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14.08.2026
12:04 Uhr
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45 Minuten mit dem Braumeister von Paulaner, ein geliehener Wechsel und 99 Prozent Zuversicht: Was beim ersten Training des neuen OB passierte.

Das Geheimnis des perfekten Anzapfens: Wenn ein Münchner Oberbürgermeister diese Fähigkeit drauf hat, dann kann in puncto Anerkennung beim Volk schon nicht mehr viel schiefgehen. Er muss nur noch mit dem Druck zurechtkommen, wenn ihm an diesem einen Samstag im Jahr um 12 Uhr mittags auf der Theresienwiese Millionen Menschen dabei zuschauen, wie er mit einem Schlegel den Wechsel in den Hirschen haut.
Das weiß natürlich auch der neue Oberbürgermeister Dominik Krause, 36, von den Grünen, weshalb er sich am Donnerstag am späten Nachmittag in der Paulaner-Brauerei zu einem streng geheimen Vorbereitungstraining einfand. Dort wartete nach einer Führung übers Gelände in einer Produktionshalle Markus Hübner mit einer Reihe von Fässern auf den Oberbürgermeister. Gelernter und studierter Brauer aus Leidenschaft, wie er sich selbst bezeichnet, und Leiter der Bereiche Qualität, Forschung und Entwicklung.
Was aber noch viel wichtiger ist, gut vier Wochen vor dem Start des Oktoberfests: Der 54 Jahre alte Hübner ist ein absoluter Experte im Anzapfen eines Holzfasses.
In dieser Eigenschaft wechselte er für 45 Minuten vom Entwicklungschef bei Paulaner in den Job des Cheftrainers für den Oberbürgermeister. Schließlich wartet am 19. September auf Krause die Amtshandlung, die in München traditionell am meisten Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit auf sich zieht: Er wird das erste Fass auf dem Oktoberfest anzapfen und traditionell dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) die erste Mass reichen.
Die Leistungsbilanz eines Münchner Oberbürgermeisters umfasst natürlich noch ein paar andere Kleinigkeiten, aber wie viele Schläge er zur Eröffnung der Wiesn braucht, das bleibt im Gedächtnis. „Ich habe als Zweiter Bürgermeister schon das ein oder andere Mal angezapft, auch auf der Wiesn, aber der Anstich ist dann doch etwas ganz Besonderes“, lässt Krause dazu verlauten.
Bei der Einheit ist die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Der Trainer aber darf danach Auskunft geben, und Brauer Hübner klingt zuversichtlich. „Er hat sich sehr gut angestellt“, sagte er. Man habe gemerkt, dass er schon Erfahrung mitbringe. Welchen grundsätzlichen Tipp gibt einer wie Hübner vor dem Anzapfen? „Nicht mit voller Wucht und Kraft, sondern die Geschwindigkeit des Schlegels mitnehmen.“ Und das Allerwichtigste: Nach dem ersten Schlag darf es durchaus ein wenig spritzen. „Dann muss aber sofort der zweite Schlag kommen.“
Das scheint Krause schon ganz gut verinnerlicht zu haben. „Alle Fässer mit zwei Schlägen“, resümiert Trainer Hübner. Zuerst wurde, so rekonstruiert er es am Telefon, trocken geübt, also mit leeren Fässern. Da ging es darum, wie viel Kraft und Druck es braucht. „Das ist alles eine Gefühlssache“, sagte Hübner. Dann ging es an richtig gefüllte Bierfässer, was aufgrund des höheren Drucks im Inneren schon einen Unterschied macht. Dort steigerte sich das Training von einem Fass mit 20 Litern über eines mit 50 Litern bis schließlich zu einem Hirschen mit 100 Litern, wie er beim Anstich auf dem Oktoberfest verwendet wird.
Einen klassischen Fehler beim Anzapfen, den Krause und alle anderen am Fass vermeiden sollten, nennt Fachmann Hübner auch: „Der Wechsel kann zum Beispiel verkanten, dann schießt das Bier raus.“ Das scheint beim Training nicht der Fall gewesen zu sein, eine Bierdusche Krause erspart geblieben zu sein. Ein paar Spritzer habe aber die grüne Schürze, die er sich umgebunden hatte, schon abbekommen. Und mit einem Gerücht räumt Hübner im Telefonat noch auf. Künstliche Hilfsmittel kämen beim Anzapfen nicht zum Einsatz, sagt er. Nur der übliche rote Gummi als Spritzschutz, der Wechsel aus Messing und der Schlegel aus Holz.
Mehr brauchte Krause beim Üben also auch nicht. Das Tragen der Schürze war in jedem Fall angebracht, denn Krause war nicht in legerer Trainingskleidung gekommen, sondern gleich im Gewand für den Ernstfall auf dem Oktoberfest: kurze Lederhose, Hemd, Weste, die Ärmel hochgekrempelt. Beim ersten Treffen mit Hübner stimmte offensichtlich auch die Chemie im Persönlichen. „Sehr zugewandt und sympathisch“ sei der neue Oberbürgermeister gewesen, sagte Hübner.
Der Oberbürgermeister weiß aber natürlich, dass es einen Unterschied macht, ob er in der Halle bei Paulaner oder im Schottenhamel-Bierzelt in der Anzapfbox steht. „Das ist wie beim Elfmeterschießen. Das haben Fußballer auch schon oft gemacht, aber wenn ein paar Menschen mehr zuschauen, schadet es nicht, das vorher nochmal zu üben.“ Damit er den Wechsel sauber trifft, überlässt ihm sein Trainer für den Anstich sogar den eigenen. Ein Vertrauensbeweis und wichtig, denn der Wechsel muss einem vertraut sein wie dem Fußballer dessen Schuhe, sagte Hübner.
Er wird als neuer Trainer und damit Nachfolger des legendären Helmut Huber am Tag der Wiesn-Eröffnung auch in der Anzapfbox dabei sein. Es wird also eine doppelte Premiere geben, und der Druck nach den Reiter-Jahren mit regelmäßig nur zwei Schlägen ist hoch. Allerdings hatte Alt-Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) beim ersten Mal auch seine Probleme, was 2014 zum legendären Spruch nach dem vierten, wohl schon unnötigen Schlag, führte: „Scheiß drauf. Wurscht.“ Dessen Vorgänger Christian Ude (SPD) benötigte bei der Premiere sogar sieben Schläge. Im Zelt skandierten die Menschen: „Aufhören, aufhören!“
Brauer Hübner geht davon aus, dass Krause so etwas nicht passiert. Mit 99 Prozent bezifferte er die Chance, dass die Doppelpremiere von Trainer und Schützling gut geht. Die Messlatte legte er hoch: Drei Schläge oder weniger nannte er als Ziel. Danach werden die Menschen in den Festzelten und an den Fernsehern so oder so den entscheidenden Spruch hören: „Ozapft is!“
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