SZ 03.09.2026
16:09 Uhr

(+) Neuer Staatsminister für Sport und Ehrenamt: Eine Personalie, die sich der deutsche Sport kaum besser hätte basteln können


Bundeskanzler Friedrich Merz präsentiert Kanu-Olympiasieger Ronald Rauhe, 44, als neuen Staatsminister für Sport und Ehrenamt. Dessen vorrangiger Auftrag ist klar: die deutsche Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele.

(+) Neuer Staatsminister für Sport und Ehrenamt: Eine Personalie, die sich der deutsche Sport kaum besser hätte basteln können
Experte für schnelles Sportmaterial – aber auch ein guter Sportpolitiker? Ronald Rauhe (rechts), neuer Staatsminister für Sport und Ehrenamt, bei seiner Vorstellung am Donnerstag mit Bundeskanzler Friedrich Merz.
Joohn MacDougall/AFP

Vor eineinhalb Jahren, als sie in Sport und Politik diskutierten, erstmals einen Staatsminister für Sport im Kanzleramt anzusiedeln, bot der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) allerlei verdiente Spitzensportler als Fürsprecher auf. Was ein künftiger Minister mitbringen sollte, wenn er sich einen basteln könne, wurde etwa Ronald Rauhe, der zweimalige Kanu-Olympiasieger, auf der Homepage des DOSB gefragt. „Es wäre sicherlich zielführend, wenn es jemand aus dem Sport wäre, der oder die all die relevanten Themen aus eigener Erfahrung kennt“, antwortete Rauhe. Andererseits brauche es eine Persönlichkeit, „die auf politischem Parkett trittsicher agiert und sofort fundierte Antworten geben kann“.

Ob er dieses Stellenprofil vollumfänglich erfüllt, darf Rauhe ab sofort höchstselbst beweisen. Am Donnerstag präsentierte Bundeskanzler Friedrich Merz den 44-Jährigen als neuen Staatsminister für Sport und Ehrenamt, vor Rennrädern, Rodelschlitten und einem Kanu, das sie auf den Stufen des Kanzleramts drapiert hatten. Christiane Schenderlein, Rauhes Vorgängerin, hatte Merz zuletzt nach nur 14 Monaten Amtszeit ins Gesundheitsministerium versetzt. Dass sich der Kanzler jemanden als Nachfolger gewünscht hatte, der in der Sportwelt im Rang einer Bekanntheit steht, gab Merz am Donnerstag unumwunden zu. Er erhoffe sich, sagte Merz, „eine tatkräftige Unterstützung von Roland Rauhe“ bei der deutschen Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele.

Christiane Schenderlein muss ihr Amt als Staatsministerin für Sport und Ehrenamt nach 14 Monaten schon wieder räumen – einen Nachfolger kann der Kanzler aber noch nicht präsentieren. Gerät die Personalie zur nächsten Posse der Regierung?

Rauhe versprach eine solche Mitarbeit sogleich, betitelte die Olympiakampagne als „Zugpferd für die Generation Olympia“ und gelobte, die notorisch komplizierte Spitzensportförderung so zu gestalten, dass „aus Talent wieder Gold wird“. Spannender dürfte die Frage werden, wie trittsicher er auf dem politischen Parkett agiert, zumal sein neues Amt auch den gewaltigen Ehrenamtsbereich außerhalb des Sports betrifft, woran die SPD-Fraktion prompt erinnerte. In jedem Fall ist er eine Personalie, die sich der DOSB als Dachverband des organisierten Sports kaum besser hätte basteln können – auch wenn er bis zuletzt arg gegrummelt hatte.

