SZ 20.09.2026
21:09 Uhr

(+) Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: Ziel knapp verfehlt


Es war ein polarisierter Wahlkampf, lange lag die SPD deutlich hinter der AfD zurück. Doch am Ende holte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig mächtig auf. Die AfD aber schlägt sie nicht.

(+) Landtagswahl Mecklenburg-Vorpommern: Ziel knapp verfehlt
„Ich bin nur die Frau für MV, weil es euch gibt“: Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) am Wahlabend in Schwerin.
RONNY HARTMANN/AFP

Die Orangerie am Fuße des Schweriner Schlosses ist der ideale Ort für einen Tag wie diesen. Palmengarten, Muschelbrunnen, Weltkulturerbe. Hier bringen sie die Gartenpflanzen unter, wenn es draußen kalt wird. Manuela Schwesig hat in diesen Räumen Bundesverdienstorden verliehen und das niederländische Königspaar empfangen, sie sind wie geschaffen für gediegene Feste. Doch ob Schwesig feiern kann an diesem Abend, ist nicht klar. Zwei Balken sind es, die nach oben schießen, ein roter und ein blauer. Und der blaue ist ein wenig höher.

Es ist still in der Orangerie, niemand jubelt. Zu sehr hatten die Sozialdemokraten gehofft, doch noch an der AfD vorbeizuziehen. Erst langsam fangen sich Schwesigs Unterstützer, und der Applaus setzt ein. Um 18.18 Uhr betritt die Parteichefin und amtierende Ministerpräsidentin die Bühne, ist sichtlich gerührt. „Ich weiß, dass es schmerzt diesen blauen Balken zu sehen“, sagt sie. Aber die AfD habe ihr Ziel der absoluten Mehrheit verfehlt, könne keine Alleinregierung stellen. „Wir haben diesen Kampf angenommen“, ruft Schwesig, „was für eine Aufholjagd, trotz starkem Gegenwind aus dem Bund“. Sie bedankt sich bei den Bürgerinnen und Bürgern, sie bedankt sich bei ihrem Team. „Ich bin nur die Frau für MV, weil es euch gibt.“

Das Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen SPD und AfD hat am Wochenende seinen Höhepunkt erreicht in Mecklenburg-Vorpommerns Landeshauptstadt. Noch am Tag vor dieser denkwürdigen Wahl, als es dunkel wurde in Schwerin, hatten sich auf dem Marktplatz Dutzende Bürger getroffen. Sie hielten Kerzen in den Händen, sangen: „Die Gedanken sind frei“ und „We shall overcome“.  Auf dem Pflaster, ausgerollt zwischen ihnen, lag eine Regenbogen-Flagge. Auf Videos in den sozialen Netzwerken war Manuela Schwesig zu sehen, wie sie sich unter die Singenden mischte.

Kurz zuvor war die Stimmung eine völlig andere auf dem Schweriner Marktplatz. Schwesigs Kontrahent Leif-Erik Holm stand vor mehreren Hundert Menschen mit Deutschland-Flaggen.  „Wir sind das Volk“ skandierten sie und „Uliii, Uliii, Uliii“. Die AfD hatte zu ihrer Abschlusskundgebung als Ehrengast Ulrich Siegmund eingeladen, den Wahlsieger aus Sachsen-Anhalt. Man hoffte, dessen Erfolg im Nordosten wiederholen zu können, doch Holm ist ein schwächerer Redner, weniger charismatisch, auch wenn den ehemaligen Radiomoderator im Land fast jeder kennt.

„Ich stehe für eine Politik, durch die die Welt hier in MV endlich wieder in Ordnung kommen wird“, sagt Holm. Zuerst müsse man jedoch „den Schutt wegräumen, den Frau Schwesig angehäuft hat“. Als hätte ein Krieg getobt in den neun Jahren ihrer Amtszeit.

Hier finden Sie alle Ergebnisse der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern in interaktiven Grafiken und Karten.

Vor den Trümmern ihrer politischen Arbeit steht in Mecklenburg-Vorpommern die CDU. Die Wahlparty, sofern der Begriff Party angemessen ist, findet in einer Tanzschule statt. Der Landesvorsitzende und Spitzenkandidat Daniel Peters, warb mit dem Bild eines Fischbrötchens, dazu der Slogan: „Die Mitte ist das Beste.“ Diese mythische Mitte ist zerbröselt in Sachsen-Anhalt, selbst die AfD beansprucht sie inzwischen für sich.

Schon nach der Prognose ist klar: Die CDU muss um den Einzug in den Landtag bangen. Die Parteimitglieder im Saal blicken betroffen und still auf den Bildschirm mit den Ergebnissen. Im Ballsaal findet sich kein einziges CDU-Logo, hinter der Bühne nur eine schwarze Wand. Die CDU will mit dem Ergebnis offensichtlich nichts zu tun haben. Sie geht in der Tanzschule auf Distanz zu sich selbst.

