SZ 06.09.2026
10:43 Uhr

(+) Bremens 3:1 gegen Leipzig: Und plötzlich geht das Flutlicht an


Kein Geld, keine Punkte, keine aufregenden Spieler: Bei Werder herrschte zuletzt Untergangsstimmung, doch beim 3:1 gegen RB entwickelt der ganze Klub plötzlich ungeahnte Kräfte.

(+) Bremens 3:1 gegen Leipzig: Und plötzlich geht das Flutlicht an

Das Bremer Weserstadion ist einer der sagenhaftesten Orte des Landes. Es können noch so viele Nasen gerümpft werden, wenn sich die Stadtbewohner über eine anstehende Bundesliga-Saison unterhalten; gefühlt kann die gesamte Fußballwelt in Flammen stehen, weil die Verantwortlichen auf dem Transfermarkt wieder einen miesen Job gemacht haben, weil der Trainer ja ohnehin nur ein Dampfplauderer ist und an allen Ecken und Enden das Geld fehlt. Das Bremer Weserstadion kann komplett umzingelt sein von mieser Laune und Defätismus – und dann wird das Flutlicht angeworfen, das erste Heimspiel der Saison geht los, und all das ist auf einmal wie fortgeblasen, ohne Ankündigung, einfach so.

Wer waren diese elf Männer, und was hatten sie mit den Spielern des SV Werder gemein?

Schalke beginnt gegen die Münchner mit tonnenschwerer Ehrfurcht auf den Schultern – am Ende reicht es zu einem 0:0. Manuel Neuer wird auch bei seinem wohl letzten Gastspiel in seinem früheren Wohnzimmer nicht verschont.

Diese Frage dürften sich einige der wirklich zahlreichen Bremer Pessimisten gestellt haben, als sie am Samstagabend am Weserufer entlangspazierten. Mit 3:1 hatte die Bremer Elf den Klassenfeind RB Leipzig gerade niedergerungen, und, nun ja, was soll man sagen? Nach allem, was bislang bekannt ist, hatte sich Ousmane Dembélé nicht das Trikot von Marco Grüll übergestreift, an der Seitenlinie dirigierte weiterhin keine überlebensgroße Trainerfigur, sondern der im schwarzen Jogginganzug gekleidete Daniel Thioune. Und auch der Mann, der hinterher mit Händen in den Hosentaschen in der Interviewzone stand, war keiner, dem die deutsche Fußball-Öffentlichkeit das strategische Geschick eines Henry Kissinger zugeschrieben hätte. Es handelte sich um den viel kritisierten Bremer Sportchef Clemens Fritz, und der sagte: „Ich habe das auch registriert, wie von außen draufgehauen wurde. Das macht es noch mal wichtiger, dass wir uns mit diesem Spiel Selbstvertrauen geholt haben.“

Es dürfte ein ganzes Weilchen her sein, seit die Bremer Fans mit einem derart flauen Bauchgefühl in eine Saison gestartet waren. Und ja, auch mit einem derart ausgeprägten Pessimismus. Die Vorsaison: Lief ziemlich desolat und war nur deshalb nicht im Abstieg gemündet, weil es drei noch desolatere Konkurrenten gab, die alles in die Wege leiteten, damit Werder erstklassig bleiben durfte. Der Trainer: nett und charismatisch, bislang aber eben auch wenig erfolgreich. Der sommerliche Transfermarkt: Hatte unter dem Leitmotiv „Kein Geld“ stattgefunden, weshalb dem Verlust von Leistungsträgern wie Mittelfeldmann Romano Schmid lediglich ein paar Wundertüten entgegengesetzt werden konnten. Die Klubführung: Schuld an den leeren Kassen, schuldig gesprochen für Phrasendreschen in Tateinheit mit mangelhaften Managementkompetenzen. Das Schicksal: Hatte sich eindeutig gegen die Bremer eingeschworen, wie nicht zuletzt auch der verletzungsbedingte Ausfall von Jens Stage bis Ende des Jahres beweist, jenes Fußballers also, der (gemeinsam mit Heidenheim, St. Pauli und Wolfsburg) maßgeblich zum Klassenverbleib beigetragen hatte.

Der erste Spieltag, ein 1:4 in Freiburg, schien all die Untergangsphantasien zu untermauern. Entsprechend hatte sich die Spielzeit für viele Bremer Fans bereits als gegen die Wand gefahren angefühlt, noch ehe sie richtig begonnen hatte.

