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09.09.2026
12:44 Uhr
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Berlin hat bei der IT-Sicherheit geschlampt. Den Angreifern hat über Jahrzehnte gewachsene und nur halbherzig modernisierte IT in die Karten gespielt.

Um eines vorweg zu sagen: Dass die Berliner Landesverwaltung erfolgreich angegriffen wurde und dabei in Form eines Phishing-Opfers auch mindestens einen unwissenden Helfer gehabt haben muss, ist erst einmal kein Zeichen besonderer Berlinigkeit. Das hätte grundsätzlich in jedem Netzwerk eines Unternehmens oder einer Organisation passieren können. Auch andere Sachverhalte wie Passwortsammlungen als Klartextdokumente sind zwar übel. Aber auch sie sind keine Besonderheit der Berliner Verwaltung, sondern häufiger anzutreffen, als jedem sicherheitsbewussten Menschen lieb sein kann.
Dennoch ist der Berliner Vorfall ein Musterbeispiel dafür, wie es 2026 einfach nicht mehr laufen dürfte – selbst wenn es vor wenigen Jahren noch viel schlimmer war. Der Vorfall zeigt auf, dass zwar viel über IT-Sicherheit, Angreifer, Beschaffung und Sicherheitslücken geredet wird. Konsequentes Handeln ist aber nach wie vor eine Ausnahme.
Berlin ist IT-technisch weit weg vom Soll. Das hat Gründe, unter anderem die ganz besondere Verwaltungsgliederung. Die Hauptstadt ist ein Stadtstaat – somit gibt es eine Landesebene, die zugleich eine große Einheitskommune ist. Teile der Aufgaben aber sind an die zwölf Bezirke ausgegliedert, die jeder für sich 250.000 (Spandau) bis über 400.000 Einwohner (Pankow) haben. Lange Zeit hatte jeder Bezirk und jede Senatsverwaltung eigenständige IT-Verwaltungen, teils ist das noch heute so. Berlin leistet sich ein IT-Dienstleistungszentrum des Landes, das ITDZ, das unter anderem das Landesnetz betreut und für Land, landeseigene Betriebe und Bezirke Aufgaben erfüllen kann, wenn es dazu beauftragt wird. Mit der Betonung auf „wenn“, aber dazu gleich mehr.
In Berlin ist die IT-Sicherheit formal fast Chefsache. In den vergangenen Jahren bestimmte die CSU-Politikerin Martina Klement als „Chief Digital Officer“ aus der Senatskanzlei, dem Sitz des Regierenden Bürgermeisters, die Landes-IT-Richtung. Seit März 2026 ist sie Wirtschaftsministerin im Nachbarbundesland Brandenburg, ihr glückloser Nachfolger Matthias Hundt hielt sich nur zwei Monate.
Der aktuelle Amtsinhaber Florian Hauer ist allerdings nur CDO im Nebenberuf – er ist hauptberuflich Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten und Internationales sowie Bevollmächtigter des Landes Berlin beim Bund. Hauer ist erst seit wenigen Monaten im Amt, als im August in den Teilnetzen von zwei Senatsverwaltungen unzulässige Zugriffe detektiert werden. Da haben die Angreifer von Rhysida längst wertvolle Informationen erbeutet.
Nun lässt sich schwerlich behaupten, dass das Land gar keine Konzepte für die Sicherheit von Informations- und Kommunikationstechnik hätte. Sowohl die Leitlinie Informationssicherheit als auch die Beschreibung zur IKT-Sicherheit sind lange ausgearbeitet – allerdings seit 2017 auch nicht mehr überarbeitet worden.
Tatsächlich relevant aber sollte das auch gar nicht mehr sein, immerhin sollte mit „OneIT by ITDZ“ am „BerlinPC“ die gesamte Berliner Verwaltung standardisiert werden. Doch ausgerechnet jene beiden Senatsverwaltungen, in denen der Angriff losging, pflegten noch ihre eigene Infrastruktur. Auch dagegen spricht nichts, wenn diese den aktuellen Standards entsprechen würde.
Real aber handelt es sich laut Mitarbeitern, Verantwortlichen und Abgeordneten in Landes- und Bezirksgremien in den dezentralen Berliner IT-Landschaften so wie auch bei vielen anderen Organisationen vor allem um eines: ein über Jahrzehnte gewachsenes Durcheinander an Systemen. Fachverfahren, Dateiablagen, Elektronische Akten, Office-Anwendungen: All das ist vorhanden, teils vernetzt, von unterschiedlichen Stellen betreut, gesichert – oder eben auch nicht.
Berlins Landesregierung wusste um die Lage: „Die stetig zu beobachtende Professionalisierung der Cyber-Angriffsmethoden und die gravierenden Folgen von Ransomware-Angriffen, die steigende Vielfalt von Schadprogramm-Varianten und kritische Schwachstellen in verbreiteten Softwareprodukten belegen, dass die Cyber- und Informationssicherheit kontinuierlich gestärkt werden muss.“ So steht es in der „Cybersicherheitsstrategie für den Sektor Öffentliche Verwaltung im Land Berlin“, die im September 2026 ziemlich genau ein Jahr alt ist. Sie enthält viele schöne Worte, was alles getan werden müsse. Und das ohne ungebührliche Eile. „Der erforderliche Prozess wurde unter Einbeziehung aller Stakeholder begonnen, um die Bedingungen für eine effektive Verbesserung der Cybersicherheit auf Landesebene zu schaffen“, heißt es an einer Stelle. Nur: Vom realen Vollzug war das Land mit seinen Gliederungen noch weit weg, als Rhysida zuschlug und große Datenmengen kopierte.
Tatsächlich wurde viel spekuliert. Darüber, was alles abgeflossen sei. Wie dramatisch die Lage wäre. Ob höchst geheime Pläne für den Verteidigungsfall mit dem Leak nach draußen geflossen sind. Nein, nur Sachen der untersten Geheimhaltungsstufe seien betroffen, heißt es nun vom „Chief Digital Officer“ in einer vorläufigen Bestandsaufnahme. Doch auch was als „Verschlusssache – Nur für den Dienstgebrauch“ klassifiziert ist, kann in den falschen Händen bereits einigen Schaden einrichten.
Derselbe Senat, der jetzt die Brisanz der geleakten Daten herunterspielt, hat vor wenigen Monaten gar nicht genug betonen können, dass Open Data gefährlich sei. Das könne Anschläge wie den auf das Berliner Stromnetz ermöglichen.
Diese kognitive Dissonanz zwischen beiden Argumentationssträngen ist selbst für Laien kaum zu übersehen. Zugunsten des Infrastrukturschutzes wurde sogar das Landesdatenschutzgesetz ausgehöhlt, um KI und Kameraüberwachung sowie Datenanalysen zu ermöglichen. Dabei ignorierten parallel offenbar Teile der Landesverwaltung die gängigen Pflichten zur Sicherung personenbezogener Daten großzügig.
Und es ist auch derselbe Senat, der über Jahre dem IT-Dienstleistungszentrum zwar Aufgaben zuwies, aber die Finanzierung des Betriebs nicht sicherstellte. Nur weil die Einrichtung, bei der auch die meiste IT-Sicherheitskompetenz im Land gebündelt ist, als Landesbetrieb nicht formal insolvent gehen kann, existiert sie überhaupt noch. Die Schuld daran tragen nicht zuletzt die wechselnden CDOs in der Senatskanzlei.
All das ergibt in Summe doch wieder eine ganz besondere Berliner Melange an Beschwichtigung, Inkompetenz und Informationschaos. Dass der Angriff auch viele andere Organisationen hätte treffen können, ist dabei keine valide Ausrede mehr. Das Ausmaß wäre vermeidbar gewesen, die Dauer hätte kürzer sein können und die Reaktion schneller. Und natürlich könnte Ähnliches auch an anderen Orten passieren – Berlins Voraussetzungen aber waren eben besonders dankbar.
Den Betroffenen hilft das alles nicht. Aber die Berlinerinnen und Berliner könnten bei der Landtagswahl in wenigen Tagen zumindest einmal darüber nachdenken, ob jemand ihnen hier mehr als wortreiche Strategien anbietet.
Auf der Habenseite der Berlin-Rhysida-Debatte steht lediglich, dass angesichts der geplanten Reform des Nachrichtendienstrechts noch niemand einen „Hackback“ des Bundesnachrichtendienstes auf Rhysida-Infrastruktur gefordert hat – selbst wenn die Novelle des Bundesnachrichtendienstgesetz genau das im Prinzip ermöglichen könnte. Mitunter ist es dann eben schon ein Fortschritt, wenn nicht die allerabsurdesten Ideen ventiliert werden. Man ist ja schon für die kleinen Dinge dankbar.
(cku)