Heise 26.08.2026
16:41 Uhr

Verfassungsschutz sieht kein Zero-Day-Problem durch mehr Befugnisse


Unternehmen sind stark von Cyberangriffen betroffen, so eine Bitkom-Studie. Verfassungsschutzpräsident Selen warnt vor dem Unterschätzen von Abhängigkeiten.

Verfassungsschutz sieht kein Zero-Day-Problem durch mehr Befugnisse

Die Zahl der Unternehmen, die sich sicher seien, angegriffen worden zu sein, sei gesunken – entsprechend auch der quantifizierbare Schaden. Das berichtet mit dem Bitkom der größte deutsche Wirtschaftsverband im Bereich Informationstechnologie. Grundlage der Zahlen ist eine Umfrage bei Unternehmen in Deutschland mit mehr als zehn Mitarbeitern.

Der konkret bezifferbare Schaden betrage zwischen 211 und 270,8 Milliarden Euro, erläutert Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst die Zahlen. Im Vorjahr hatte die Befragung des Bitkom noch 289,2 Milliarden Euro Schäden ergeben, die Summe läge damit wieder etwa auf dem Niveau von 2021. Insbesondere bei der Quantifizierung der Produktionsausfälle liegen die Unternehmensangaben 2026 deutlich unter denen des Vorjahres. Sie haben sich mehr als halbiert, von 73,3 Milliarden Euro im Vorjahr auf 36,5 Milliarden Euro in der diesjährigen Befragung. Allerdings wären die Gesamtkosten auch weiterhin im unteren dreistelligen Milliardenbereich. Die genannten Beträge enthalten unmittelbar mit dem Vorfall zusammenhängende Kosten, etwa für Produktionsausfälle oder „Erpressung mit gestohlenen Daten“. Ein relevanter Anteil der genannten Kosten entfällt zudem auf Rechtsstreitigkeiten, Datenschutzmaßnahmen oder Imageschäden.

Immer häufiger kämen Hinweise auf Cybersicherheitsvorfälle von den Behörden an die Unternehmen, die Kooperation sei inzwischen etabliert, so Bitkom-Präsident Wintergerst am Vormittag in Berlin. Ein Vertreter, dessen Behörde genau das auch als Aufgabe hat, saß bei der Vorstellung direkt neben dem Giesecke+Devrient-Chef: Sinan Selen, Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der ist für Spionageabwehr und Sabotageschutz zuständig.

Die Umfrage zeigt: 37 Prozent aller Unternehmen meinen, Angriffe staatlichen Akteuren zuordnen zu können. Die Umfrage schlüsselt nicht auf, bei welchen Herkunftsländern das der Fall ist, sondern nur, woher die Angriffe gekommen sein sollen: 52 Prozent hätten sie auf chinesische, 49 Prozent auf russische Angreifer und 9 Prozent auf den Iran zurückführen können. „Deutschland ist konfrontiert mit einer hohen Gefährdung, auch im Cyberraum“, so BfV-Präsident Selen. Die Gleichzeitigkeit und Bandbreite zeige, es gehe nicht um isolierte Einzelaktionen, sondern um Kampagnen – online wie offline. „Extreme Sorge“ bereite ihm die Zunahme staatlicher Akteure. Die Aktivitäten würden einer Agenda folgen – und die bedrohe Deutschland. Immerhin 27 Prozent meinen, dass Angriffe aus den USA gekommen seien.

KI sei „geradezu ein Booster für die Bedrohungslage“, sagte Selen. Die Investitionen in die Härtung von Systemen müssten dringend steigen statt zu stagnieren, wie es die Bitkom-Studie aufzeigte. Die Aufmerksamkeit der Vorstände von Unternehmen für die IT-Sicherheit müsse dringend weiter steigen, so Selen. Deepfakes und Robocalls seien im Angreifertrend, das Patchmanagement müsse angesichts der Herausforderung durch KI-Modelle beschleunigt werden. Das BfV habe etwa einen Vorfall, bei dem eine gesamte Angriffskampagne aus China KI-generiert gewesen sei. Damit sei in Zukunft häufiger zu rechnen, man stehe erst am Anfang einer Entwicklung. Es wäre jedenfalls bereits sehr viel gewonnen, „wenn wir anfangen würden, die bestehende Software vernünftig zu patchen“ und die Integrität bestehender Systeme zu gewährleisten. Einfach nur auf Open Source zu setzen sei nicht die Lösung. „Auch da gibt es Angriffsvektoren, die teilweise auch geradezu provoziert werden“, weshalb es einen Multi-Layer-Approach benötige, analysierte der Verfassungsschutzpräsident.

Staatlichen oder staatlich beauftragten Angreifern gehe es um eine Schwächung und eine Verunsicherung der Gesellschaften. Dysfunktionalität des Staates und des Westens wie etwa, dass der Staat keine Sicherheit mehr garantieren könne, sei Teil des Narrativs und der Kommunikationsstrategie der Angreifer. Darauf brauche es Antworten.