Doch dann: Flutlicht an, Anpfiff des Heimspiels gegen Leipzig – und nach nur wenigen Sekunden grätschte Leihrückkehrer Niclas Füllkrug seinem Gegenspieler David Raum derart wuchtig den Ball weg, dass die Sprechblase in einem Comic „BOOM!“ gelautet haben müsste. Nun war auch das Publikum voll da. Und es war sogleich zu erkennen, wie die Bremer Spieler der bleiernen Tristesse begegnen wollten: mit Kampf, Leidenschaft, einem ausgeprägten Kollektivgeist, ganz viel Herz – sowie einer Art hanseatischem Catenaccio, mit dem alles wegverteidigt wurde, was da aufs Bremer Tor zugerollt kam. Oder wie es Mittelfeldzugang Youri Regeer formulierte, nach gerade drei, vier Tagen im neuen Team: „Ich habe heute 20 Krieger gesehen.“ Als Niederländer ist er aber traditionsgemäß auch den großen Fußballkünsten zugeneigt: Viel fehlte nicht, und Regeer hätte am Samstag sogleich einen Anwärter aufs Tor des Jahres ins Rennen geschickt – seinen Lupfer von der Mittellinie konnte Leipzigs Torwart Maarten Vandevoordt gerade noch an die Latte lenken.

Regeer war am letzten Transfertag von Ajax Amsterdam gekommen, er war somit einer der Neuesten von mehr als einer Handvoll Neuen in der Bremer Startelf: Das Tor bewachte der Este Karl Hein, frisch zur Nummer eins befördert, in der Vorsaison noch Stellvertreter des nach Freiburg abgewanderten Mio Backhaus. Auf der rechten Abwehrseite begann Leihspieler Arthur aus Leverkusen, dessen Dienste ebenfalls am letzten Transfertag gesichert worden waren. Das Bremer Mittelfeld hatte etwas von einem Debütantenball, denn an der Seite von Reeger bekamen dessen Landsmann Ludovit Reis sowie Spielmacher Chuki ein Startelfmandat erteilt; beide waren ablösefrei gekommen, der eine aus Brügge (Reis), der andere aus Spaniens zweiter Liga (Chuki).

Und vorn im Sturm durften sich zwei neue Alte, oder genauer gesagt: zwei alte Neue austoben. Oder waren es doch drei? Die auf Leihbasis zurückgekehrten Eigengewächse Eren Dinkci und Füllkrug jedenfalls genießen einen guten Ruf am Weserufer, ihre jeweiligen Treffer hatte man so oder so ähnlich schon mal gesehen: Dinkci schob den Ball nach einem hübschen Steckpass von Chuki ins lange Eck (vierte Minute) und küsste daraufhin das Werder-Wappen; Füllkrug köpfelte einen Eckball ins gegnerische Tor (68.), aus zwölf Metern Distanz und mit eindrucksvoller Wucht. Geflankt hatte da ein Österreicher, der im Aufstellungsbogen als Marco Grüll auftauchte, unter dem Namen jenes Flügelmanns also, der bereits seit zwei Jahren bei Werder kickt und bislang als Verkörperung des Bremer Mittelmaßes gegolten hatte.

Dieser Marco Grüll jedoch war im Weserstadion zuvor noch nie gesichtet worden: Er trieb an, dribbelte sich durch engste Räume, traf zum zwischenzeitlichen 3:0. Und wurde hernach von allen Seiten mit Lob überschüttet, von Mitspielern, aber auch von Coach Thioune, der ihm sogar seinen bislang wohl besten Auftritt im Werder-Trikot bescheinigte.

„Nach allem, was in den letzten Monaten war, war klar, dass die Erwartungshaltung relativ gering ist“, sagte Thioune noch: „Für uns ist das aber auch eine Riesenchance, dass sich jeder zeigen kann.“ Probleme als dornige Chancen: Diese Christian-Lindner-Perspektive können jetzt all jene einnehmen, die es mit dem SV Werder halten.

Die Premier League investierte in der Sommertransferphase mehr Geld in neues Fußballer-Personal als die anderen europäischen Topligen zusammen. Manchester City lässt sich allein einen Mittelfeldmann 145 Millionen Euro kosten.

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