Zwar waren längst nicht alle Vertreter im Sportkosmos so zufrieden mit der einstigen Staatsministerin, wie es manche Lobeshymne zuletzt suggerieren wollte. Aber die Kulturpolitikerin Schenderlein hatte die zentralen Vorhaben des Koalitionsvertrags binnen gut eines Jahres durchgedrückt, insbesondere das Sportfördergesetz, das den Abschwung in diversen Medaillenspiegeln stoppen soll. Und die zügige Nachbesetzung, die Merz vor der Sommerpause versprochen hatte, zog sich. Speziell Nadine Keßler, Direktorin für Frauenfußball beim Kontinentalverband Uefa und nach SZ-Informationen eine Wunschkandidatin, überlegte es sich dann doch anders. Derweil rückte der 26. September näher, wenn der DOSB den deutschen Bewerber für die Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 küren will. Und welch hochpeinliches Signal hätte es gesendet, wäre der wichtigste Sportposten der Regierung da vakant gewesen?

Auf Rauhe wartet nun also ein Sprung ins kalte Wasser, auch wenn ihn das als einstigen Kanute kaum schrecken dürfte. Zum anderen ist er zumindest mit manchen Themen durchaus vertraut, auch, weil er bis zuletzt die Berliner Olympiabewerbung unterstützte; als „Keynote-Speaker“ und Buchautor darüber sinnierte, wie der Sport in der Gesellschaft wieder besser verankert werden könnte. Seit 2023 sitzt er auch in der Athletenkommission des Europäischen Olympiakomitees (EOC), vor zwei Jahren stieg er in das von DOSB und vom Innenministerium geförderte „Leadership-Programm“ ein, das laut DOSB „deutsche Führungskräfte darauf vorbereitet, die Sportwelt mitzugestalten“. Auf welcher Spur Rauhe dabei unterwegs war, beschrieb der DOSB vor eineinhalb Jahren auf seiner Homepage so: „An der Seite des deutschen Sports.“

Da überraschte es kaum, dass DOSB-Präsident Thomas Weikert am Donnerstag ausrichtete: „Einen Olympiasieger, der über Jahrzehnte als Sportsoldat im Kanurennsport Weltspitzenleistungen mit Engagement im Verein und der Vertretung von Athletinnen und Athleten kombiniert hat, am Kabinettstisch zu wissen, gibt dem Sport und dem ehrenamtlichen Engagement in unserem Land Rückenwind.“ Der deutsche Sport erhalte „einen glaubwürdigen und sympathischen Botschafter an höchster Stelle“, sagte Max Hartung als Sprecher des Vorstands der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Und Pia Greiten, die Präsidentin von „Athleten Deutschland“, befand: „Ronny hat das Spitzensportsystem aus vielen Perspektiven kennengelernt und weiß um die besonderen Bedarfe der Athletinnen und Athleten.“

Zwei Gedanken, die Rauhe schon vor eineinhalb Jahren auf der DOSB-Homepage erörterte, klingen im heutigen Lichte übrigens besonders spannend. Zum einen befürworte er es, wenn der Sport künftig im Kanzleramt angebunden sei, damit dieser mit anderen Kernthemen wie Gesundheits- und Bildungspolitik verknüpft werden könne. Zum anderen sei „vielen Menschen in der Politik“ gar nicht bewusst, weshalb immer weniger junge Menschen den Weg in den Spitzensport finden. Es ärgere ihn, wenn Politiker im Bundeswahlkampf „die Abschaffung von Ehrenurkunden bei den Bundesjugendspielen als Ursache fehlenden Erfolgs“ propagierten, das zeuge „von Halbwissen“ so Rauhe. Ein Vertreter dieser These war damals übrigens: der aktuelle Bundeskanzler.

Vertrauliche Dokumente zeigen, wie der Leichtathlet Owen Ansah seine umstrittene Dopingkontrolle schildert – und wie scharf er der Version der Nationalen Anti-Doping-Agentur und des Kontrolleurs widerspricht. Vor den Sportgerichten dürfte es brisant werden.

Lesen Sie mehr zum Thema

In anspruchsvollen Berufsfeldern im Stellenmarkt der SZ.

Sie möchten die digitalen Produkte der SZ mit uns weiterentwickeln? Bewerben Sie sich jetzt!Jobs bei der SZ Digitale Medien

Exklusive Gutscheine für SZ-Abonnenten: