Heise 24.06.2026
09:49 Uhr

Warum das Healthtech-Unternehmen Heidi auf den deutschen Markt setzt


Das australische Unternehmen Heidi baut weltweit seine Präsenz aus. Im Interview erklärt Heidis Chief Medical Officer, warum Deutschland so besonders ist.

Warum das Healthtech-Unternehmen Heidi auf den deutschen Markt setzt

Administrative Aufgaben gehören weiterhin zu den größten Herausforderungen im deutschen Gesundheitswesen. Eine aktuelle Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag von Heidi zeigt, dass eine große Mehrheit der Gesundheitsfachkräfte Verwaltungsarbeit als Belastung für die Patientenversorgung empfindet. Rund ein Drittel der Befragten gibt zudem an, mehr als 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für Dokumentation und andere administrative Tätigkeiten aufzuwenden.

Gleichzeitig ist die Haltung gegenüber künstlicher Intelligenz (KI) weiterhin gespalten. Der Umfrage zufolge sehen Gesundheitsfachkräfte KI im Patientenkontakt nahezu gleich häufig als Chance, als Risiko oder als beides zugleich. Viele Befragte nannten jedoch Dokumentation, Verwaltungsaufgaben und die Strukturierung medizinischer Informationen als Bereiche, in denen KI sinnvolle Unterstützung leisten könnte.

Vor diesem Hintergrund baut das australische Healthtech-Unternehmen Heidi seine Präsenz in Europa aus. Das Unternehmen entwickelt KI-basierte Software für Gesundheitsfachkräfte, darunter ein Dokumentationssystem, das aus klinischen Gesprächen automatisch medizinische Notizen erstellt. Nach Angaben von Heidi unterstützt die Plattform mehr als 110 Sprachen und ist in mehreren Ländern im Einsatz.

Dr. Simon Kos, Global Chief Medical Officer von Heidi, war zuvor Global Chief Medical Officer bei Microsoft und in Führungspositionen bei Cerner und Next Practice beschäftigt. In diesem redaktionell bearbeiteten Interview spricht er über die Rolle Deutschlands bei der internationalen Expansion von Heidi, regulatorische Anforderungen und die Zukunft KI-gestützter Arbeitsabläufe im Gesundheitswesen.

Heidi

Es gibt zwei Arten von KI-Anwendungen im Gesundheitswesen: solche, die bereit sind, sich regulierten Märkten zu stellen, und solche, die das nicht sind. Wir sind weltweit aktiv und können daher frühzeitig auch in weniger regulierten Märkten ausrollen. Gleichzeitig orientieren wir uns stets an den höchsten Qualitätsanforderungen. Deutschland und die britische Arzneimittel- und Medizinproduktebehörde (MHRA) setzen aus unserer Sicht die höchsten Maßstäbe.

Obwohl wir in Australien gestartet sind, bleiben Australien und Neuseeland wichtige Märkte. Nordamerika, insbesondere die USA und Kanada, bildet einen weiteren Schwerpunkt. Europa entwickelt sich ebenfalls zu einem solchen Zentrum. Inzwischen haben wir drei oder vier Kernregionen weltweit.

Unser gemeinsames Ziel besteht darin, mithilfe von Technologie diese Tätigkeiten mit geringem Mehrwert zu reduzieren und Zeit sowie Aufmerksamkeit wieder der Patientenversorgung zu widmen. Gleichzeitig ist jede Region anders. Wir unterstützen 110 Sprachen, und dabei geht es nicht nur um Übersetzung. Im Deutschen müssen wir beispielsweise geschlechtersensible Sprache berücksichtigen. In Europa spielen zudem Akzente eine wichtige Rolle. Hinzu kommen Situationen, in denen während einer Konsultation mehrere Sprachen gesprochen werden.

Ferner unterscheiden sich die Gesundheitssysteme selbst erheblich. Jedes Land organisiert seine Versorgung anders. Deshalb wird die Integration in lokale Praxisverwaltungssysteme und elektronische Patientenakten so wichtig.

Ob in der Primärversorgung oder im Krankenhaus: Das Erfassen gesprochener Gespräche – zwischen medizinischem Personal und Patientinnen und Patienten oder auch zwischen Fachkräften untereinander – wird zunehmend zur Standardmethode der Dokumentation werden.

Interessant ist dabei, dass diese Technologie nicht von einer vollständig digitalisierten Infrastruktur abhängt. Selbst in Umgebungen ohne umfassende elektronische Patientenakten nutzen Menschen die automatisch erzeugten Notizen, drucken sie aus und versenden sie teilweise sogar per Fax. Die Einführung erfolgt unabhängig vom Reifegrad der zugrunde liegenden Systeme.

Der zweite Faktor ist die Kultur und die Bereitschaft, neue Technologien anzunehmen. Besonders hohe Akzeptanz beobachten wir in den USA, weil dort erhebliche Dokumentationsanforderungen mit der Abrechnung medizinischer Leistungen verbunden sind. Auch in öffentlich finanzierten Gesundheitssystemen gibt es Verwaltungsaufwand, aber häufig in geringerem Ausmaß.

