen haben, präzisierte das Polizeipräsidium in Rosenheim am Donnerstagnachmittag.

Minister Dobrindt zeigte sich schon am Abend nach der Tat tief beeindruckt „davon, wie hier Lehrkräfte, wie hier Schüler miteinander in dieser schrecklichen Situation reagiert haben und dafür gesorgt haben, das Schlimmeres verhindert werden konnte“. Der Weilheimer Landrat Johann Bertl (CSU) dankte wie Dobrindt allen Polizisten und Rettungskräften und lobte ausdrücklich „den mutigen Einsatz der Lehrkräfte“.

Bayerns Kultusministerin Anna Stolz (FW) bedankte sich am Donnerstag bei einem Besuch an der Schule speziell bei zwei Lehrkräften, die den mutmaßlichen Täter überwältigt hätten, sowie bei den Schülerinnen und Schülern, die den beiden schwer verletzen Mädchen zu Hilfe eilten. „Eines der Mädchen wäre sehr wahrscheinlich verblutet, wenn sie das nicht gemacht hätten. Also die haben ihr wahrscheinlich das Leben gerettet“, sagte Stolz nach dem Besuch der dpa. „Das sind echte Helden für mich.“ Dem Welfen-Gymnasium und allen anderen Schulen am Schongauer Schulzentrum sagte sie demnach „jede Unterstützung“  jetzt und auch noch im kommenden Schuljahr zu. Es werde „sehr viel Zeit brauchen“, die Ereignisse in der Schulfamilie aufzuarbeiten.

Schon vor Monaten hatte es in Schongau einen Polizeieinsatz wegen einer Bedrohungslage am Schulzentrum gegeben. Ob und wie der Vorfall mit der Tat vom Mittwoch zusammenhängt, hat die Polizei bisher nicht bekannt gegeben. Auch in den Stunden nach der Tat hat die Polizei Details zur Tat und dem mutmaßlichen Täter sehr zurückhaltend kommuniziert – „aus ermittlungstaktischen Gründen“, wie die Formel stets lautet.

Das Mitteilen von Neuigkeiten fällt dann oft hochrangigen Politikern zu wie Herrmann, der sich als Erstes am Mittwochnachmittag am Rande einer CSU-Veranstaltung am Chiemsee geäußert hatte, und Dobrindt, der am späteren Nachmittag mit dem Hubschrauber nach Schongau eingeflogen worden war.

Erst Dobrindt hat etliche Stunden nach der Tat öffentlich gemacht, dass der 16-Jährige mit der Pistole geschossen hat, ehe sie versagte. Die Polizei hatte sich bis dahin stets darauf zurückgezogen, er habe eine Schusswaffe dabeigehabt, die beiden Mädchen aber mit einem Messer verletzt. Die beiden 13-Jährigen, laut Dobrindt wohl „Zufallsopfer“ des Jugendlichen, haben demnach „schwerste Verletzungen“ erlitten, sich aber noch aus eigener Kraft etwas vom unmittelbaren Geschehen entfernen können, ehe sie von den Rettungskräften in die Klinik gebracht wurden. Sie seien außer Lebensgefahr, hieß es schon am Mittwochnachmittag.

Der mutmaßliche Täter war da längst in Polizeigewahrsam und ist am Donnerstagnachmittag in München einem Haftrichter vorgeführt worden. Dieser schickte ihn in Untersuchungshaft in ein gewöhnliches Gefängnis und entschied sich damit gegen eine einstweilige Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie. Zur Zeit der Tat hatte sich der mutmaßliche Täter laut Dobrindt in einer „psychischen Ausnahmesituation“ befunden. Er war demnach schon zuvor wegen psychischer Probleme in Behandlung.

Auch der Polizei und der Staatsanwaltschaft war der mittlerweile 16-Jährige bereits zuvor bekannt. Wie das Polizeipräsidium Rosenheim am Donnerstagnachmittag mitgeteilt hat, führte die Staatsanwaltschaft München II gegen ihn schon seit Längerem ein Ermittlungsverfahren wegen zweier Vorfälle aus dem Jahr 2025. Dabei soll er unter anderem Mitschüler bedroht und in sozialen Netzwerken Amokläufe verherrlicht haben. Dennoch habe es bis zu der Tat Mittwoch nie einen Grund gegeben, den Jugendlichen in Haft zu nehmen, betonte die Polizei.

Schongaus Bürgermeister Thomas Schleich bezeichnete den Mittwoch in einer Nachricht auf den Social-Media-Kanälen der Stadt als „Tag, der uns alle verändert hat“. Zwei von drei Kindern des Bürgermeisters besuchen selbst Schulen am örtlichen Schulzentrum. Was die Menschen am Welfen-Gymnasium erleben mussten, sei „das, wovor wir uns alle immer am meisten gefürchtet haben. Der Schock sitzt tief, und die Bilder dieses Tages werden uns noch lange begleiten.“ Schongau halte zusammen, wenn es darauf ankomme. „Wir werden Zeit brauchen, um das Erlebte zu verarbeiten, aber wir werden diesen Weg gemeinsam gehen.“

Er sei persönlich froh, dass die Schule geöffnet habe, sagte Schleich am Donnerstag außerdem der dpa. Das könne helfen, dass die Schülerinnen und Schüler in der Klassengemeinschaft und mit den Lehrkräften wieder in ihren normalen Alltag hinein fänden.

Maskierte Einsatzkräfte, Verletzte auf der Treppe, ein Amokläufer im Klassenzimmer – in den Herbstferien probt die Polizei für Situationen, die hoffentlich nie eintreten.

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