Als Peters vor seine Leute tritt, macht er es kurz: „Die CDU Mecklenburg-Vorpommern hat ein katastrophales Ergebnis eingefahren“. Die Partei befinde sich im Überlebenskampf.  Die Niederlage ist historisch. 1951 erreichte die CDU bei der Bürgerschaftswahl in Bremen neun Prozent, jetzt liegt sie deutlich darunter. Die Folgen für den Kanzler Friedrich Merz und die Bundespolitik sind an diesem Abend kaum absehbar.

Manuela Schwesig hat vielleicht nicht gewonnen, aber sie hat einen erfolgreichen Wahlkampf geführt. Lange dominierte die AfD nicht nur die Marktplätze, sondern auch die Umfragen. Im Herbst vergangenen Jahres lag die Partei bei knapp 40 Prozent, die SPD folgte mit etwa 20 Prozent.

Was dem Land im Falle eines AfD-Sieges drohe, schilderte Schwesig auf dem offiziellen Wahlkampfabschluss am Freitag in Rostock: Regierungschaos, Hängepartie, Neuwahlen. Die AfD stehe für Radikalisierung, sie selbst für Stabilität. „Die Menschen müssen sicher sein, dass sie eine Ministerpräsidentin haben, die sich für sie einsetzt.“

An Schwesigs Seite vor dem Leuchtturm in Warnemünde standen vier SPD-Landeschefs aus Hamburg, Brandenburg, Niedersachsen, dem Saarland. Prominenz aus Berlin fehlte. In den vergangenen Wochen war Schwesig auf maximale Distanz zur Bundesregierung gegangen, rügte den Ton des Kanzlers, forderte eine Reform der Reformen und kritisierte indirekt auch ihre eigene Partei.

Schwesigs Reden der vergangenen Wochen waren gespickt mit sozialdemokratischen Schlüsselbegriffen: Generationengerechtigkeit, Tariftreuegesetz, bezahlbare Mieten. „Wer bitte soll mit ‚kleinen Leuten‘ gemeint sein?“, fragte sie. „Menschen, die jeden Tag aufstehen und sich um ihre Familien kümmern? Die sind nicht klein, die sind stark.“ Sie bedankte sich bei einer Schulsozialarbeiterin aus Ludwigslust, beschrieb das Schicksal einer Erzieherin, die 43 Jahre lang ihre behinderte Tochter pflegte und nun um die Rente fürchten muss.

Manuela Schwesig wurde mit 34 Jahren Sozialministerin in Schwerin, fünf Jahre darauf Bundesfamilienministerin, mit 43 war sie Ministerpräsidentin. Von Beginn an ist sie auf ihr Alter, ihre Herkunft, ihre Haarfarbe reduziert worden – und wurde unterschätzt. Sie setzte die Frauenquote für Aufsichtsräte großer Unternehmen durch, die steuerliche Entlastung für Alleinerziehende, das Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit. Schon in Berlin galt sie als machtbewusste Netzwerkerin.

Als Wladimir Putin beschloss, die Ukraine gewaltsam zu unterwerfen, musste sich auch Schwesig rechtfertigen: für eine Pipeline, die teils zersprengt auf dem Grund der Ostsee liegt, für eine Klimaschutzstiftung, die nicht zuerst das Klima schützte, sondern russische Interessen. Ihre politische Karriere schien beendet zu sein. Sie hat weitergemacht. Sie hat sich selbst rehabilitiert, hat das Schweriner Schloss in den ukrainischen Nationalfarben anstrahlen lassen und bei jeder Gelegenheit von ihrer Nachbarin erzählt, die vor Putins Bomben geflohen sei.

Schwesigs Wahlkampfteam hat verstanden, was nötig ist im Zeitalter der Personalisierung, und die Kampagne vollständig auf die Ministerpräsidentin zugeschnitten. Statt Interviews gab es eine Flut an Reels und politischen Botschaften, die simpel genug waren, um auf ein Sharepic zu passen. „Frau gegen Blau“, stand auf dem Plakat, das Schwesig am Tag nach der Wahl in Sachsen-Anhalt enthüllte. Unter dem Zweikampf gelitten haben alle anderen Parteien, Linke, Grüne, CDU.

„Es geht darum, ob Extremisten die Macht übernehmen oder eine verlässliche, stabile Regierung gebildet werden kann“, war einer dieser Sätze, den Manuela Schwesig im Wahlkampf oft wiederholte. Diese Aufgabe wird nun bei ihr liegen. Aber ob sie ihr gelingt, ist angesichts des Wahlergebnisses noch lange nicht klar.

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