Hinzu kommen Datenverarbeitung und Datensouveränität. Wir bei Heidi sind der Ansicht, dass Informationen lokal gespeichert und lokal verarbeitet werden sollten. Nicht alle Anbieter verfolgen diesen Ansatz.

Was Heidi etwas unterscheidet, ist die Tatsache, dass wir nicht nur ein KI-Dokumentationsassistent sind. Unser Evidence-Produkt ist ebenfalls in Deutschland verfügbar, und unser Hardware-Angebot wird bald folgen.

In manchen Bereichen konkurrieren wir direkt mit anderen Anbietern, in anderen lösen wir andere Probleme. Es ist ein extrem dynamischer Markt. Allein in den vergangenen zwei Jahren hat sich enorm viel verändert. In Australien gibt es beispielsweise inzwischen mehr als ein Dutzend Anbieter von KI-gestützten Dokumentationslösungen.

Wir beobachten häufig dasselbe Muster: Zunächst versuchen Gesundheitssysteme, eigene Lösungen zu entwickeln. In Neuseeland gab es etwa ein Produkt namens TUI, weil die Unterstützung der Māori-Sprache wichtig war. Singapur entwickelte eine eigene Lösung aufgrund der Vielzahl lokaler Dialekte.

Langfristig wenden sich Organisationen jedoch meist von Eigenentwicklungen ab und greifen auf kommerzielle Anbieter zurück. Lokale Nischenanbieter bleiben bestehen, gleichzeitig entstehen zunehmend globale Plattformen.

Wir entwickeln unsere Lösungen mit Blick auf diese Anforderungen und stellen dieselben Funktionen anschließend weltweit bereit – auch in Märkten, in denen lokale Vorschriften weniger streng sind. Datensouveränität ist für uns wichtig. In Australien war das nicht nur eine ideologische Frage, sondern auch eine praktische. Aufgrund unserer geografischen Lage wollten wir Daten möglichst nahe am Nutzungsort hosten. Außerdem wollten wir nicht von benachbarten Rechtsräumen abhängig sein.

Deshalb wurde Heidi von Anfang an nach dem Prinzip der Datensouveränität entwickelt. Wo immer wir tätig sind, stellen wir sicher, dass Daten in räumlicher Nähe zu ihrem Einsatzort gespeichert werden.

Das ist für Deutschland besonders wichtig. Andere Länder legen weniger Wert darauf, solange die Dienste zuverlässig funktionieren und hohe Sicherheitsstandards gewährleistet sind. Deutschland misst der Datensouveränität jedoch seit jeher eine besondere Bedeutung bei.

Trotzdem bleibt Sicherheit ein zentrales Thema. Wir nutzen die Infrastruktur großer Cloud-Anbieter wie AWS, Microsoft Azure und Google Cloud. Diesen Anbietern vertrauen wir, weil sie enorme Investitionen in Sicherheit tätigen und sehr hohe Standards einhalten.

Viele Anbieter elektronischer Patientenakten entwickeln inzwischen eigene KI-Produkte – Dokumentationsassistenten, Evidenzsysteme, Abrechnungswerkzeuge oder Lösungen zur Workflow-Orchestrierung. Entsprechend besteht häufig der Wunsch, Nutzerinnen und Nutzer im eigenen Ökosystem zu halten, statt fremde Lösungen zu integrieren.

Wir möchten diese Informationen jedoch nicht dauerhaft speichern. Sie gehören in die elektronische Patientenakte oder das jeweilige Praxisverwaltungssystem.

Deshalb wollen wir eng mit Anbietern von Praxisverwaltungssystemen und elektronischen Patientenakten zusammenarbeiten. Sie sind für die langfristige Führung der Patientenakte verantwortlich.

Die kostenlose Version bietet einen grundlegenden Funktionsumfang. Dafür setzen wir kostengünstigere Modelle ein, bieten weniger Anpassungsmöglichkeiten und einen eingeschränkten Support.

Die kostenpflichtige Version liefert ein deutlich umfangreicheres Nutzungserlebnis. viele Fachärztinnen und Fachärzte möchten beispielsweise, dass Berichte ihren persönlichen Stil und ihre eigene Ausdrucksweise widerspiegeln. Mit den kostenpflichtigen Angeboten lassen sich Vorlagen und Arbeitsabläufe wesentlich stärker individualisieren.

Das ist ein bewegliches Ziel, weil sich die Technologie so schnell weiterentwickelt. Wir evaluieren kontinuierlich, welche Modelle sich für bestimmte Anwendungsfälle am besten eignen.

Sie entwickeln die Leitplanken für die Modelle. Unabhängig davon, ob wir eigene oder kommerzielle Modelle einsetzen, verfügen wir über mehrere Prüf- und Validierungsebenen, um sicherzustellen, dass die Ergebnisse sicher und klinisch angemessen sind.

Letztlich ist das Ziel einfach: Zeit und Aufmerksamkeit wieder der Versorgung von Patientinnen und Patienten zu widmen. Daran orientiert sich jedes Produkt, das wir entwickeln.

Das Interview wurde ursprünglich auf Englisch geführt.

(mack)