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09.03.2026
17:44 Uhr
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Kaum einer im Rathaus hat es noch für möglich gehalten, doch nach Auszählung fast aller Wahllokale hat die bisherige Koalition aus Grünen, SPD, Volt und Rosa Liste eine Mehrheit.

Die CSU hat all ihre Wahlziele verfehlt, die Grünen stehen endgültig als Sieger der Kommunalwahl am Sonntag da. Mit der Auszählung fast aller noch offenen Stimmen bis zum Montagabend hat sich das Ergebnis der Stadtratswahl in München noch einmal spürbar verändert. Alles sieht danach aus, dass die Grünen zum zweiten Mal in Folge stärkste Kraft im Rathaus sein werden.
Die Umweltpartei kommt bei 1300 von 1376 ausgezählten Stimmgebieten auf 26,5 Prozent der Stimmen. Damit tauscht sie mit der CSU, die nun 1,6 Prozentpunkte dahinter liegt, die Plätze. Auch bei den erreichten Stadtratsmandaten gibt es eine klare Reihenfolge. Die Grünen verfügen in der neuen Amtszeit über 21 Sitze, die CSU folgt auf Rang zwei mit 19. Dritte Kraft bleibt mit 19,2 Prozent und 15 Mandaten die SPD.
Bei den kleinen Parteien gab es noch eine Änderung mit großer Symbolkraft in München. Die AfD wird von den Linken mit 6,5 Prozent verdrängt und erreicht mit 5,8 Prozent nur noch Platz fünf. Beide werden mit fünf Stadträtinnen und Stadträten ins Rathaus einziehen und damit aus eigener Kraft eine Fraktion bilden können. Das gilt auch für Volt mit 4,7 Prozent und nun vier Sitzen.
Mit dem nahen vorläufigen Endergebnis drängen in den Schaltzentralen der Parteien auch die grundsätzlichen Zukunftsfragen nach vorn. Es schlägt die Zeit der Strategen mit eingebautem Mehrheitsrechner: Wer könnte mit welcher Mehrheit künftig die Stadt regieren? Wer bietet sich als Partner an, weil er die Mandate mitbringt, die für eine künftige Stadtregierung nötig sind? Oder wer verliert diesen Sitz noch?
Nicht zu vernachlässigen ist auch der politische Beziehungscheck: Wer kann mit wem? Und mit wem auf keinen Fall? Eines ist jedoch schon klar: Der Farben-Fächer der Parteien, die in den Stadtrat einziehen, ist so bunt und kleinteilig, dass äußerst knifflige Berechnungen und Verhandlungen anstehen werden. Außer es tritt der Fall ein, mit dem eigentlich schon niemand mehr gerechnet hat.
Denn die bisherige Koalition aus Grünen, Rosa Liste, Volt und SPD hat nach der Auszählung fast aller Stimmen plötzlich wieder eine Mehrheit, die sich auch in Zukunft als tragfähig erweisen könnte. Mindestens nötig sind bei 80 Stadträten und einem Oberbürgermeister dafür 41 Mandate. Die Grünen kommen auf 21 Stadträtinnen und Stadträte, die SPD auf 15, Volt auf vier und die Rosa Liste auf eines.
Das macht 41 Sitze, dazu kommt als fixe Stimme ganz sicher der Oberbürgermeister. Denn egal, ob Dieter Reiter (SPD) oder Dominik Krause (Grüne) die Stichwahl am 22. März gewinnt, Grün-Rot würde sich dadurch verstärken.
In der SPD gibt es zwar gerade in der Rathausführung eine gewisse Müdigkeit in der Zusammenarbeit mit den Grünen, doch an der Basis dürfte es viele Stimmen geben, die das einst rot-grüne und jetzt grün-rote Projekt fortsetzen wollen. Nach Informationen der SZ soll es schon vor der Wahl lose Einzelgespräche gegeben haben darüber, was sich bei einer Fortsetzung der Koalition intern ändern müsste und wie man besser miteinander zurechtkäme als in der vergangenen Amtszeit.
Zwei weitere Parteien würden von der politischen Ausrichtung grundsätzlich auch zu Grün-Rot passen: die Linke mit fünf Mandaten und das Bündnis Kultur mit einem. Allerdings ist sowohl von Grünen als auch der SPD zu vernehmen, dass sie eine Zusammenarbeit mit der Linken und deren Spitzenkandidaten Stefan Jagel nahezu ausschließen. Aus Sicht der jetzigen Koalition hat die Linke im Wahlkampf zu oft die Wahrheit strapaziert und inhaltlich jenseits des Erträglichen Stimmung gemacht.
Wer wird Oberbürgermeister? Welche Partei holt die Mehrheit im Rathaus? Die Ergebnisse in interaktiven Wahl-Grafiken.
Entgegen der Hoffnung der CSU scheint eine Neuauflage der grün-roten Koalition gerade sehr realistisch zu werden. Denn Oberbürgermeister Reiter lässt zwar schon lange erkennen, dass er lieber mit der CSU eine Stadtregierung bilden würde, doch diese Konstellation hat mit der Auszählung am Montag einen schweren Rückschlag erlitten.
Die Wunschkoalition der CSU mit der SPD würde wahrscheinlich drei kleine Partner benötigen, um eine Mehrheit zu erreichen. Mit der SPD (15 Sitze) käme die nochmals geschwächte CSU (19 Sitze) auf nur noch 34 Mandate, mit einem möglichen Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) auf 35. Als Mehrheitsbeschaffer infrage kämen die FDP mit ihren drei Stadträten, die Freien Wähler (zwei) und die ÖDP (zwei). Eine solche Fünfer-Koalition kann man sich allerdings im Regierungsalltag kaum vorstellen. Eine Zusammenarbeit mit der AfD schließen alle Parteien im Stadtrat derzeit aus.
SPD-Oberbürgermeister Dieter Reiter stürzt weit ab in der Wählergunst, wovon Grünen-Kandidat Dominik Krause profitiert. Welche Überraschungen es bei der Wahl in München noch gab.
Bleibt für die CSU nur noch eine andere Macht-Option, die sie eigentlich auf keinen Fall möchte. Und auch die würde nur funktionieren, wenn Dominik Krause für die Grünen die OB-Wahl gewänne. Grün-Schwarz käme mit dem Stadtratsergebnis auf genau 40 Stimmen und hätte dann mit dem OB die geringstmögliche Mehrheit von 41 Sitzen. Wegen der grundsätzlichen Unterschiede in der Verkehrspolitik und der gegenseitigen Vorbehalte darf man das als eine Koalition der Verzweiflung betrachten, die praktisch auszuschließen ist.
Spannend zu beobachten wird sein, wie sich das Ergebnis der Stadtratswahl auf mögliche Wahlempfehlungen für die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters auswirkt. Bei einer realistischen Macht-Option mit der SPD hätte die CSU sich für Reiter aussprechen und sich dafür in Verhandlungen schon attraktive Posten sichern können. Ob ein vages Fünfer-Bündnis oder der bloße Wille, einen Oberbürgermeister der Grünen zu verhindern, Anlass genug für eine Positionierung ist, wird die CSU in den nächsten eineinhalb Wochen entscheiden müssen.
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