„Wir bauen unsere Fähigkeiten spürbar aus“, so Selen. „Es reicht nicht, wenn Behörden behördlich arbeiten und reaktiv mitteilen: Sie haben ein Problem, es gab einen Cyberangriff.“ Die Prävention müsse gestärkt werden, etwa auch mit dem Abwehrzentrum gegen hybride Bedrohungen, so der Verfassungsschutzpräsident. Für die Zusammenarbeit mit den Unternehmen seien die Warnmeldungen zentral, die inzwischen häufig gemeinsam mit internationalen Partnern veröffentlicht würden. Solche Hinweise, die auch Angaben zu Indicators of Compromise enthalten, würden inzwischen wahrgenommen. Auch heise online berichtet immer wieder über derartige Hinweise von Behörden.

Derzeit steht jedoch etwas anderes im Fokus vieler Diskussionen: Die geplante Reform des Nachrichtendienstrechts soll Bundesnachrichtendienst und Bundesamt für Verfassungsschutz deutlich mehr Befugnisse einräumen. Während Bundesinnenminister Alexander Dobrindt damit den Wechsel von einem Nachrichten- zu einem Geheimdienst vollzogen sehen will, schlägt Selen deutlich leisere Töne an. Es gehe dabei darum, so der Verfassungsschutzpräsident, auch durchzugreifen, wenn ein Angriff oder Vorbereitungen dazu bemerkt würden. „Wir haben Ausspähaktivitäten, die wir erkennen, die nicht zweckfrei passieren, sondern an deren Ende eine Sabotageaktion steht“, erläutert Selen. Es ginge darum, ein umfassendes Bild zu erlangen, aber gleichzeitig auch den Schaden gar nicht erst entstehen zu lassen. „Eigentlich ist es relativ profan, eine Angreiferinfrastruktur schlicht und einfach zu löschen oder zu hemmen“, meint Sinan Selen.

Zudem weist der Verfassungsschutzpräsident Vorwürfe zurück, dass Sicherheitslücken künftig den IT-Sicherheitsbehörden möglicherweise nicht mehr mitgeteilt, sondern nur aktiv genutzt würden. „Diese systematische Ausnutzung von Schwachstellen und ein ‚das enthalten wir dem BSI vor‘, das ist nicht die operative Herangehensweise, die hier erfolgversprechend wäre“, so der Verfassungsschutzpräsident.

„Der Auftrag ist ein eindeutiger: Schutz der Wirtschaft und der Gesellschaft. Und das wird nicht gelingen, wenn wir vorne so tun, als hätten wir die Hauseingangstür gesichert, und hinten dann bewusst die Terrassentür offenlassen.“ Es gehe um fokussierte Maßnahmen, die nicht die Breite betreffen würden.

Bei den Angriffsformen auf Unternehmen dominiert auch weiterhin die klassische Ransomware. Also die Angriffsform, bei der Daten auf den kompromittierten Systemen verschlüsselt werden und gegen Zahlung eines Lösegeldes – meist in Kryptowährungen – die Bereitstellung eines Schlüssels versprochen wird. Die Zahl der Unternehmen, die angeben, dafür bezahlt zu haben, ist dabei gestiegen: 20 Prozent der antwortenden Unternehmen gaben an, einmal gezahlt zu haben – die meisten davon zwischen 10.000 und 500.000 Euro. 66 Prozent gaben an, dass sie keine Zahlung geleistet hätten. Im Vorjahr hatten noch 15 Prozent angegeben, gezahlt zu haben, 70 Prozent verneinten dies.

Die Abhängigkeit von nichtdeutschen Anbietern hatte die Umfrage mit ihren 1003 Befragten ebenfalls ermittelt. Dabei berichten 59 Prozent von einer Abhängigkeit ihres Unternehmens von Sicherheitslösungen aus den USA, 70 Prozent sprachen sich für deutsche und europäische Lösungen aus. Die Problematik betrifft jedoch nicht nur die Sicherheitslösungen, sondern die Verfügbarkeit von Alternativen allgemein. „Viele würden gerne deutsche Software oder deutsche Angebote nehmen“, berichtet Bitkom-Präsident Wintergerst. Selbst da, wo es eine deutsche Alternative geben würde, die aber „vielleicht etwas minderwertig ist oder mehr kostet“, würden Unternehmen dann doch nicht auf die geografisch souveräne Lösung setzen. Der Cloudmarkt etwa sei nach wie vor von den Hyperscalern besetzt – und die stammen vor allem aus den USA.

BfV-Präsident Selen plädiert für „ein bisschen mehr Zero-Trust“ bei der Frage von Schwachstellen und Backdoors, also eine herkunftsland-agnostische Herangehensweise. Die Abhängigkeit sei einzubeziehen, so Sinan Selen: „Wer garantiert mir, dass der Stecker nicht gezogen wird, Support eingestellt oder eine Supportaktivität die Software nur noch eingeschränkt oder nicht mehr funktioniert?“ Das wolle er ausdrücklich nicht auf China beschränkt so sehen – die USA beim Namen nannte Selen jedoch nicht. Software und deren Sicherheit und Resilienz zum Markenkern zu machen, da gebe es „Unterschiede zwischen den Ländern“, so Selen.

(afl)